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SPIONAGE Midas im Schlafzimmer

aus DER SPIEGEL 34/1961

Über dem sowjetischen Raketen -Schießplatz am Aralsee dämmerte der Morgen, in Washington ging es auf Mitternacht. Da bekam US-Präsident Kennedy eine militärische Geheimbotschaft.

Was er vor dem Schlafengehen in der Nacht zum vorletzten Sonntag erfuhr, erläuterte sein Pressesekretär am anderen Morgen: »Der Präsident wurde über die letzten Startvorbereitungen in Rußland unterrichtet.« Als der Präsident aufwachte, war Major Titow im All.

Amerikas Raketen-Schnüffler hatten es fertiggebracht, das »Count-down« von Titows Wostok-Rakete (die verwickelte, zeitraubende Prozedur, die jedem Start vorausgeht) über Tausende von Kilometern hinweg bis zum Abschuß zu verfolgen. Und als Radio Moskau am Sonntag, um 8.45 Uhr mitteleuropäischer Zeit, den Start des Wostok-Satelliten bekanntgab, hatten US -Spezialisten offenbar schon dessen Bahn berechnet.

»Wir haben«, prahlte ein amerikanischer Sprecher, »unser Auge am Schlüsselloch zu Chruschtschows Schlafzimmer.«

Die Schlafzimmer-Affäre bestätigte auf bislang eindrucksvollste Weise, daß es den Amerikanern gelungen ist, ein äußerst wirksames- Raketen-Beobachtungsnetz um den Erdball zu spannen. Die US-Schlüssellochgucker informieren sich

- an den Grenzen Rußlands mit Hilfe hochempfindlicher elektronischer Abhörgeräte ("electronic eavesdropping") über den umfänglichen innerrussischen Funkverkehr, der einem Raketenstart zwangsläufig vorangeht;

- in Westeuropa, Grönland, Kanada, Alaska, Ostasien und im Mittleren Osten mit Hilfe riesiger Radargeräte, die - je nach Standort - den Flug sowjetischer Raketen frühzeitig feststellen;

- aus dem Weltraum mit Hilfe von Beobachtungs-Satelliten, die jeden Quadratmeter der Sowjet-Union photographieren und jeden Raketenstart durch Infrarot-Spürnasen entdecken können.

Schon zweimal in diesem Jahre hatten die Amerikaner erkennen lassen, daß ihr Beobachtungssystem hervorragend funktioniert. Am Abend des 3. Februar registrierten US-Apparaturen, wie der Sowjet-Satellit Sputnik VII in den Himmel stieg. Und als Jurij Gagarin am 12. April sein Weltraum -Debut gab, bestätigten US-Behörden den geglückten Start bereits kurz nach der amtlichen sowjetischen Verlautbarung.

Die Amerikaner hätten das Ereignis eher verkünden können: Radar-Meldungen waren schon 20 Minuten nach dem Start ausgewertet, in Code-Signale übersetzt, im Pentagon entschlüsselt und an den wissenschaftlichen Berater des US-Präsidenten, Dr. Jerome Wiesner, weitergeleitet worden.

Aufgrund der umwälzenden technischen Entwicklung der letzten Jahre sagen amerikanische Experten sogar voraus, daß die von Dwight D. Eisenhower unter dem Schlagwort »Open Skies« propagierte, von den Sowjets abgelehnte allgemeine Luftkontrolle zwangsläufig - und zwar ohne Vereinbarung, nach dem Motto »Open Spies« - verwirklicht wird. Die Zuversicht der Amerikaner gründet sich vor allem auf ein Spähersystem mit Satelliten der Typen »Midas« und »Samos"*.

Je ein Samos- und ein Midas -Satellit wurden bereits getestet. Und der erste funktionstüchtige Midas -Satellit (Midas III) schwirrt seit nunmehr vier Wochen in einer Höhe von fast 3000 Kilometern um die Erde. Da seine Flugbahn über die beiden Pole führt, rückt die rotierende Erde in gleichbleibendem Rhythmus jedes Land und jeden Ozean in das Blickfeld des Satelliten. Etwa ein Dutzend solcher Weltraum-Spione würde es

ermöglichen, jeden Teil der Erde ununterbrochen zu beobachten.

»Ohne Ausflüchte«, schrieb die »New York Herald Tribune« Ende vergangenen Monats, »und ohne irgendeinen Versuch, die Dinge geheimzuhalten, bekennen sich die USA zu einer Politik militärischer Satelliten-Spionage über der Sowjet-Union.«

Sowjetische Militärs wetterten denn auch gegen derlei Praktiken, deren Bedeutung ihnen spätestens nach dem Abschuß des U 2-Piloten Francis G. Powers hatte aufgehen müssen. Als die Sowjets die aus den Trümmern des U 2-Aufklärers geborgenen Filmrollen entwikkelten, gab selbst Chruschtschow zu, daß die Aufnahmen hervorragend gelungen waren,

Für die Luftaufklärung durch Flugzeuge gelten heute Maßstäbe, die man noch im Zweiten Weltkrieg für utopisch hielt: Bei der Punktaufklärung etwa kann man auf einem aus zehn Kilometer Höhe gemachten Luftbild jeden Nagelkopf erkennen und auf einem aus 15 Kilometer Höhe gefertigten Photo noch eine Zeitungsschlagzeile lesen. Aus 20 Kilometer Höhe ist jede Fußspur im Schnee erkennbar, und aus 25 Kilometer Höhe läßt sich ein Radfahrer noch von einem Fußgänger unterscheiden.

Ein hochfliegender Aufklärer vermag, wie ein amerikanischer Experte erläuterte, »beispielsweise den wirtschaftlichen Status einer x-beliebigen 'Familie Smith' in allen Einzelheiten zu ermitteln - wie und wann ihr Haus gebaut worden ist, ob es Telephonanschluß hat«.

Mit welchem Auflösungsvermögen die Photoapparate der amerikanischen Weltraum-Satelliten vom Typ Samos, die demnächst scharenweise um den Erdball kreisen sollen, operieren können, ist streng gehütetes Geheimnis. Immerhin sickerte durch, daß ein Samos-Satellit aus einer Flughöhe von 500 Kilometern ein Objekt von drei Metern Durchmesser - also etwa eine Weltraumrakete auf dem Startplatz - noch einwandfrei identifizieren kann.

Unmittelbar nach dem U 2-Debakel hatte die US-Luftwaffe das Samos -Projekt, das 1957 unter der Code -Bezeichnung »E 5« eingeleitet worden war, vorangetrieben. Sie richtete in Offutt (US-Staat Nebraska) und in Sunnyvale (US-Staat Kalifornien) Bildauswertungszentralen mit Dutzenden

geschulter Spezialtechniker ein, die das anfallende Photomaterial der Samos -Satelliten in Tag- und Nachtschicht ausschlachten sollen.

Um die Auswertung der Bilder zu beschleunigen, wandten die Techniker eine revolutionäre Photohilfe an: Die belichteten Filme werden vollautomatisch, aber nur ganz schwach, entwickelt; dann entscheidet eine elektronische Apparatur, die den Streifen abtastet, selbsttätig darüber, welche Methoden bei der Vollentwicklung des Films jeweils angewandt werden sollen, damit den Luftbildern ein Optimum an Informationen entnommen werden kann.

Überdies ermöglichen Infrarot-Geräte Aufnahmen bei Nacht und durch Wolkendecken hindurch. Spezial-Emulsionen der Filme entlarven herkömmliche Tarnung: Das in lebenden Pflanzen enthaltene Chlorophyll färbt die natürliche Landschaft auf den Filmbildern rot; abgerissene Zweige und Äste, die als Tarnmittel dienen, Mimikry-Anstrich und Tarnnetze dagegen erscheinen in mattem Graugrün.

Als »geradezu atemraubend« stufte die »New York Times« daher den Nutzen der Photo-Satelliten ein. Denn: Die Samos-Augen können jeden Truppenaufmarsch ausmachen und auch den technischen Aufwand erspähen, der auf Raketenstarts hindeutet. »New York Times": »In völliger Sicherheit könnte ein solches Himmelsauge die Arbeit von Hunderten U 2-Aufklärern verrichten.«

Vollends abgesichert gegen sowjetische Raketen-Angriffe aber dürfen sich die Amerikaner wähnen, sobald das Midas -Überwachungssystem vervollständigt ist. Die wuchtigen Midas-Satelliten -Midas III ist mit einer Nutzlast von 1,5 Tonnen der schwerste US-Satellit überhaupt - sind mit Instrumenten vollgepackt, die einen Raketenflug schon in den Startsekunden registrieren können. Mußten sich die Amerikaner bislang vornehmlich auf ihre Radar-Stationen verlassen, die bei einem sowjetischen Raketen-Angriff eine Warnzeit von

15 Minuten garantieren - die Rakete braucht für einen Flug über 10 000 Kilometer etwa eine halbe Stunde -, so dürfte sich die Warnieit bei Einsatz der Midas-Satelliten verdoppeln.

Das Midas-System beruht auf einem Prinzip, das - bei technischer Perfektion

- weitaus wirkungsvoller ist als herkömmliches, Radar: der Infrarot-Ortung. Während Radar-Geräte elektromagnetische Wellen aussenden, deren Echo nach Bruchteilen einer Sekunde wieder aufgefangen wird, reagieren Midas-Detektoren nur auf Infrarot-Strahlen (Wärmestrahlen), die das Beobachtungsobjekt selbst aussendet.

Da die heißen Abgase einer startenden Rakete besonders intensive Wärmestrahien aussenden, können Infrarot -Spürnasen einen Raketenstart noch in großen Höhen entdecken. Durch ein ausgeklügeltes technisches System vermag überdies der Midas-Satellit die Wärmestrahlung der Raketengase von Infrarot-Strahlung anderer Objekte (Hochöfen, Waldbrände) zu unterscheiden.

»Hier hat sich«, resümierte die »New York Times« nach dem ersten geglückten Midas-Start, »eine neue Ära für den Aufbau unseres mächtigen globalen Verteidigungssystems aufgetan.«

Die frühzeitige Meldung des Starts der Wostok II an Präsident Kennedy bestätigte, daß diese Ära tatsächlich schon begonnen hat.

* Midas = Abkürzung für Missile Defense

Alarm System«; Samos = Abkürzung für »Sa tellite and Missile Observation System«.

Amerikanischer Fernaufklärer U 2: Durch Satelliten ersetzt

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