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Fernsehen Meuterei auf den Bänken

Deutschlands TV-Shows kommt das Saalpublikum abhanden. Die Claqueure müssen geködert werden.
aus DER SPIEGEL 19/1993

Zielstrebig und mit entschlossenem Lächeln steuert die junge Frau eine vierköpfige Familie aus München-Hasenbergl an, unerschrocken stellt sie ihre Standardfrage: »Hätten Sie Lust, bei einer Spiel-Show dabeizusein?«

»Nicht bei diesem Wetter«, entscheidet streng der Vater, und weiter geht die Suche nach Freiwilligen, die als johlende und klatschende Statisten die Kulisse für immer mehr Billig-Shows und Talk-Runden abgeben sollen. Täglich besichtigen zwar Tausende Neugierige die Bavaria-Produktionshallen in München, doch immer häufiger geben sie den Koberern der TV-Shows einen Korb.

Das Saalpublikum wird anspruchsvoller und erwartet zumindest eine Gegenleistung fürs Mitmachen. Allenfalls Game-Shows haben Zulauf, denn dort locken materielle Anreize - ansonsten kaspern Deutschlands Entertainer vor merklich lichten Reihen.

Beim Endlosplauderer Thomas Gottschalk »gibt es keine Getränke«, mosert eine Zuschauerin, »und schon gar nichts zu gewinnen«. Dennoch muß die Gottschalk-Firma »Brot & Spiele« viermal pro Woche 200 möglichst gutgelaunte Menschen ins »Bavaria«-Studio 3 schaffen. Das gelingt immer seltener, trotz verstärkter Anstrengungen: Längst haben alle Münchner Schulen Werbebriefe erhalten, auch Firmen und Hotels werden nicht mehr verschont.

»Früher brauchte man nur mit einer Eintrittskarte zu winken«, sagt Andreas Thiesmeyer, 45, Geschäftsführer von »Action-Games«, die Sat 1 mit allerlei Spiel-Shows inklusive Publikum versorgt. »Heute muß man erhebliche Klimmzüge machen.«

Zu viele Fernsehzuschauer kennen inzwischen die Studioatmosphäre; die geheimnisumwitterte Welt der Regieassistenten und Kabelträger hat ihre Faszination eingebüßt. Professionelles Anbaggern ist deshalb gefragt, nicht nur in München.

Bundesweit wird ein immer größeres Publikum gebraucht - zumal man in den Sälen nicht immer die gleichen Leute sehen mag. Mindestens 300 000 Zuschauer müssen pro Jahr in deutsche Studios gelockt werden, damit die zahllosen Spiel- und Talk-Leiter nicht vor peinlich leeren Hinterbänken agieren.

Noch können Platzanweiser und Kameraleute aushelfen, um die neue Unlust an den ereignislosen Routineproduktionen zu kaschieren. Demnächst aber werden wohl auch die geschickteste Plazierung und die trickreichste Kameraführung keine tosende Menge mehr suggerieren können. »Action-Games«-Mann Thiesmeyer: »Ab Herbst werden wir eine Agentur mit der Zuschauerbeschaffung beauftragen.«

Im Kölner Raum, wo der Bedarf der Sender RTL, WDR und Vox bereits 80 000 Zuschauer im Jahr beträgt, boomen schon jetzt die Geschäfte mit kommerziellem »Ticketing«, dem Handel mit Saalpublikum. Denn halbleere Ränge drücken auf die Stimmung der Lach- und Klatschgesellschaften. Folge: Die Leute kommen nicht wieder und empfehlen auch Bekannten wegzubleiben.

Zwischen 500 und 3000 Mark pro Aufzeichnung zahlen die Sender für die Vermittlung einer kompletten Studiomannschaft. Der Marktführer »Ticket Team« (Motto: »Bei uns sitzen Sie richtig") bewegt jährlich 30 000 Zuschauer und benutzt für Touren nach München nur »beste Busse mit Fahrern in Anzug und Krawatte«.

Auch die Claqueure dürfen zahlen - für einen Pauschalpreis von 299 Mark bietet ihnen die Agentur nicht nur zwei TV-Aufzeichnungen, sondern auch zwei Übernachtungen in Mittelklassehotels mit Frühstück und eine Führung über das Produktionsgelände.

Hautnaher Kontakt zum Star und die Chance, in die Kamera zu winken, sind die Mindesterwartungen. »Die Leute fühlen sich verarscht, wenn sie nur als Klatschvieh behandelt werden«, sagt Matthias Gerschwitz, 33, Kundenberater der Berliner Firma »Die Werbeagenten« und zuständig für die Versorgung der Krawall-Show »Einspruch!«.

Stundenlanges Ausharren wegen einer technischen Panne ertragen nur noch wenige ohne Murren. Wenn »dann nicht schnell ein paar Bleche Pizza auftauchen«, so ein Studioleiter, droht die »Meuterei auf den Bänken«.

Höflich wie Stewardessen kümmern sich deshalb die jungen Mitarbeiterinnen der Agentur »TV Ticket« seit acht Monaten um die Gunst des Publikums bei »Hans Meiser«, »Der heiße Stuhl« sowie einigen Vox-Talk-Shows. Die geschulten Hostessen sprechen auch jenen labilen Gemütern, die kurz vor Beginn der Show phobisch reagieren und am liebsten wieder hinauslaufen möchten, warme Worte des Trostes zu.

Den billigen amerikanischen Weg mit eingeblendetem Lachen, Trampeln und Klatschen aus der Konserve möchte die deutsche Unterhaltungsgilde noch nicht gehen. Für Jessica Stockmann, 26, Ehefrau des Tennisprofis Michael Stich und im Deutschen Sport-Fernsehen Moderatorin der Froh- und Schwachsinns-Show »Bitte lächeln«, wäre das »wie eine Premiere am Schauspielhaus - und keiner geht hin«.

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