Margarete Stokowski

#MeToo-Bewegung Es hat in Deutschland noch gar nicht geknallt

Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Mit Worten ist es im Feminismus nicht getan, es braucht Handlungen und Konsequenzen. Fälle wie der des Comedians Luke Mockridge zeigen: In Deutschland hat #MeToo faktisch nicht viel geändert.
Maren Kroymann spricht beim Deutschen Comedy-Preis über »einen Kollegen«

Maren Kroymann spricht beim Deutschen Comedy-Preis über »einen Kollegen«

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Rolf Vennenbernd / picture alliance / dpa

Ist es nicht komisch? Es gibt lauter Dinge, die man angeblich »seit #MeToo« nicht mehr tun oder sagen darf, es gab Rückblicke mit Titeln wie »Ein Jahr / zwei Jahre / drei Jahre nach #MeToo«. Das Ding ist: In Deutschland hat sich seitdem faktisch nicht viel geändert. Außer dass immer wieder darauf verwiesen wird, dass seitdem ja alles irgendwie anders ist. Aber – was genau? Könnten Sie zehn berühmte Männer in Deutschland nennen, die wegen Fällen von Belästigung oder Vergewaltigung seitdem ihren Job verloren haben, öffentlich gecancelt wurden, richtig tief gefallen sind? Ich auch nicht. Ich würde aber gern.

Heute ist es genau vier Jahre her, dass in der »New York Times« ein Artikel erschien, in dem es um die Verbrechen von Harvey Weinstein ging. Zehn Tage später rief die Schauspielerin Alyssa Milano auf Twitter dazu auf, »me too« unter ihren Tweet zu schreiben, wenn man sexuelle Übergriffe erlebt hatte. Ohne Frage ist daraus eine Debatte, vielleicht eine Bewegung entstanden. Aber nur weil dieses »me too« seit 2017 in vielen Ländern Wellen geschlagen hat und immer noch eine Formulierung ist, die verwendet wird, sollte man sich nicht ablenken lassen: In Deutschland sind wir seitdem kaum einen Schritt weitergekommen.

Damit möchte ich nicht die Erfolge kleinreden, die es bisher gab, im Gegenteil: Es hat überhaupt noch nicht richtig geknallt. Alle wissen, was #MeToo ist, aber Tätern geht der Arsch noch nicht genug auf Grundeis. Täter fühlen sich immer noch zu sicher, und Opfer haben oft noch zu viel Angst zu sprechen. Weinstein wurde verurteilt, kürzlich auch R. Kelly – und in Deutschland? Wer im Moment besonders aufpassen muss, sind nicht mächtige Männer, die in der Vergangenheit gewalttätig waren, sondern diejenigen, die darüber sprechen.

Das konnte man bei der Debatte zu »Deutschrapmetoo«  sehen: Nika Irani, die dem Rapper Samra eine von diesem bestrittene Vergewaltigung vorgeworfen hat, berichtete im Interview von Beleidigungen und Drohungen, die sie seitdem erhält, von einem Angriff auf der Straße , bei dem sie geschlagen und getreten wurde. Man konnte es an dem Fall sehen, der als »der deutsche Weinstein« gehandelt wurde: Dieter Wedel, den die Schauspielerin Jany Tempel eigentlich gar nicht anzeigen wollte. Tempel wollte ursprünglich anonym bleiben und hatte der Veröffentlichung ihres Namens nur zugestimmt, weil sie annahm, die Tat sei verjährt . Sie war nicht verjährt, und während Wedel ein Team aus drei Staranwälten hat, startete Tempel eine Spendensammlung, um ihre Anwaltskosten zu decken .

Und jetzt am Wochenende, als es bei der Verleihung des Comedypreises um den Fall Luke Mockridge ging, fiel sein Name auffällig selten: Ehrenpreisträgerin Maren Kroymann hielt eine wichtige und richtige Rede, sprach aber nur von »einem Kollegen«, auf den T-Shirts von Hazel Brugger und Thomas Spitzer stand: »Konsequenzen für Comedian XY«.

Und das liegt nicht allein am Rechtsstaat, es liegt daran, dass mächtige Männer oft viel Geld für Anwälte und Anwältinnen haben. Wenn #MeToo in Deutschland wirklich etwas bewirkt hätte, dann hätte es unter dem Statement von Luke Mockridge zu den Vorwürfen nicht zahllose Menschen gegeben – auch Prominente –, die sich mit ihm solidarisieren. »Ich glaube dir jedes Wort mein Bruder«, »halte durch«.

Es gibt mindestens drei richtig große Probleme, die es nicht gäbe, wenn #MeToo in Deutschland wirklich erfolgreich gewesen wäre.

  • Erstens: Der erste Reflex ist oft immer noch Täterschutz, und zwar obwohl Mädchen und Frauen permanent davor gewarnt werden, dass Übergriffe passieren können. Die Unschuldsvermutung ist ein sinnvolles rechtliches Prinzip, aber zu viele Leute legen sie so aus, dass sie im Grunde erst glauben würden, dass ein Übergriff stattgefunden hat, wenn sie direkt dabei waren und Blut haben spritzen sehen. Aber so läuft es üblicherweise nicht. Wir lernen von klein auf, dass Frauen alle möglichen Dinge tun sollten, um sich vor Vergewaltigung zu schützen. Die Kleidung so und so, nicht zu spät da und dort unterwegs sein, nicht zu viel trinken, blabla. Aber wenn dann genau das passiert, wovor gewarnt wurde, wird Opfern oft nicht geglaubt.

  • Zweitens: Die Idee, dass Frauen Männern Übergriffe vorwerfen, um damit groß rauszukommen, hält sich beharrlich. Nennen Sie mir fünf Frauen, die damit reich und/oder berühmt geworden sind, dass sie einem Mann sexuelle Übergriffe vorgeworfen haben. Oh, fünf fallen Ihnen gerade nicht ein? Dann nur drei... auch nicht? Na, so was. Journalist*innen, die über solche Fälle berichten, haben oft das Problem, dass Betroffene vor Veröffentlichung ihre Aussagen oder Namen doch zurückziehen. Warum, wenn doch angeblich so angenehme Aufmerksamkeit winkt?

  • Drittens: Es gibt eine falsche Idee von Privatheit. Bei Männern. Die ehemalige Assistentin von R. Kelly  erklärte nach ihrem Auftritt vor Gericht im Fernsehinterview: »Mein Job endet an seiner Schlafzimmertür.« Heißt: Mit privatem Sexkram hatte sie nix zu tun, quasi aus Gründen der Seriosität. Verbrechen mächtiger Männer werden ins Private geschoben, während Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen, immer wieder hören müssen, dass sie es »aushalten müssen«, wenn sie beleidigt oder abgewertet oder bedroht werden, weil sie sich ja für ein Leben als öffentliche Person entschieden hätten. Oder wenn Informationen über sie verbreitet werden, die zutiefst privat sind. Siehe auch: Helene Fischers Schwangerschaft, die von der »Bild« gegen den Willen der Sängerin öffentlich gemacht wurde. Während Frauen Privatsphäre und Würde oft auf grundlegendstem Niveau nicht zugestanden wird, können Männer immer wieder darauf bauen, dass ihr ekelhaftes Verhalten als Privatsache gilt.

All diese Widersprüche führen dazu, dass wir von einer wirklichen gesellschaftlichen Veränderung bezüglich sexualisierter Gewalt noch weit entfernt sind. Das ist nicht nur in Deutschland so. Britische Medien berichteten, dass der Mörder von Sarah Everard, der kürzlich verurteilt wurde, unter Kolleginnen bei der Polizei den Spitznamen »the rapist« (»der Vergewaltiger«)  getragen habe, weil er Frauen gegenüber oft ein »gruseliges« Verhalten gezeigt hätte. In Deutschland gibt es zahllose Gerüchte über mächtige Männer im Kulturbetrieb, in der Wirtschaft, im Sport. Und die Gerüchte werden Gerüchte bleiben, wenn die Situation für Opfer von Übergriffen so bleibt wie jetzt.

Wahrscheinlich wäre die größte feministische Tat, die in Deutschland was verändern würde, die Gründung einer Stiftung oder eines Vereins, der Opfern sexualisierter Gewalt die Anwalts- und Prozesskosten zahlt, wenn sie mit Namen mächtiger Täter an die Öffentlichkeit gehen. Und die Kosten für den Sicherheitsdienst oder Umzug, den sie dann vielleicht brauchen.

Feministin oder Feminist zu sein heißt nicht, sich so zu nennen und ab und zu bei irgendeinem starken Statement wohlwollend zu klatschen. Es werden noch interessante Zeiten anbrechen, wenn diejenigen, die sich längst als feministisch verstehen, merken, dass es mit Worten nicht getan ist, sondern dass es Handlungen, Entscheidungen und Cash braucht, wenn sich etwas ändern soll: dass dann nämlich alle gründlich überlegen müssten, ob sie es noch mit ihrem Selbstbild vereinbaren können, Täter zu decken und mit ihnen zusammenzuarbeiten. Unsere Welt wäre eine andere.

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