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Schlaf-Forschung Milch für Müde

Wissenschaftler empfehlen einen Schlaftrunk, der nicht aufs Gehirn schlägt, sondern auf den Magen.
aus DER SPIEGEL 30/1972

Manche vertrauen noch aufs Schafezählen, andere auf Whisky, Bier oder Wein -- wenn sie nicht zur Pille greifen (westdeutscher Jahresumsatz: über eine Milliarde Schlaftabletten).

Britische Mediziner haben nun eine neue Einschlaf-Hilfe getestet, weniger mühsam als das Zahlenspiel und ohne das dumpfe Morgengefühl nach Schlaftabletten: Zur Nacht empfehlen sie ein kalorienreiches Mixgetränk aus heißer Milch und Haferflocken.

In England und Amerika ist der milde Schlaftrunk -- ein Glas warmer Milch -- schon seit längerem gebräuchlich. Und oft reichem die Schlafbedürftigen den Milchtrunk noch mit einem Löffel »Horlicks« an -- einer Mixtur aus Trockenmilch und Trockenhaferschleim. Nun aber glauben die Wissenschaftler auch zu wissen, wie der erprobte Gute-Nacht-Cocktail seine einschläfernde Wirkung entfaltet

Mit der Filmkamera testeten P. R. Southwell, C. R. Evans und J. N. Hunt. Mediziner an der Londoner Guy"s Hospital Medical School, den Milch-Mix an freiwilligen Testschläfern. Insgesamt sechs Stunden, von Mitternacht bis sechs Uhr früh, wurden die Versuchspersonen überwacht. Sie hatten zuvor entweder den Milch-Cocktail mit fünf gehäuften Teelöffeln »Horlicks«, warmes Wasser oder überhaupt kein Getränk erhalten.

In Zeitrafferaufnahmen, jeweils in 15 Sekunden Abstand, wurden die Körperbewegungen der Probanden während des Schlafs festgehalten. Ergebnis: Sowohl warmes Wasser als auch der »Horlicks«-Trank hatten sich offenbar beruhigend auf die Körpermotorik der Testschläfer ausgewirkt. Sie bewegten sich während des Schlafs weitaus weniger als die Probanden der Vergleichsgruppe.

Das Resultat wurde noch eindeutiger, als die Forscher eine Feinauswertung der Filme vornahmen. Die sogenannten kleinen Körperbewegungen (etwa von Armen und Zehen) nahmen bei der »Horlicks«-Gruppe mit längerer Schlafdauer ab. Bei den Wasser- und Nichttrinkern hingegen zeigten die Filmaufnahmen eine Zunahme dieser Bewegungen.

Genauere Aufschlüsse über Schlaftiefe und Einschlaftempo wiederum konnte eine zweite Forschergruppe gewinnen, die am Department of Psychiatry der University of Edinburgh »Horlicks«-Trinker testete. Die schottischen Ärzte Dr. Vlasta Brezinová und lan Oswald hatten ihre Probanden in zwei Gruppen eingeteilt -- Durchschnittsalter der einen Testgruppe: 22 Jahre. der anderen: 55 Jahre.

Statt die Testschläfer zu filmen, nahmen die Edinburgher Forscher bei den Testschläfern jeweils acht Nächte lang Anzahl und Ausmaß der Körperbewegungen sowie Hirnstromkurven auf. Ergebnis:

* Die jüngeren Versuchspersonen. die zuvor den »Horlicks«-Mix getrunken hatten, schliefen länger als sieben Stunden und zeigten zudem gegen Ende der Schlafzeit eine geringere Körpermotorik als die Vergleichsgruppe.

* Die älteren Probanden schliefen zwar durchschnittlich 29 Minuten weniger als die jüngeren, aber auch die älteren schliefen nach »Horlicks«-Genuß rascher ein, erreichten schneller die sogenannte Tiefschlafphase und schliefen länger als die Nicht-Trinker der gleichen Altersgruppe.

Den schottischen Testschläfern war überdies gemeinsam: Mit Schlummertrunk schliefen sie durchweg ruhiger und wurden weniger oft wach. Die schlaffördernde Wirkung des Milch-Cocktails führen die britischen Forscher vor allem auf eine günstige Beeinflussung der Magenmuskulatur zurück. Nach Ansicht der Mediziner schlafen Menschen schlecht ein oder durch, wenn ihr hungriger Magen sich zusammenkrampft.

Auch für die Nacht, resümierte das Münchner Medizinerblatt »Euromed«, gelte wohl die Volksweisheit: Essen beruhigt.

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