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MODE / PARIS Minimax

aus DER SPIEGEL 33/1967

Die Sonnenblumen in Yves Saint Laurents Modesalon in der Pariser Rue Spontini senkten die Köpfe in der Schattenglut von 34 Grad.

Doch Daniela, das Mannequin, zog den Stehkragen des schwarzen, knöchellangen Samtmantels hoch und spreizte die Beine: Sie steckten in rabenschwarzen Knickerbockern, Strümpfen und Seidenschuhen.

Mit kaum zehn Schritten Abstand folgte der rabenschwarzen Daniela eine Luciana auf goldenen Füßen. Ein orangeroter Minirock aus Reiherfedern bedeckte ihre. Schenkel eben bis zur Hälfte. Der widersprüchliche Doppelauftritt war erfolgreich: Maxi- wie Minirock, sie heimsten beide gleich viel Beifall ein.

Denn Verwirrung hat sich diesmal der vierhundert Damenreporter bemächtigt, die alljährlich zweimal aus aller Welt zum Defilee von 1500 neuen Kleidern an die Seine eilen. Sie wissen so wenig wie die Couturiers, ob sie nun lange oder kurze Röcke wollen. »Ihr Rock kann kurz, mittellang oder lang sein«, schrieb resigniert die »Sunday Times«, »Sie können machen, was sie wollen.«

Den tiefsten Griff in die Stoffkiste wagte das Haus Lanvin. Zum Vorschein kam eine Flut von Hosen und verwunderlichen Gebilden wie Rock- und Cape-Hosenkleidern, bei denen noch zusätzlich plissierte Taftvolants an Knöcheln oder Waden knistern.

Diese durchgehenden, ohne Verschlußmechanik in die Hosenbeine mündenden Roben werden nach Ansicht von Experten kostspielige Folgen zeitigen. »In den schicken Restaurants wird man die Toiletten umbauen müssen«, moserte die Reporterin der »Herald Tribune«, »denn diese Kleidungsstücke schreien nach Platz und nach der Hilfe zusätzlicher dienstbarer Geister.«

Aus der gleichen Stoffkiste fischte Gerard Pipárt vom Haus Ricci vornehmlich dicke Tweeds für weite Hosen und lange Mäntel, Baretts und Schals. Besondere Aufmerksamkeit erregte das kompliziert-stoffreiche Modell »Mitternachtssport« bei der amerikanischen Reporterin Eugenia Sheppard. »Den einzigen Mitternachtssport, von dem ich je gehört habe«, verwundert sich Eugenia, »betreibt man nicht in solchen Sachen.«

Den weisen Salomon spielte indessen der Modeschöpfer Pierre Cardin« der sonst jeder Modeneuheit noch um Nasenlänge voraus ist. Seine Röcke -- Hosen näht er nur für Herren -- enden handbreit überm Knie, gelegentlich auch handbreit unterm Knie oder gar unentschieden-zipfelig irgendwo zwischen Knie und Knöchel. Auch Jacques Estérel mochte sich zwischen Mini und Maxi nicht entscheiden. Er lieferte beides: bemützten und gestiefelten Schiwago-Look und luftigste Kurzröckchen.

Fast ganz hat sich Marc Bohan, der vor einem Jahr im Haus Dior als erster knöchellange Mäntel gezeigt hatte, des langen Rocks wieder entschlagen. Nur zwei der seltsamen Tweed-Ungeheuer waren in seiner Kollektion zu sehen. Dafür erntete er das Entsetzen aller mit einem neuen Make-up: Er schminkte den Mannequins Herzmündchen, Apfelbäckchen und magere, hochgewölbte Augenbrauen-Striche. Ein Mannequin protestierte gegen die Verunzierung und verließ verschreckt die Avenue Montaigne.

In ihrer Rocklängennot strömten die Modereporterinnen sogar wieder über die Spiegeltreppe von Coco Chanel. Doch trafen sie dort, außer den immergleichen, kniebedeckenden Chanel-Kostümen, nur die 42jährige Bettina, einst Dauerfreundin des 1960 verunglückten Ali Khan, als Überraschung.

Bettina, die elf Jahre lang keinen Laufsteg mehr betreten hatte, trabte mit fülligen Hüften und müden Falten zwischen den goldenen Stuhlreihen entlang. »Ich weiß, ich hätte sie nicht nehmen dürfen«, seufzte die 83jährige Coco, die der reichen Bettina zu neuem Lebenssinn hatte verhelfen wollen: »Wenn ein Mannequin über 40 ist, dann sieht es auch so aus.«

Unwandelbare Treue hingegen bewahren dem echten Kurzrock seine Erfinder. Courrèges läßt weiter füllige Schenkel sehen, und Emanuel Ungaro, der vor zwei Jahren die Courrèges-Ateliers verlassen und sich selbständig gemacht hat, bereicherte den Mini-Look um einen neuen Pfiff: Auf halber Schenkelhöhe, zwischen ledernem Strumpfstiefel und Rocksaum bietet sich, mitten im kalten Winter, einen Fingerbreit nackter Haut dar.

Von solch spärlichen Durch- und Lichtblicken abgesehen, präsentierte sich die Pariser Wintermode überwiegend schwarz.

Es wimmelte von traurigen Witwen in schwarzen Samtkleidern mit weißgestärktem Kragen, in schwarzen Satin-Kostümen mit Jabots und schwarzen Strümpfen. Und selbst eine Pariser Oben-ohne-Variante (bei Torrente) geriet düster: Schwarzseidene Träger halten die dunkle Rest-Robe, die erst knapp unterhalb des Busens anfängt und bald wieder endet. Kommentar des Londoner »Daily Express": »Ein Päckchen schwarzen Farbpulvers wird im Winter 'a girl's best friend' sein.

Schwarz schließlich, was die künftigen Usancen bei der variablen Rocklänge angeht, sieht auch Frankreichs Uralt-Modejournalistin Marie-Louise Bousquet, 83. »Die Alten werden weiter kurz gehen und die Jungen lang.«

* Modelle: Torrente (o.), Estérel (l.)

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