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BÜCHER Militanter Pazifist

Alain: »Mars oder Die Psychologie des Krieges«. Aus dem Französischen von Heinz Abosch. Erb Verlag, Düsseldorf; 184 Seiten; 24,80 Mark. *
aus DER SPIEGEL 41/1983

Emile Auguste Chartier (1868 bis 1951) war unter dem Pseudonym Alain im Frankreich der III. Republik (1870 bis 1940) eine intellektuelle Autorität. Der enzyklopädisch gebildete Moralist hat etwa 20 Bücher verfaßt: über Jeanne d'Arc, Descartes, Stendhal, Balzac - und 1951 den Großen Staatspreis für Literatur kassiert. Kritiker haben ihn vor allem als blitzgescheiten Essayisten gerühmt.

Alain sympathisierte mit der Linken: Er schrieb Artikel für sozialistische Zeitungen und ergriff in der Dreyfus-Affäre für den verurteilten jüdischen Hauptmann Partei. Berühmt aber wurde er als militanter Pazifist.

Sein Freund Jean-Paul Sartre hat in seinem jüngst erschienenen Tagebuch (des Zweiten Weltkriegs) an Alain erinnert. Nach Sartre wurde Alain von der französischen Polizei verhaftet, weil er ein Manifest unterzeichnet hatte, in dem die sofortige Beendigung aller Kampfhandlungen mit den Truppen Hitlers gefordert wurde. Alain rechtfertigte diesen »Defätismus« so: Er habe das Wort »Frieden« gelesen und sofort zum Stift gegriffen - ohne den Rest und das Kleingedruckte des Papiers zur Kenntnis zu nehmen. Mit dieser Auskunft wollte Alain seine Unterschrift keineswegs entschuldigen; er wäre für seine Überzeugungen auch ins Gefängnis gegangen.

In seinem symbolisch gegen den Kriegsgott »Mars« gerichteten Buch verarbeitet Alain seine Eindrücke als Soldat im Ersten Weltkrieg, an dem er freiwillig wie an einem »Experiment« teilnahm: um seine Schrecken am eigenen Leib zu erfahren. Alain schrieb das Buch 1921 - als er Philosophielehrer am Pariser Elitegymnasium Henri IV. war, wo Simone Weil (die aus dem jüdischen Bürgertum stammende Philosophin der Arbeiterklasse) und der 1944 in der Resistance gefallene Literat Jean Prevost zu seinen Schülern zählten. Wie andernorts äußert er sich auch in »Mars« in Form manchmal feierlich anmutender »Propos« - in 93 Lektionen, die jeweils einen Gedanken bearbeiten: »Vom Befehl«, »Vom Duell«, »Von dressierten Hunden«.

Vor der Kulisse der chauvinistischen Stimmung seiner Zeit war der kleine Katechismus ein Skandal. Man munkelte von Hochverrat. Aber trotz seines ehrwürdigen Alters und der historischen Distanz zum Inferno von Verdun (und dessen siegestaumeliger Verdrängung in Frankreich) ist er gerade heute wieder aktuell. Aus der Flut der flotten Sponti-Sprüche zum Krieg jedenfalls ragt er fremd und archaisch heraus. Denn der gewissenhafte Alain attackiert, was die Mächtigen unserer Tage zu rehabilitieren versuchen, die Idee des Krieges: »Wenn die Masse der Bürger keinen beständigen und gezielten Druck ausübt gegen jegliche Kriegsvorbereitung und direkt gegen die Kriegsidee, wird der Krieg von selbst ausbrechen.«

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