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THEATER Milde Sorte

Der Hamburger Schauspielhaus-Intendant Peter Zadek, in Shakespeare-Skandalen erprobt, hat »Wie es euch gefällt« inszeniert - diesmal ganz freundlich.
Von Urs Jenny
aus DER SPIEGEL 8/1986

Da kommt ein junger Kerl auf die Bühne, hoppla, wie die Frische in Person: locker, selbstbewußt, sonnig, von einer Spiellaune getrieben, die ausstrahlt und ansteckt. Das junge Mädchen namens Rosalind hat schon recht, wenn es nach einem raschen ersten Blick auf ihn verkündet: »Er sieht wie ein Sieger aus.« Er ist ein Sieger, erstens im Zweikampf gegen einen muskulösen Profi-Ringer, auf den er sich aus purem Leichtsinn, Unsinn oder Todestrotz eingelassen hat, und zweitens überhaupt. Früher gab es dafür die Berufsbezeichnung »Held«.

Seit wann interessiert sich denn Peter Zadek für Sieger? Die großen Männerfiguren, die ihn fasziniert haben, die Rollen wie die Schauspieler: Das waren doch immer Schwierige und Zerrissene, an ihrer Männlichkeit, ihrer Identität Zweifelnde, Zögernde, hochgespannte Exzentriker und Verlierernaturen, die ihre Kraft einem Kampf gegen sich selbst abgewannen. Und nun dieser Blonde, dieser unverdrossene Draufgänger namens Ulrich Tukur, der sich nicht ziert, als seinen Lieblingsschauspieler Hans Albers zu nennen, und dessen Spiel aus der Lust lebt, Schwierigkeiten zu meistern, aus der Lust am Gewinnen.

Ulrich Tukur, scheint es, ist dem Shakespeare-Regisseur Zadek im richtigen Augenblick über den Weg gelaufen: auf der Suche nach Jugend, nach Aufatmen, frischer Frische, neuer Naivität. Für seine »Ghetto«-Inszenierung hat Zadek den Jungen entdeckt, und Tukurs Darstellung des SS-Kommandanten - scharf, zubeißend, intelligent: im Wechsel von Jungencharme zu glitzernder Infamie - war einigermaßen sensationell. Gleich zwei begehrte Schauspieler-Nachwuchspreise wurden ihm dafür zuerkannt, und die Verleihungsfeier im Hamburger Schauspielhaus hat Tukur selbstvergnügt dazu genutzt, sich nicht als Tragöde zu präsentieren, sondern als Schlagersänger mit Freude am schönen Schmalz der fünfziger Jahre.

Theaterstücke, die guten alten, sind immer da. Der redlichste Grund, in einem bestimmten Augenblick ein bestimmtes zu spielen, ist allemal - und bei einem Regisseur wie Zadek besonders - die Neugier auf einen Zusammenstoß schauspielerischer Temperamente. Nun also Tukur, der Entertainer mit dem Starcharme, und ihm gegenüber die stärkste, geradeste, unverlogenste Frau der Zadek-Truppe, Eva Mattes. Sie ist ein Herz, so sanft wie unbeirrbar- sie spielt Tukur vor - und er hält mit -, wie man Komödie spielt: ganz ernst, ganz ohne Faxen, einfach so, man muß es nur können. Sie macht, daß dieses Gewinner-Verlierer-Spiel für sie beide zu einem Sieg wird.

Eva Mattes und Ulrich Tukur haben Zadek auf ein Shakespeare-Gelände gelockt, dem er bisher ziemlich mißtraut hat, weil es durch Subversion nicht zu gewinnen ist: die scheinbar grundgute, heiter märchenhafte, verspielte Komödienwelt. Weg mit dem Grübeln und Wühlen in Abgründen, weg mit der heroischverzweiflungsvollen Anstrengung zum Bösen, die Zadek zuletzt, in der »Herzogin von Malfi«, an die Todesphantasien des Shakespeare-Zeitgenossen John Webster gewendet hat - jetzt soll der Spaß am Spaß herrschen: Laßt uns sein wie die Kinder. Er herrscht dieser Spaß, in Zadeks »Wie es euch gefällt«, es herrscht eine gute Laune, die alles überwältigen will, doch ihr auf den Fersen ist unvermeidlich - Fluch der Güte - eine überwältigende Harmlosigkeit: Schönwettertheater.

Eine buntgescheckte Tingeltruppe, rund zwanzigköpfig, dazu ein Hund, macht sich da auf die Socken, um »Wie es euch gefällt« vorzuführen - und Zadek hat sie mit Absicht ein bißchen durchs niederdeutsche Land tingeln geschickt, von Bad Oldesloe bis Ratzeburg, bevor er sie nun auf das Hamburger Schauspielhaus-Publikum losläßt: Sie geben sich so volksnah, frisch von der Leber weg und naiv, wie man sich gern (und auch wider besseres Wissen) vorstellen möchte, daß Shakespeares Theater gewesen sei, um sich endlich mal frei zu fühlen vom Ballast der Hochkultur.

Ein paar alte Klamotten, ein paar Armvoll Kostüme, ein paar leichte Gardinen, auf die der Maler Johannes Grützke mit lockerem Pinselstrich die Schauplätze hingezaubert hat, dazu das platt-fidele Eröffnungslied »Wir lassen uns das Singen nicht verbieten«, das man dem Publikum entgegenschmettert, um sich Mut anzusingen - das genügt, um eine Spielphantasie freizusetzen, die in Augenblicken des Glücks, des selbstvergnügten Überschusses nicht nur Shakespeares Menschen-Menagerie belebt, sondern noch Getier dazu, das nicht unbedingt im Buche steht: Pfau und Ziege, Frosch und Mücke, Hirsch und Maus.

Mut zum Quatsch ist gefragt, und nur keine falschen Anstrengungen. Juraj Kukura ist nicht genötigt, den bösen Herrscher mit besonderer Niedertracht auszustatten, der zu Beginn des Stückes alle netten Leute aus seinem Reich vertreibt - diese Ungerechtigkeit hat doch ihre Theater-Richtigkeit, damit die Leute sich alle im Wald wiederfinden, rund um einen guten Herrscher, den ebenfalls Juraj Kukura darstellt. Hier ist Theater nicht eine Sache von Schicksalen, sondern von Spielregeln, die durchsichtig sind.

Man vertraut sich dem Ruckel-Zuckel-Tempo der Shakespeareschen Komödiendramaturgie an, der an einem zügigen Fortgang weniger liegt als an hübschen Abschweifungen und Verdrehungen. Marlen Diekhoff ist daran mit rabiaten Tönen beteiligt und Ilse Ritter mit zuckerig zärtlichen, Uwe Bohm mit anrührender Einfalt, Gustav-Peter Wöhler mit listiger Komik und Heinz Schubert mit der schönen Widerborstigkeit eines alten Clowns. Viel Mummenschanz, ein bißchen Akrobatik, Albernheit und ab und zu ein kleines Liedchen - so geht es rund bis zum vierfachen Happy-End, bis zum Revue-Finale, das - weit ist der Broadway von Bad Oldesloe - ein Häppchen »Chorus Line« riskiert: »That's Entertainment!«

In Wahrheit (falls es eine solche gibt) ist Shakespeare natürlich kein Autor für bunte Abende mit dem Allerweltsmotto »Wie es euch gefällt« und Zadek auch kein Regisseur dafür. Er kokettiert mit der Trivialität, doch er ist und bleibt süchtig nach den Künstlichkeiten und Kompliziertheiten der Form, nach der wahren Verwirrung, die sich hinter den grellen Maskeraden versteckt, nach dem Unglück namens Liebe, von dem das Stück in vielen Stimmen erzählt: Da ist es ernst, da hört er zu und hat Geduld, viel mehr als für den aufgedrehten Rummel.

Und dann steht da einer mittendrin, immer im Weg, schmal und sehr einsam, und macht das Spiel nicht mit: Hermann Lause, die Verkörperung aller Zadekschen Zauderer, Pechvögel, Unhelden, aller Skepsis, Melancholie, klugen Bitterkeit. Wenn er erzählt, daß die ganze Welt bloß Theater sei, ist das kein sattes Bekenntnis zum Komödiantischen, sondern die Feststellung eines Mangels der Wirklichkeit, gegen den nur der Schein hilft. Ohne diesen wunderbaren Lause blieb »Wie es euch gefällt« vielleicht eine fröhliche Kinderei; doch er ist da, leise und unübersehbar, und durch ihn scheint Zadek zu sagen: Kinder, dieser ganze Klamauk, das ist nur ein dickes Fell, das wir uns über unsere Empfindsamkeit ziehen müssen.

Urs Jenny

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