Michel Abdollahi

Rechte in der Coronakrise Twix heißt wieder Raider

Michel Abdollahi
Ein Gastbeitrag von Michel Abdollahi
Ein Gastbeitrag von Michel Abdollahi
Die Coronakrise entlarvt die Inkompetenz der AfD. Aber auch nach der Krise dürfen wir sie nicht wieder normalisieren - vor allem nicht, weil "der Flügel" zwar aufgelöst ist, sein Gedankengut aber bleibt.
Twix heißt also wieder Raider.

Twix heißt also wieder Raider.

Foto: Getty Images; Lina Moreno/ DER SPIEGEL
Geschlossene Gesellschaft

Was macht Corona mit dem Leben? In dieser Reihe schreiben Künstler, Autorinnen und Denker über die großen Fragen in der Krise.

Alle Artikel zur Coronakrise

Sie wünschen der Bundeskanzlerin wieder mal den Tod, sie sehen sich mit den Schließungen der EU-Grenzen bestätigt, sie erfinden neue Wörter wie "Corona-Migranten", sie ringen verzweifelt nach Gehör. Sie rufen nach mehr Überwachung, sie verbreiten Falschmeldungen und Verschwörungstheorien, sie hetzen, sie pöbeln und sie hassen. Die Neue Rechte ist aktiver denn je, der Shutdown lässt ihre Onlineforen überquellen.

Über den Autor

Michel Abdollahi
Michel Abdollahi

Michel Abdollahi wurde 1981 in Teheran geboren und zog mit seiner Familie als Kleinkind nach Hamburg. Er wurde zunächst als Poetry Slammer bekannt. Abdollahi moderiert diverse Sendungen im NDR, 2016 erhielt er den Deutschen Fernsehpreis. In seinem aktuellen Buch "Deutschland schafft mich. Als ich erfuhr, dass ich doch kein Deutscher bin" setzt er sich u.a. mit dem Aufstieg der AfD auseinander.

Aber die Hetzte interessiert gerade niemanden. Wir haben andere Sorgen. Das wenige, was es aber doch in die Medien schafft, sind  die Absurditäten der AfD - und was immer die gerade macht, sie macht es falsch:

Da war etwa die groteske Landtagssitzung, die sie in Sachsen einforderte, weil sie erst gegen ein Notparlament stimmte, dann den Kompromissvorschlag blockierte und das Parlament wieder antanzen ließ, um die Ausrufung des Katastrophenfalls zu fordern, samt Maßnahmen, die schon längst beschlossen waren.

Oder der "5-Punkte-Plan" der Bundes-AfD zur Bewältigung der Krise. Dumm nur, dass die Bundesregierung auch hier schon vor der Veröffentlichung bereits dabei war, die meisten Punkte umzusetzen. (Gut, Punkt 4 etwa nicht: "Schnelles Internet ohne Preisaufschlag für alle Bürger". Selbst Markus Söder kann Glasfaser und Sendemasten nicht herbeizaubern.)

Als einer der letzten verzweifelten Aufmerksamkeitscoups besuchte die AfD in Hoyerswerda ein Krankenhaus, um sich bei den "Helden des Alltags, welche Tag für Tag unsere Gesellschaft am Laufen halten" zu bedanken. Und um sie zu gefährden - aktuell sind dort wegen Corona keine Besucher erlaubt. Und die Blumen hatten sie auch nicht selbst gekauft.

All das zeigt mal wieder: AfD wirkt eben nicht, AfD behindert, weil sie für gar nichts eine Lösung hat. Sie ist nicht gut im Krisenmanagement. Sie ist in nichts gut, außer im Geschrei. Umsichtiges Handeln sieht anders aus und das goutiert der Wähler mit fallenden Umfragewerten; unter zehn Prozent und damit tiefster Stand seit September 2017.

Die aktuelle Krise hingegen basiert auf Fakten. Wissenschaftler haben die Deutungshoheit übernommen. Sie erklären uns das Virus. Wir sind betroffen. Wir hören zu, wir befolgen und wir versuchen uns zu schützen. Aber nicht nur uns, sondern auch all jene, die sich selbst möglicherweise nicht schützen können. Das nennt man Solidarität, sie tut gut und erstreckt sich auf ganz Europa. Es geht hier um uns alle. Es kann jeden treffen.

Für die AfD ist gewissermaßen die lang herbei beschworene Apokalypse eingetreten - nur weiß sie nicht, was sie machen soll. Man könnte daraus jetzt einen Merksatz ableiten: Wer gut reagiert, gewinnt. Aber so einfach ist es leider nicht immer.

Als Sarrazin uns Intelligenz in Genmodellen darstellte, als Höcke über "Ausbreitungstypen" philosophierte, hätten auch Wissenschaftler die Deutungshoheit übernehmen müssen. Da ging es auch um uns. Stattdessen haben wir besorgten Hobbysoziologen und professionellen Rassisten diese Hoheit überlassen. Wir haben erfundene Fakten diskutiert und die Meinungen dazu analysiert. Die Demokratie hätte sich gegen den wachsenden Rechtspopulismus durch Agilität profilieren müssen. Hat sie aber nicht. Sie hätte mit einer Stimme sprechen müssen. Hat sie aber nicht. "Uns" ist eben nicht immer "uns".

Was gilt, wenn gerade nicht Coronakrise ist: Bis heute ist eins der größten Probleme der Politik, dass oft die Falschen ernst genommen werden. Seit dem Erstarken der Neuen Rechten sind wir in der Defensive. Dabei hätten wir längst die Hoheit über den Diskurs zurückgewonnen haben müssen, damit sich die Gegenseite verteidigen muss, damit sie widerlegen muss.

Dass man aktuell keine Blumen im Krankenhaus an andere Menschen übergeben sollte, erschließt sich selbst dem letzten Hinterwäldler. Warum gilt Ähnliches nicht, wenn es um Rassismus geht?

Rassismus ist auch ein Virus, der sich in der Gesellschaft festgesetzt hat. Dieses Virus befällt Menschen und tötet sie. Aber eben nicht alle, noch nicht. Es genießt aktuell immer noch eine zweifelhafte Exklusivität. Würde es alle befallen, wir wären schon längst anders gegen es vorgegangen. Solange wir aber glauben, gegen Rassismus immun zu sein, reicht es meist nicht zu mehr als zu kurzfristiger Betroffenheit. Aber der Hass gegenüber Haltung, wie sie etwa Walter Lübcke zeigte, wird sich weiter ausbreiten. Dann wird auch Herkunft kein Privileg mehr sein. Dann kann es jeden treffen.

Denn der Rassismus ist nicht weniger geworden, wir blenden ihn nur gerade aus, genauso, wie wir die Neue Rechte gerade ausblenden. Doch Corona wird vorbeigehen. Überlassen wir unseren Morgen danach nicht wieder dem Narrativ der Neuen Rechten. Wir müssen die Zukunft gestalten, so wie wir sie uns vorstellen. Wer immer noch mit den Rechten öffentlich debattiert, der nimmt sie und ihre "Sorgen" ernst, lässt sie größer erscheinen, als sie sind, und macht sie schlussendlich nur stärker. Wir müssen das entschlossen eindämmen. Genau wie wir jetzt eindämmen.

Mehr aus der Reihe "Geschlossene Gesellschaft"

Der Verfassungsschutz hat den sogenannten Flügel der AfD kürzlich als rechtsextrem eingestuft. Der hat sich jetzt aufgelöst. Falls die Meldung untergegangen sein sollte: Die AfD merkte unmittelbar danach an, dass diese Mitglieder weiter "integraler Bestandteil" der Partei seien. Ich denke, man wollte niemanden verunsichern. Twix heißt also wieder Raider. Der Inhalt ändert sich nicht. Denken Sie auch immer daran, wenn wieder mit Ihnen über Ihre "Sorgen" diskutiert wird.