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MEDIZIN / FETTSUCHT Minus 100 minus 10

aus DER SPIEGEL 44/1970

Fette Menschen haben es nicht leicht.« Von ihren Mitmenschen werden sie »wegen ihres großen Appetits belächelt«. Bei den Chirurgen »sind sie gefürchtet«, und von ihren Hausärzten »werden sie ermahnt, weniger zu essen. Und das ist meist das Schlimmste«.

Mit dieser mitleidsvollen Bemerkung begann der Stoffwechsel-Experte und Oberarzt der 1. Medizinischen Universitätsklinik Kiel, Professor Ulrich Gottstein, sein halbstündiges Referat »Fettsucht und Kreislauf«. Rund 800 Mediziner waren am vorletzten Wochenende zur sechsten Bad Mergentheimer Stoffwechseltagung in das fränkische Heilbad gekommen. Thema des anderthalbtägigen Arzte-Treffens: letzter Stand der Fettsucht-Forschung.

Gottstein und die übrigen 14 vortragenden Experten vermochten den 20 Millionen übergewichtigen Bundesbürgern, jeder dritte Deutsche Ist zu dick, nur geringen Trost zu spenden.

Zwar bedeuten, so der Heidelberger Ernährungs-Experte Professor Gottherd Schettler, »Übergewichtigkeit und Fettsucht allein noch keine Einschränkung der Lebenserwartung«.

Aber: Nur die wenigsten Dicken sind dick allein -- »erfahrungsgemäß sind mit der Fettsucht weitere Störungen verbunden« (Schettler). Dazu zählen die Mediziner unter anderem Bluthochdruck, erhöhten Fettspiegel Im Blut, Kreislaufschäden und eine verminderte Lungenfunktion sowie Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus). Auch ein hoher Zigarettenverbrauch vergrößert das Risiko.

Tritt die Fettsucht mit einer oder mehrerer dieser Störungen kombiniert auf, so erhöht sich die Sterblichkeitsrate gegenüber normal- oder untergewichtigen Menschen --

* bei Nieren- und Leberleiden um das Doppelte,

* bei Herz- und Kreislaufkrankheiten um zwei Drittel,

* bei Zuckerkrankheit um das Vierfache.

Gerade beim Diabetes wird der verhängnisvolle Zirkel der Fettsucht deutlich. Denn »nach etwa 20 bis 25 Jahren«, so der Ulmer Stoffwechselforscher Professor Hans Ditschuneit, »werden Dicke mit nahezu tödlicher Sicherheit zuckerkrank«. Und das Risiko eines 45gen mit zehn Prozent Übergewicht, im nächsten Lebensjahr zu sterben, ist etwa 22 Prozent höher als beim Normalgewichtigen*.

Darüber hinaus ist die Chance für den Normalgewichtigen, Unfälle oder * Idealgewicht beim Mann: Körpergröße minus 100 abzUglich zehn (bei Frauen 18) Prozent. Beispiel: 175 Zentimeter groll minus 100 = 75 minus 7,5 87,5 Kilogramm Idealgewicht, »das mit dem 25. Lebensjahr erreicht und gehalten werden Sollte« (Schettler).

auch Operationen zu überstehen, erheblich größer. Nach den Erfahrungen der Chirurgen treten bei übergewichtigen Menschen Komplikationen nach einem Eingriff bis zu dreimal so häufig auf. Auch bei Unfällen sind Dicke etwa durch Kreislaufschock, Bewußtlosigkeit oder Knochenbrüche um 30 Prozent stärker gefährdet als Dünne.

Über die biochemischen Ursachen, die zur Entgleisung des Stoffwechsels Im Organismus führen, haben die Wissenschaftler bislang allenfalls Hypothesen anzubieten. Daß aber der »explosive Anstieg« etwa der Diabetes- und der Koronar-Erkrankungen In der Bundesrepublik In den letzten zwei Jahrzehnten »mit der Luxuskonsumtion« -- mit steigendem Wohlstand und den damit veränderten Eßgewohnheiten -- »eng zusammenhängt«, hält Schettler für erwiesen.

Allein 1988 starben an Krankheiten des Herz- und Kreislaufsystems mehr als 300 000 Bundesbürger, doppelt so viele wie an Krebs und nahezu 20mal mehr, als auf westdeutschen Straßen bei Verkehrsunfällen getötet werden.

Nicht ganz ausschließen mögen einige Fettsucht-Forscher aufgrund von Zwillingsuntersuchungen eine gewisse erbliche Veranlagung zum Dickwerden. Welt mehr jedoch scheinen Umwelteinflüsse eine Rolle zu spielen. Bei Eheleuten, von denen anfangs nur einer dick war, so referierte der Münsteraner Genetiker Widukind Lenz skandinavische Forschungsergebnisse, zeigte sich immer wieder, daß der andere auch übergewichtig wurde, da er sich den Eßgewohnheiten des dicken Ehepartnern allmählich anpaßte.

Einig sind sich die deutschen Fettsucht-Forscher über den Weg, der allein aus dem verhängnisvollen Kreislauf der Krankheiten bei übergewichtigen Patienten führen kann: weniger essen. »Erst einmal muß der Patient von seinem Gewicht runter«, erläuterte denn auch Stoffwechsel-Experte Ernst-Friedrich Pfeiffer, »dann erst kann die Therapie gegen die jeweiligen Begleiterkrankungen beginnen.«

In Pfeiffers Privatstation in der Ulmer Universitätsklinik beispielsweise erhalten fettsüchtige Patienten wochenlang die sogenannte Null-Diät -- ausschließlich geringe Flüssigkeitsmengen und Vitaminpräparate. Bis zu sechs Monaten hat Pfeiffer die völlig kalorienlose Abmagerungs-Diät In einigen Fällen schon ausgedehnt -- mit Erfolg.

Schon nach etwa drei Tagen, so berichtete Pfeiffer, schwand bei den Patienten das Hungergefühl völlig. Und entgegen der landläufigen Meinung, bei Essensentzug verfalle der Patient bereits nach wenigen Tagen, nahmen die Ulmer Null-Esser weder körperlich noch geistig Schaden. Emsige Nebenwirkung (durch den unterbrochenen Eiweißnachschub): Haarausfall. Nach Beendigung der Kur wuchsen die Haare jedoch schnell wieder nach.

»Das Hungern«, so erläuterte Mediziner Gottstein in Mergentheim, »stellt für den Kreislauf des Patienten nie eine Belastung, sondern eine Entlastung dar.« Doch dürfen drastische Hungerkuren, wie die Null-Diät oder auch das Fasten, bei dem der Patient täglich etwa 200 Kalorien erhält, nur unter ärztlicher Kontrolle erfolgen.

Zur Helmpraxis empfahlen die deutschen Ordinarien den versammelten Medizinern, ihren Patienten andere Eßgewohnheiten nahezulegen. Der Verzehr fettreicher Kost und kohlehydrathaltiger Speisen (Kartoffeln und Kuchen), aber auch des Wohlstandsfetts Butter, sollte eingeschränkt werden. Statt dessen sollten dicke Deutsche mehr Margarine (mit hohem Anteil an ungesättigten Fettsäure-Sorten, die auch im Kühlschrank streichfähig bleiben) und Füllstoffe wie etwa Obst und Salat sowie mehr eiweiß- und vitaminreiche Kost zu sich nehmen -- und diese in kleinen Portionen über den ganzen Tag verteilen. Eß-Experte Ditschuneit: »Je häufiger gegessen wird, desto geringer ist die Gewichtszunahme.«

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