Wendler verkündet Rücktritt bei DSDS Der Milchmädchenmichi

Erst Sänger in Großraumdiscos, dann Reality-TV-Star: Die neueste Wandlung des Sängers Michael Wendler zum Verschwörungstheoretiker ist überraschend - aber nicht unplausibel.
Wendler im März bei seinem Auftritt in der Show "Pocher vs. Wendler"

Wendler im März bei seinem Auftritt in der Show "Pocher vs. Wendler" 

Foto: Rolf Vennenbernd / dpa

Gestern Abend hatte Laura Müller ein Problem. "Ich such' immer noch unseren Frankenstein", seufzte die Frau von Schlagersänger Michael Wendler in ihrer Instagram-Story, positionierte dann zwei Skelette als Halloween-Deko in den Florida-Vorgarten des Paares, schwenkte kurz über einen "ganz coolen Grabstein" und stellte für die nächsten Tage noch die künstlerische Beschnitzung dreier Kürbisse in Aussicht. Während ihr Mann ziemlich zeitgleich und ebenfalls auf Instagram als Juror von "Deutschland sucht den Superstar" zurücktrat, der Bundesregierung vorwarf, mit ihren Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus das Grundgesetz zu verletzten und die Medien als "gleichgeschaltet" bezeichnete, behalf sich Laura mit demselben Manöver, mit dem sie in ihrem Social-Media-Business so gut fährt: Sie legte einen Filter drüber. Mit ein bisschen Deko sieht ja alles gleich viel besser aus.  

Man kann sich in aphoristische Überlegungen flüchten, was sie da wohl gerade genau symbolisch mit ihrer Grabsteinattrappe beerdigte, oder Parallelen zu Melania Trump ziehen, deren Mann ja ebenfalls eine problematische Sicht auf Covid-19 hat und die sich in einem kürzlich geleakten Telefonat auch ausführlich mit häuslichem Schmuckwerk befasste, obwohl man ja denken würde, dass man an der Seite eines Wütemannes womöglich ganz andere Probleme hat als die Lichterketten auf dem South Lawn. Man kann sich aber, wenn man sich die Text-Bild-Schere in den Stories der Eheleute Wendler dann zum dritten Mal anschaut, weil man es schier nicht fassen kann, auch aufrichtig Lauras augenscheinlich unverwüstliches Gemüt wünschen, denn gute Nerven sind gerade Gold wert, und Gold ist ja die einzige Währung, die demnächst, nach dem großen Umsturz, überhaupt noch akzeptiert werden wird, soll Wendler letztens gesagt haben.

Bleierne Überfordertheit

Es war ein Abend, an dem man noch öfter als gerade ohnehin schon "Ich weiß es wirklich auch nicht" sagte, nicht aus Denkfaulheit, sondern aus bleierner Überfordertheit. Eine Stimmung, in der man dann tatsächlich die frisch gestreamten Brüllereien aus dem "Sommerhaus der Stars" anschaute, um ein bisschen runterzukommen. Wahrscheinlich ist dieses wirklich auch anstrengende Trash-TV-Format gerade auch deshalb so beliebt: Wenn die ganze Welt brennt, wirkt ein loderndes Sommerhaus im Vergleich fast so gemütlich wie ein Lagerfeuer.

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Showstar Wendler

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Dass sich nun auch Michael Wendler den prominenten Corona-Leugnern um Attila Hildmann und Xavier Naidoo angeschlossen hat, wirkt allein schon bizarr, durch die gleichzeitige Laura-Dekoarbeiten dann sogar noch grusliger, weil sonderbar casual - kürzlich noch bewarben Müller und Wendler auf ihren Kanälen gemeinsam Zahnbleichschienen, darum scheint es durch diese gedankliche Nähe jetzt fast so, als sei die Eröffnung eines Telegram-Kanals mit den üblichen kruden Verschwörungsvideos inzwischen nur noch eine Lifestyle-Entscheidung - oder eine Art Freundebuch, in das sich die Gleichgesinnten eintragen.

Wendler war während seines schlagerischen Wirkens oft eine Zumutung, ästhetisch, geschmacklich, auch moralisch, aber die Schlagzahl hat sich dabei so rasch erhöht, dass die Nerven nicht mehr nachkommen.

Wie lädiert man inzwischen vom Weltenlauf ist, merkt man daran, wie anstrengend es ist, dabei zuzuschauen. Wendler war während seines schlagerischen Wirkens oft eine Zumutung, ästhetisch, geschmacklich, auch moralisch, aber die Schlagzahl hat sich dabei so rasch erhöht, dass die Nerven nicht mehr nachkommen. Ich verbrachte zu Beginn der Nullerjahre einmal einen Samstagabend mit Wendler, als ich ihn für eine Reportage zu drei Auftritten in Großraumdiscos in diversen Industriegebieten des Großraums Oberhausen begleitete, und auch seine seinerzeitige Grellheit war schon erschöpfend: Wenn ihm ergebene, völlig euphorische Fans auf einem dunklen Elektrogroßmarktparkplatz ihre Kleinkinder entgegen reckten, womöglich zur Segnung, stolz seine alte Unterschrift auf dem Oberarm zeigten, die er sich als Tattoo hatte nachstechen lassen, oder wenn man mit Hochblutdruck bei ihm im Auto saß, weil der Fahrer so schnell durch den Regen raste und dabei ohrenbetäubend laut ausschließlich Wendlermusik aus den Boxen bretterte.

Wie ein zurechtcoiffierter Königspudel

Zuletzt stieß dann vor allem seine pimphafte Zurschaustellung der jungen Freundin ab. Wie jedes Kitschwerk blieb er dabei auch Faszinosum, weil man ja auch einen zurechtcoiffierten Königspudel bestaunt. Zumindest ist das meine Rechtfertigung, warum ich damals tatsächlich den nachgemachten Verlobungsring kaufte, den Wendler und Müller in einer huldvoll gemeinten Ramschaktion gleich mit der Verkündigung des frohen Anlasses verscherbelten.

Als Telegram-Rauneverstärkung kann Wendler nun tatsächlich mehr Schaden anrichten als mit seiner Musik. Man solle doch einfach nicht die falschen Menschen berühmt machen, heißt es nun, auch Trump ist ja aus der Schaumschlägerei des Trashs geboren, damit sie dann nicht versehentlich mächtig werden. Aber wer sind denn die richtigen? Bislang wirkte Michael Wendler wie ein harmloser Discofox-Apologet, mit Textzeilen wie "Dein Hexenhäuschen brennt / doch ich hol nicht die Feuerwehr" und Schmalzliedern, in denen Weibchen leise "beschütze mich" flüstern.

Dass er nun stundenlang mit Hildmann telefoniert haben soll, kommt überraschend, aber unplausibel ist seine Anfälligkeit für derlei Botschaften nicht. Man muss vielleicht zumindest zu einem kleinen Teil dann doch auch an die Schlichtheit mancher Texte glauben, um sie auch singen zu können. Und wer sich selbst so wichtig nimmt, dass er sich einen bestimmten Artikel appliziert und damit selbst zur Sehenswürdigkeit ausruft, ist sicher leicht an der Eitelkeit und am Ego zu packen: der Herkules, die Goldelse, der Wendler!

Die Verunsicherung, die der Fall Wendler gestern beim Zuschauen auslöste, hat eine tiefergehende Komponente. Sie speiste sich am Donnerstagabend ja eben nicht aus der Enttäuschung, jemanden an die Schwurbler verloren zu haben, den man doch für schlauer gehalten hatte, von dem man das nun wirklich nicht erwartet hätte. Die Verunsicherung war viel grundsätzlicher, weil man eben nicht in Ruhe bestürzt sein konnte über das Rekrutierungserfolgsvideo, in dem Hildmann auf Telegram den neuen Kameraden bejubelte, sondern gleichzeitig immer noch eine Perforationsnaht in diese Bestürzung einziehen und mitdenken musste. Und mit jeder neuen Info ständig die Wahrscheinlichkeit kalkulieren musste, ob das Ganze vielleicht doch nur ein elaboriert inszenierter Scherz sein könnte, wie vor allem auf Twitter sofort gemutmaßt wurde.

Ein verunsichertes Männeken

Die Art, wie Wendler sein Insta-Statement vom Blatt las, immer wieder bei zentralen Wörtern wie "Verfassung" und "Grundgesetz" auf sein Skript linsen musste, sprach gleichermaßen gegen und für seine Echtheit. Dagegen, weil man seine tiefe Überzeugung, die einen gar dazu treibt, die doch gerade so schön schnurrende Karriere einfach hinzuschmeißen, eigentlich doch im vollen Brustton der Überzeugung auswendig in die Welt schmettern können sollte. Aber auch dafür, weil dieser Vortrag Wendler trotz aller plakativen Bestimmtheit als das verunsicherte Männeken zeigte, das man bei diversen anderen seiner Inszenierungen schon immer mal durchscheinen sehen konnte. Spätestens, als Oliver und Amira Pocher in pflichtbewusstem Geierkreisen - natürlich abermals bei Instagram - ankündigten, ihre für den späteren Abend geplante RTL-Livesendung im Licht der aktuellen Ereignisse um eine Stunde vorverlegen zu wollen, hielt man das Ganze auch selbst für einen schlechten Scherz, der in besagter Show nach einer halben Stunde gespielter Bestürzung sicher als angebliches Sozialexperiment aufgelöst werden würde.

Gestern Abend wurde, als man noch so überlegte, dann überdeutlich klar, dass es endgültig keinen Plausibilitäts- und Verantwortlichkeits-Damm mehr gibt, hinter den man sich in solchen verwirrenden Momenten kurz kauern könnte. Kein verlässliches "Na, das werden sie ja wohl nicht machen" und kein selbstversicherndes "so weit werden sie gerade jetzt ganz sicher nicht gehen". Die Zweifel an der Echtheit des Wendlerschen Wegtritts sind schließlich auch dann noch nicht ganz ausgeräumt, als tatsächlich sein Manager im Pocherstudio sitzt und weint, weil er seinen Klienten für ernstlich krank hält, und man schämt sich selbst dafür, dass einen inzwischen auch ein weinender Mensch noch nicht vollumfänglich überzeugt.

Richtig glauben kann man, dass Wendlers Wandlung zum Milchmädchenmichi wirklich ernst gemeint ist, erst dann, als sich sein aktueller und gerade mit viel Tamtam enthüllter Werbepartner Kaufland explizit von ihm distanziert und online alle Spots löscht, denn das kann doch nun wirklich nicht sein, dass dies noch Teil eines möglichen Pranks sein soll. Beim Geld nämlich hört der Spaß dann doch immer noch auf. Wenigstens das kann bis auf Weiteres als verlässlicher Leitsatz stehen bleiben. Oder? So wirklich weiß man es tatsächlich nicht mehr, und das ist die eigentliche Tragik.