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Tobias Kratzer Mephisto über Notre-Dame

aus DER SPIEGEL 12/2021
Foto: peter-juelich.com

• Es ist seine erste Premiere in Pandemiezeiten. Merkwürdig, sehr merkwürdig fühle sich das an, sagt der deutsche Regisseur Tobias Kratzer, 41, diese Aufführung vor menschenleerem Saal in der Pariser Oper. Dafür wird ein Film daraus entstehen, zuerst im Fernsehen und dann auf der Website der Opéra de Paris zu sehen. Sechs Wochen lang hat der Regisseur in Paris den »Faust« von Charles Gounod geprobt und diese Oper von 1859 radikal in die Gegenwart überführt. Sein Gretchen, das bei Gounod Marguerite heißt, trägt Jeans, weiße Sneaker und sitzt in der überfüllten Pariser Metro. Seinen Faust schickt er in die Banlieue, wo die Jugend auf eingezäunten Sportplätzen Basketball spielt. Die Schmuckschatulle, mit der Faust die junge Marguerite umwirbt, gibt er in einem heruntergekommenen Sozialbau ab. »Ich wollte ein zeitgemäßes, kein rein weißes Paris zeigen«, sagt Kratzer. »Und Faust sucht hier nicht nach Weisheit. Mein Faust muss auf seiner Suche nach ewiger Jugend sein gemütliches Wohnzimmer mit der Goethe-Gesamtausgabe im Regal verlassen und raus in die Welt, in ein anderes Milieu.« In vielen kleinen Videofilmen, die auf einen transparenten Gazevorhang projiziert werden, feiert Kratzer ein Paris, das weder lieblich noch romantisch ist. Faust und Mephisto fliegen über die brennende Notre-Dame-Kathedrale, über leere Uferstraßen an der Seine, über Stadtautobahnen. Sehr rau und authentisch – und wahnsinnig schön.

bsa
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