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BOUTIQUEN Messer von Mao

Reiche und Linke reißen sich um Nudelhölzer, Kupferpfannen und gußeiserne Schmortöpfe. Küchenzubehör, altmodisch und teuer, ist »in«.
aus DER SPIEGEL 7/1974

Auf den Regalen stehen Teigrädchen und Buttermodel, Waffeleisen und Kupfertiegel, weißblau gemusterte Weißwursttöpfe aus Steingut und irdene Krüge. Doch die Küchenutensilien, die aussehen, als stammten sie aus Uromas Vertiko, sind fabrikneu.

Die jahrelang gepriesene Asepsis der Anbauküchen soll nun wieder durchbrochen, die Konsumschraube ein Stückchen weitergedreht werden -- rustikales Zubehör muß neuerdings die glatten Plastikflächen schönen.

Noch sind die »Cookshops«, wie sie sich nennen, fast nur in den feineren Gegenden von westdeutschen Großstädten zu finden, etwa am Rande des Münchner Schickeria- und Künstlerviertels Schwabing oder auch in Hamburgs Modewohnquartier Pöseldorf.

Pionierin des neuen Ladentyps ist die Schwedin Karin Möller-Johansen, die Ende 1971 in Ahrensburg bei Hamburg den ersten Cookshop nach skandinavischem Vorbild aufmachte. Sie verkaufte, was auch in der Haushaltswarenabteilung jedes Warenhauses zu finden war. Aber ihre Pfannen waren aus Gußeisen statt aus Aluminium und Teflon, ihre Eierlöffel aus Holz statt Plastik.

Karin Müllers Idee fand so viel Anklang, daß sie schon im Spätherbst vorigen Jahres ihre erste Filiale in Pöseldorf einrichtete, wo Hamburgs feine Hausfrauen seither morgens wieder mit einer Milchkanne einholen gehen. »Am Jahresende«, so bekannte Karin Möller, »hatte ich bereits dreimal soviel umgesetzt, wie nötig gewesen wäre, um auf meine Kosten zu kommen.«

Aber auch Cookshops aus Berlin, München und Düsseldorf meldeten »ein irres Jahresschlußgeschäft« und »derzeit ziemlich leere Regale«. Der Düsseldorfer Importeur und Grossist Nordlys, der seine teuren Töpfe und Tiegel unter der Marke »Gourmet«-Programm unter die Leute bringt, erreichte 1973 eine Umsatzsteigerung von 20 Prozent.

Eine Grillpfanne aus Gußeisen ist die Minimum-Ausstattung eines Gourmets. Möglichst sollte er eine ganze Batterie gußeiserner Töpfe und Kasserollen anschaffen, in denen man angeblich gesünder kocht, weil sie beim Braten und Kochen winzige Eisenmengen an die Kost abgeben. Und manch einer treibt die Vorliebe für Gußeisen noch weiter. So sind gußeiserne Kohleherde aus Dänemark, mit Schamotte ausgekleidet (die ursprünglich für den Export in noch nicht elektrifizierte Landstriche Grönlands und Lapplands bestimmt waren) auch in Westdeutschland wieder gefragt; der Preis: 850 Mark.

Daneben raten die Küchenläden Connaisseurs zum Kauf von Kupfer. In Kupfertöpfen und -pfannen sehen sie nicht nur eine grünspananfällige Augenweide. Vielmehr preisen sie Kupfer als den idealen Wärmeleiter, der sich schnell erhitzt, abkühlt und demzufolge für die Haute Cuisine unentbehrlich sei.

Ein französischer Berufskoch, versichert Karin Möller den Kunden, würde ohne Kupfergeräte die Arbeit erst gar nicht aufnehmen. Freilich: Die kleinste Flambierpfanne in ihrem Laden kostet bereits 113 Mark.

Anhänger der französischen Kochkunst finden in den Küchenläden erstmals auch in Deutschland Pastetenformen, die sich seitlich öffnen lassen, Spezialtöpfe für Wasserbad ("Bain Marie") oder einen sogenannten »Doufeu« -- Topf, in dessen Deckel Eisstücke Platz haben. Die Kälte im Deckel soll das Verdunsten der Feuchtigkeit im Topf verhindern.

Hinter Stapeln von teurem Kupfer, Gußeisen und Emaille machen die Küchenläden den großen Umsatz mit den billigeren Accessoires -- vor allem mit Holz aus Skandinavien (Löffel, Quirle, Tranchier- und Käsebretter), aber auch mit Korbwaren (für Brot, für die Rotweinflasche, für den Reis) und mit scharfen Tranchier- und Küchenmessern. Die schärfsten, behauptet die Berliner Küchenboutique Stöckle, kommen aus Maos China.

Die besten Kunden freilich, darüber ist man sich in Deutschlands Küchenboutiquen einig, sind männliche Hobby-Köche, meist Junggesellen. Sie schauen beim Kauf von Küchenutensil auch weniger aufs Geld als Frauen.

Der Antiquitätenhändler und Schauspieler Rainer Penkert, Gründer des Münchner »Küchenladens«, sieht in der wachsenden Zahl von Männern, die sich bei ihm eindecken, sogar das Merkmal einer neuen Befreiungsbewegung: »Wenn Männer sich eine Schürze umbinden und zum Kochlöffel greifen, dann nenne ich das Emanzipation.«

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