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Mickey Mouse befragt die Wirklichkeit

Bei der fünften Documenta wird wieder ein »Bilderstreit« ausgetragen: hier Photorealismus, dort Ideenkunst. Die bedeutendste Ausstellung aktueller Kunst hat zum erstenmal ein Thema ("Befragung der Realität">, ist aber auch ohne Gebrauchsanweisung sehenswert. Ihr Theoretiker vermißt die »unverfälschte Menschlichkeit«.
aus DER SPIEGEL 28/1972

Können Sie sich vorstellen«, fragt der Hamburger Ästhetik-Professor Bazon Brock, »daß 35 000 Mann Westbyzantinischer Armee gegen 27000 Mann Ostbyzantinischer Armee ein blutiges Gemetzel veranstalteten, weil die einen Bilderanbeter und die anderen Bilderfeinde waren?«

Für kunstbewußte Zeitgenossen liegt die Vorstellung nicht so fern; denn der Zustand der modernen Kunst gibt immer neuen Anlaß zu erbittertem, wenn auch unblutigem »Bilderstreit«. Jetzt wird der Kampf vor großem Publikum ausgetragen: Seit dem Wochenende steht in Kassel wieder mal eine, die fünfte Documenta zur Besichtigung offen.

Hier Bilderfreunde, dort Bilderverächter -- nie hatte die Documenta« die international gewichtigste Ausstellung zeitgenössischer Kunst, einen so tiefen Zwiespalt zu dokumentieren:

Im klassizistischen »Museum Fridericianum« treiben die Ideen- und Aktionskünstler ihr mehr und mehr materialentrücktes Wesen, Da hält Joseph Beuys aus Düsseldorf ein Büro geöffnet und wirbt für »direkte Demokratie«. Der »Land Art«-Brite Richard Long hat einen Kreis aus Steinen hingelegt, der Holländer Stanley Brouwn teilt auf 200 Karteikarten die Längen von 200 Schritten mit, und am Hausgiebel vermittelt ein Transparent das Scherzwort des französischen Sprüchemachers Ben Vautier: »Kunst ist überflüssig.«

Am zweiten Documenta-Schauplatz hingegen, in der »Neuen Galerie«, sind die wahren Bild-Künstler angetreten. Unter einem Dach mit Beispielen aus »parallelen Bildwelten« (Devotionalienkitsch« Geisteskrankenmalerei, SPIEGEL-Titel) bezeugen neurealistische Gemälde von Autowracks« Grabsteinen oder Künstler-Freunden ein aufgewertetes Interesse am Gegenstand.

Ein plastisches Menschenpaar, das Werk des Amerikaners John de Andrea. lagert nackt und lebensgroß in einem Panoptikum, während US-Künstler Edward Kienholz unter einem Tragluftzelt eine grausige, nur partiell verfremdete Szene aufgebaut hat: Vermummte kastrieren einen Neger, der mit einem weißen Mädchen im Auto saß.

So krud und so verstiegen: Dieser Kontrast markiert die Spannweite gegenwärtiger Kunst -- einer Produktion, die nun in Kassel prägnant und aktuell wie kaum jemals zuvor dargeboten wird. 1972 festigt die Documenta ihren Ruf, auch wenn nicht alle hochgesteckten Ziele der Organisatoren erreicht worden sind.

Anders als früher sollte die im Vierjahresturnus fällige Bestandsaufnahme diesmal unter einem höheren Gesichtspunkt, einem Thema, betrieben werden; es lautet: »Befragung der Realität -- Bildwelten heute«. Dazu hatte der zum »Generalsekretär« berufene Schweizer Harald Szeemann, 39. voriges Jahr ein im Team erdachtes, von Brock formuliertes Konzept präsentiert. Mit Begriffen wie »Wirklichkeit der Abbildung« und »Wirklichkeit des Abgebildeten« verteilte es alle Kunst (und auch viel Nichtkunst) in Abteilungen und Unterabteilungen.

Im weiteren Verlauf der Planung aber wurde die Documenta 5 ihren Vorgängern prinzipiell immer ähnlicher. Die Sparsamkeit der Finanziers (Stadt, Land und Bund gaben statt der erwünschten vier nur 1,9 Millionen Mark) tilgte die vorgesehene Theater-Abteilung aus dem enzyklopädischen Projekt. Es schrumpfte weiter, da beispielsweise den Russen ihr sozialistischer Realismus für Kassel zu schade war. Und endlich widersetzte sich die »Ereignishaftigkeit der Originale« (Szeemann) dem ausgedachten Schema.

Aus Geldmangel ist überdies Brocks Vorhaben einer mit Lernautomaten bestückten »Besucherschule« zum Lichtbildvortrag ("Audiovisuelles Vorwort") über die »Befragung der Wirklichkeit« abgemagert. Besuchern, die noch Genaueres wissen möchten, werden Kauf und Lektüre des 65 Mark teuren, sieben Pfund schweren Katalogs zugemutet -- mit fraglichem Nutzen.

Denn der Marburger Marxist Hans Heinz Holz, der auf 86 Seiten eine zwischen Philosophenjargon und Feuilleton schwankende »kritische Theorie« beisteuert, mißt die Kunst nicht an ihren jeweils eigenen Absichten, sondern an einer philosophisch begründeten Nachahmungs-("Mimesis«-)Lehre. So ausgerüstet, kommt er zu Bewertungen, die bürgerlichen Vorurteilen verblüffend ähneln, er spricht der Pop Art die »künstlerische Redlichkeit« ab, sieht den »Nouveau Réalisme« beim »Sinnlosen, Bedeutungslosen« enden und vermißt allenthalben den »Ausdruck unverfälschter Menschlichkeit«. Bei einem ersten Documenta-Rundgang hat Holz denn auch viel »Scharlatanerie« entdeckt.

Freilich ist das in Kassel angehäufte Material -- unterschiedlich auch im Niveau -- bei weitem zu vielgestaltig, uni durchweg einer einzigen Theorie zu genügen oder auch nur in die (leichter einsehbaren) Begriffsschubladen Brocks zu passen. Doch soweit hat sich der von Szeemann anvisierte Kompromiß zwischen »thematischer Ausstellung« und Kunst-Panorama bewährt: Die Documenta 5 kann mit oder ohne Spezialoptik gewinnreich besichtigt werden.

Neben der bisher besten Auswahl des hart umkämpften Photorealismus, die mindestens Gelegenheit zu Differenzierungen gibt, hat Kassel noch so manche Schau-Attraktion zu bieten -- etwa ein 27 Meter langes Luftschiff, das der Belgier Panamarenko in den größten Raum des »Fridericianum« gezwängt hat, eine Konstellation aus übermannshohen Eisenplatten, vom New Yorker Richard Serra montiert, oder ein Arrangement des Deutschen Reiner Ruthenbeck aus Tuch und Glasscherben.

Stimmungsvolle Environments für Konzert und Meditation haben das amerikanische Team La Monte Young/ Marian Zazeela, der nun in Marokko hausende Deutsche Michael Buthe und der US-Artist Paul Thek als Bereiche separater Wirklichkeit ("individuelle Mythologien") eingerichtet, die alsbald auch den Besucher einbezieht.

Ausstellungs-. wenn schon nicht geradezu Kunst-Gegenstand wird der Documenta-Gast bei Hans Haacke aus New York -- der deutschbürtige Konzept-Artist schafft an einem »Besucherprofil": Er hat Formulare mit Fragen zu Person und Standpunkt ausgelegt ("Wie hoch ist Ihr monatliches Nettoeinkommen?«, »Was halten Sie vom Einfluß der Kirchen in der Bundesrepublik?") und will die Auswertung der Antworten jeweils »or Ort anschlagen.

Andere Künstler wiederum nehmen die Kunst in die Quarantäne von Miniaturmuseen. So zeigt der Schweizer Herbert Distel »178 Künstler in 20 Schubladen« eines Schranks vor -- Kleinstvarianten ihrer Werke, die bekannte Distel-Kollegen aus aller Welt ihm freundlich angefertigt haben, darunter eine »geometrische Mickey Mouse« von Claes Oldenburg.

Oldenburg selbst, Klassiker der sonst in Kassel nicht mehr vertretenen Pop Art, zeigt Fundobjekte als Prototypen seines CEuvres in einem Raum mit dem Grundriß der Mickey-Mouse-Silhouette; der Belgier Marcel Broodthaers gastiert mit seiner Sammlung von Adler-Darstellungen aus Kunst und Alltag -- auch das eine »Befragung der Realität«, wie sie die Documenta zudem mit Belegen aus Werbung, Science-fiction und Stadtplanungs-Utopien vorantreiben will.

Ob freilich die Künstler solche Reflexion in ihrem eigenen Metier befriedigend erledigen können, scheint· dem Theoretiker Bazon Brock »zumindest fraglich«. Vielleicht, so droht er an, müßten sie »doch eben Philosophen und Wissenschaftler werden«.

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