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Literatur Mich muß es packen

Vikram Seths Indien-Epos »Eine gute Partie« hat die englischen Bestsellerlisten gestürmt. Nun geht die deutsche Ausgabe ins Rennen.
aus DER SPIEGEL 40/1995

Bei Schuberts Liedern leuchten seine Augen. »,Die schöne Müllerin'' oder ,Winterreise''«, sagt Vikram Seth, »das gehört für mich zum Schönsten, was es in der westlichen Musik gibt.« Selbst hier, in seiner karg möblierten Londoner Dachwohnung, hat er die Klaviernoten des Wiener Romantikers griffbereit im Regal.

»Und schauen Sie« - Seth blättert an den Anfang des grünen Liederbandes, aus dem er selbst schon oft gesungen hat -, »das Vorwort: ,Nie wohl ist ein so voller dramatischer Effekt mit so geringen Mitteln erreicht worden.'' Ein wunderbarer, beispielhafter Satz! Das hat vor über hundert Jahren Friedrich Max Müller geschrieben, der große Oxforder Indologe.«

Seth, 43, liebt solche Bezüge. Von überall her kann er sich - Heinrich Heine zitierend - »auf Flügeln des Gesanges / fort nach den Fluren des Ganges« begeben. Er schwärmt von Literatur und Reisen, von Musik und Freunden in aller Welt. Schwer vorzustellen, daß dieser Genießer und Weltenbummler beinahe acht Jahre im Obergeschoß des elterlichen Hauses in Delhi verbracht hat, um seinen ersten Roman zu verfassen: »Eine gute Partie«, nun auch auf deutsch erschienen*.

Das Buch hatte etwas ganz Normales werden sollen, ein Roman aus den frühen fünfziger Jahren, ungefähr 200 Seiten lang. Doch dann kam Seth nicht mehr los. »Ich hatte den ersten Teil geschrieben, fast ohne Nachforschungen«, erinnert er sich. »Plötzlich wurde mir klar, daß ich bloß die Tür geöffnet hatte zu einer Riesenmenge Dinge, von denen ich kaum etwas wußte.«

Je dicker sein Manuskript wurde, desto banger wurde ihm. Eine verwickelte Familiensaga, haufenweise indische Politik, aber keine eindeutige Sexszene - wer würde das schon kaufen? Noch heute kann Seth schwer begreifen, weshalb »A Suitable Boy«, im Original 1348 Seiten lang, schlagartig an die Spitze der britischen Bestsellerlisten aufstieg, weshalb Kritiker noch immer jubeln und Jurys ihn loben.

»Ich konnte beim Schreiben nicht zurück. Ich wollte wissen, wie es ausgeht«, sagt er zögernd. Vielleicht liegt darin das Geheimnis.

Denn nicht seine Story, jene lange Suche nach einem Heiratskandidaten für Lata, die nachdenkliche, nur selten aufmüpfige Tochter aus dem Mehra-Clan _(* Vikram Seth: »Eine gute Partie«. ) _(Aus dem Englischen von Anette Grube. ) _(Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg; 1424 ) _(Seiten; 68 Mark. )

in Brahmpur, ist das Fesselnde an dem Buch. Schon gar nicht die vier weitverzweigten Sippen, aus denen fast alle Hauptpersonen stammen. Es ist Seths geduldige Neugier auf schlichten Alltag, der Reichtum an Szenen und Stimmen, der seinen Roman zu einem Meisterwerk macht.

Das Ledermacherviertel etwa mit stinkenden Gerbgruben und Slum-Baracken schildert Seth, als habe er dort gelebt. Perfekt inszeniert er eine Redeschlacht im Parlament des Teilstaates Purva Pradesh. Beim Kricketspiel von Studenten, an dem Latas heimlicher Schwarm Kabir teilnimmt, kann der Leser wie durchs Kameraauge die Flugbahn des Balles verfolgen. Und eine Massenpanik Tausender Pilger, die beim Fest Pul Mela auf das reinigende Bad im Ganges gewartet hatten, beschreibt Seth so lapidar, daß einen das Entsetzen packt.

Über den schwelenden Haß zwischen Hindus und Moslems erzählt er, über das Holi-Fest - eine Art Karneval, wo selbst ein Student seinen Professor ungestraft in die Badewanne schubsen darf -, über Tempelbau, Guru-Lehrstunden oder die ehernen Kastenschranken. Wer oder wen von den drei Heiratskandidaten Lata bekommen soll, diese Frage ist nur ein roter Faden, der von einem der unzähligen Schauplätze und Gesichter Indiens zum nächsten führt, von Geschichte zu Geschichte.

Da ist etwa Maan, Latas Schwippschwager und ein Musterfall des lächelnden Faulpelzes. Während sein Vater Mahesh Kapoor, der Finanzminister, unermüdlich die Landreform vorantreibt, läßt der junge Herr sich treiben. Eigentlich sollte er ein familieneigenes Stoffgeschäft in Benares leiten, doch der Job reizt ihn wenig. Viel lieber spielt er Polo, geht jagen wie ein Radscha und versucht sich als Liebhaber der Sängerin Saeeda Bai.

Selbst als Maan für einen knappen Monat aufs Land zieht, um endlich Urdu, die Muttersprache seiner islamischen Angebeteten, zu lernen, bleibt er dem Elend der Bauern fern. Immerhin, der Hans im Glück wird hellhörig, als er bemerkt, wie gnadenlos Rasheed, sein strenggläubiger Urdu-Lehrer, von der eigenen Landeigentümer-Familie mit Verachtung gestraft wird, nur weil er als Sozialist für ein Ende der rigiden Gutsherrschaft kämpft.

Seth gibt zu, daß ihn viele historische Details zuvor nicht besonders interessiert hatten. Nun aber sollte selbst der Vollmond, der für ein Schäferstündchen gebraucht wurde, mit dem Kalender von damals übereinstimmen.

Anderthalb Jahre brauchte er für die Recherchen. »Parteienstreit, die Nachtklubs von Kalkutta oder Schuhherstellung« - immer wollte er so realistisch wie möglich schreiben, akzeptabel jedenfalls für die kritischen Leser daheim, vor allem in der eigenen Familie.

Die merkte selbstverständlich gleich, daß Dr. Kishen Chand Seth, Latas ewig grollender, nur im Kino hemmungslos schluchzender Opa, ein witziges Porträt von Vikram Seths eigenem Urgroßvater ist. »Einige haben mir gesagt, sie fänden die Figur unglaubhaft«, sagt Seth. »Aber so habe ich ihn doch erlebt! So war er doch! Er hätte mich wohl verklagt, wäre er nicht schon lange tot.«

Meist jedoch borgt er nur einzelnes aus der Wirklichkeit. Haresh Khanna etwa, noch einer, der sich um Latas Hand bewirbt, trägt Züge von Vikram Seths Vater, der lange Jahre für einen tschechischen Schuhkonzern in Indien arbeitete. Nach seinem Vorbild schildert nun der Sohn, wie Haresh, der Inder, die skeptischen Tschechen überzeugt, indem er ganz allein und von Hand ein perfektes Paar Schuhe herstellt.

Aber auch seiner Mutter hat Seth mit Fragen »das Leben schwergemacht«. Leila Seth war die erste Frau, die an Indiens oberstem Gericht amtierte - ideale Expertin also für ihren Sohn, der darstellen wollte, wie sich nach dem Ende der britischen Herrschaft die politischen Bräuche änderten und die Verfassungsmäßigkeit des revolutionären Landreformgesetzes in einem mühsamen Verfahren geprüft wurde.

Einwürfe folgen auf Anträge, Gutachten auf Stellungnahmen, überallhin läßt Seth seinen »kaleidoskopischen Blick« schweifen. »Die großen Themen«, sagt er bestimmt, »müssen immer aus den Interessen, Zielen, Obsessionen und Vorlieben individueller Gestalten hervorgehen.« Beispiel: Als der Prozeß endlich doch mit einem Urteil zugunsten der Landverteilung ausgeht, sackt der ordinäre Radscha von Marh, Großgrundbesitzer und einer der Kläger, vor Schreck ohnmächtig vornüber.

Selbst dieser saubere Herr, bloß eine Nebenfigur, ist den Lesern wohlbekannt: Mitunter nämlich verbringt der Nabob feuchte und fröhliche Abende bei der schönen Kurtisane Saeeda Bai, Maans Geliebter. Immer dichter knüpft sich so das Geflecht der Bekanntschaften und Beziehungen, je weiter die Erzählung vorankommt.

Und die Namen? »Ach, sie waren einfach da, wie die Leute«, meint Seth. Mit der Nachsicht eines Familienvaters kann er über seine Geschöpfe lächeln und ihr Eigenleben betrachten - zum Beispiel Lata, die stets unentschlossen wirkt. Was sie tun würde, darüber brauchte er beim Schreiben nie lange nachzudenken. »Aber ihre Motive kenne ich oft auch jetzt nicht. Seltsam.«

Inzwischen ist Maan, der Glückspilz, seine Lieblingsfigur geworden. Doch auch für Amit Chatterji, den dritten Bewerber um Latas Hand, hat er viel übrig: Amit, indisch erzogen, hat in Oxford studiert, dann zu dichten begonnen und schreibt nun an seinem ersten Roman - wie Vikram Seth, als er an der »Guten Partie« arbeitete.

Ein bißchen läßt Seth seinen Kollegen im Buch schon aus der Schule plaudern. So hat Amit seine dicke Shakespeare-Ausgabe zum besseren Transport mit dem Taschenmesser »in ungefähr 40 Hefte« zerteilt. »Das sind meine, ich könnte sie Ihnen zeigen«, sagt Seth. »Ein Drama pro Heft - ideal. Schließlich soll ein Buch nicht angebetet, sondern gelesen werden.«

Aber so gern er seinen Amit über die Schriftstellerei nachdenken läßt, ein Selbstporträt ist der versponnene Poet nicht. Dafür fehlt zu vieles aus dem Leben des echten Vikram Seth.

Nach dem Studium in England hatte Seth dank eines Stipendiums in die USA wechseln können. In Stanford sollte er als Wirtschaftswissenschaftler promovieren. Doch er schrieb Gedichte. »Ich muß immer von irgend etwas gepackt sein. Meist ist es etwas ziemlich Abseitiges«, sagt er. Chinesisch etwa: Die Sprache fesselte ihn so, daß er nach seinem Studium zwei Jahre in China verbrachte und gleich ein paar Klassiker der chinesischen Lyrik übersetzte.

Noch verrückter war das nächste Projekt. »Ich hatte eine großartige Übersetzung von Puschkins ,Eugen Onegin'' gelesen und versuchte sofort, etwas Ähnliches zu machen.« Das Ergebnis heißt »The Golden Gate«, eine Erzählung über Beziehungskisten im sonnigen Kalifornien, die viel Beifall erntete, aber kaum Übersetzer finden wird: Seth, der Sprachjongleur, hat sie getreu dem Vorbild in langen, frech gereimten Strophen geschrieben.

So munter wie in dieser Yuppie-Ballade möchte er möglichst immer schreiben. Von herben Verfremdungen hält er nichts. Daß ihn Kritiker dafür schon als Seifenopern-Fabrikanten geschmäht haben, nimmt Seth gelassen. »Was ich sagen will, sage ich, vielleicht manchmal lockerer, als einige das mögen. Aber wer Leute überzeugen will, der kann nun mal nichts Falscheres tun, als ihnen Predigten zu halten.«

Da reimt er lieber. In der »Guten Partie« besteht das Inhaltsverzeichnis aus Zweizeilern, und wenn Amit poetisch losschwärmt, fallen ihm schon mal Verse ein, deren Anfangsbuchstaben »LATA« ergeben - auch die Übersetzung bewahrt diesen Spaß.

Deutsche haben es sogar bequemer als die Leser des Originals: Sie bekommen ein Glossar mitgeliefert, einen kleinen indischen Sittenspiegel in Stichworten. Für englischsprachige Ausgaben hat Seth diesen Anhang nicht zugelassen. »Meine Landsleute hätten dann denken können, ich schriebe nur für Ausländer«, erklärt er selbstbewußt.

Im Grunde hält er von Verständnishilfen sowieso nicht viel. Denn Seth wünscht sich Leser, die die Mühsal und Freude seiner Entdeckungen nachvollziehen. »Sehen Sie: Wenn ein Europäer das erste Mal nach Indien fährt, bleibt ihm doch vieles unklar, ohne daß er gleich beleidigt abreist. Thomas Mann fühlte sich in seinen ,Buddenbrooks'' ja auch nicht verpflichtet zu erläutern, was Marzipan ist.«

Johannes Saltzwedel

»Nichts ist so falsch, wie den Leuten Predigten zu halten«

* Vikram Seth: »Eine gute Partie«. Aus dem Englischen von AnetteGrube. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg; 1424 Seiten; 68 Mark.

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