Michelle Obama befragt Amanda Gorman Schwesterliche Umarmung von Poesie und Macht
Amanda Gorman auf dem Cover des Nachrichtenmagazins »Time«
Foto:Awol Erizku / TIME
Das »Time«-Magazin hat in einem Akt nationaleuphorischer Folgerichtigkeit eine junge Dichterin auf ihren Titel gehoben. Damit erfährt Amanda Gorman, die mit ihrem Poem »The Hill We Climb« während der Inauguration von US-Präsident Joe Biden einen schillernden Akzent setzte, nun auch ihre publizistische Inthronisation als Lichtgestalt und Hoffnungsträgerin einer hoffnungsbedürftigen Nation.
Der US-äthiopische Künstler Awol Erizku, der zuvor schon Beyoncé im Stil von Jan Vermeers »Mädchen mit dem Perlenohrring« inszenierte, fotografierte die 22-Jährige in Stil und Pose, wie während der Renaissance in Italien weibliche Machtfiguren sich darstellen ließen.
Das Bild von einer aufrechten Gorman in kanarienvogelgelbem Kleid von Greta Constantine funktioniert auch als optischer Verweis auf die Titelgeschichte, in der eine »Black Renaissance« beschworen wird. Im Inneren findet sich ein weiteres Foto mit Gorman und einem Vogelkäfig, eine Anspielung auf »I Know Why The Caged Bird Sings«, ein Gedicht der von Gorman verehrten Poetin Maya Angelou.
Das derzeitige Postergirl eines gesunden Patriotismus' liberaler Prägung (Gorman ist bereits bei einer auf »Diversity« spezialisierten Modelagentur unter Vertrag) wird von keiner Geringeren als Michelle Obama interviewt, die ebenfalls so etwas wie eine Galionsfigur der Bewegung darstellt – und im Gespräch bereitwillig die Rolle der wohlwollenden Patin übernimmt: »Ich muss sagen, ich fühlte mich auch stolz.«
Der »Hurrikan, der jedes Jahr kommt«
Das Reden über die »Renaissance« schwarzer Kultur seit etwa »sechs Jahren« (Obama) darf in europäischen Ohren etwas irritierend klingen – als hätte es Gospel, Jazz, Soul, R'n'B, Hip-Hop und dergleichen nie gegeben. Was mitschwingt, ist womöglich ein Bezug auf die »Harlem Renaissance« der Zwanzigerjahre, mit ihrer Blüte afroamerikanischer Literatur und Malerei. Das Gespräch ist eher eine Engführung der Dichterin als Popstar mit den Interessen einer liberalen Politik.
So lesen sich auch die Fragen, mit denen Michelle Obama ihrer jungen Geistesverwandten Vorlage um Vorlage liefert, ihre märchenhafte Erfolgsgeschichte zu entfalten.
Wie hast du dich auf diesen Augenblick (die Inauguration) vorbereitet? Wie können wir Poesie zugänglich und cool machen, gerade für ein jüngeres Publikum? Woher nimmst du deine Inspiration? Können Gedichte helfen, uns einen Reim auf unsere Geschichte zu machen? Was bedeutet Einheit für dich? Wie gehst du mit dem Druck um? Bist du Optimistin?
Amanda Gorman mit Michelle und Barack Obama bei der Vereidigung von US-Präsident Biden
Foto: POOL / REUTERSGorman spricht über Familiäres und Persönliches und nennt Vorbilder, von Maya Angelou über Tracy K. Smith bis Sonia Sanchez von der bürgerrechtsaktivistischen Black Arts Movement der Sechzigerjahre, aber auch »alte weiße Männer« wie Abraham Lincoln oder Winston Churchill – Meister der suggestiven Rhetorik. Sie selbst will nicht »der Blitz« sein, der nur einmal einschlägt. Sondern der »Hurrikan, der jedes Jahr kommt«. Man werde bald wieder von ihr hören.
Ganz im calvinistischen Geist
In Haltung wie Poesie passt Gorman perfekt zu einem amerikanischen Exzeptionalismus, der sich nach seiner Travestie durch Trump wieder auf seine hehren Ideale beruft. Im Kulturellen bedeutet das eine Beschwörung etwa von Bürgerrechten, den Rechten des Individuums und der Vorstellung, dass allein die Kunst den Menschen von seinen Nöten zu befreien vermag – und nicht nur »gewissen Eliten« gehört.
Für eine kritische Auseinandersetzung mit einem Nationalmythos, der nur bestimmten Gruppen offen steht und nach innen wie außen nicht selten verheerende Wirkungen entfaltet hat, war bei der Inauguration kein Platz.
Wie dieser überraschend schwesterlichen Umarmung von Poesie und Macht zu entnehmen ist, werden beispielsweise soziale Fragen auch künftig nicht gestellt werden. Jedenfalls nicht von Amanda Gorman, die ganz im calvinistischen Geist das Gute auch an der Rolle verdient zu haben glaubt, die ihr zugefallen ist – und, wie dem ermunternden Geplauder mit Michelle Obama im Großforum »Time« zu entnehmen ist, auch künftig zu spielen beabsichtigt.
Was, je nach Perspektive, natürlich eine herrlich amerikanische Geschichte ist. Oder Kitsch.