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MEDIZIN / KREBSFORSCHUNG Misteln und Muscheln

aus DER SPIEGEL 46/1969

Das Heil kam nicht aus dem Fernen Osten, einem Waschküchen-Labor oder der Praxis eines verkannten Dorfarztes. »Bild« entdeckte letzten Monat das »wirksame Präparat« in einem renommierten Forschungszentrum und erweckte flugs -- verfrühte Hoffnungen: »Spritze gegen den Krebs?«

Entsprechend schnell folgte diesmal das Dementi, Dr. Frederic Vester, Gastwissenschaftler am Münchner Max-Planck-Institut für Eiweiß- und Lederforschung, und seine Mitarbeiter hatten Mäusetumoren mit einem Mistel-Extrakt behandelt. Nun beeilten sie sich zu erklären, ihre Tierversuche könnten allenfalls »eine interessante neue Richtung« für die Suche nach wirksameren Krebs-Medikamenten angeben.

Das Vester-Team ist nur eine von vielen Forschergruppen, die auch mit unkonventionellen Methoden versuchen, wenigstens etliche der rund 120 Krebs-Arten und -Abarten zu besiegen. Denn die Standardtherapien der heimtückischen Krankheit sind lediglich bei bestimmten Krebsformen oder in frühen Stadien der Erkrankung erfolgversprechend: Mit dem chirurgischen Entfernen bösartiger Geschwülste, dem Zerstören von Tumoren durch Bestrahlungen sowie mit chemischen Substanzen, die das Wuchern der Krebszellen hemmen, lassen sich offenbar die Behandlungserfolge nur noch geringfügig steigern.

Aber zunehmend versprechen sich die Forscher Fortschritte in der Krebsbehandlung von weniger massiven und direkten Angriffsmethoden. Überraschend oft haben sie in der letzten Zeit schwache Stellen in Aufbau, Stoffwechsel und Vermehrungsmechanismus der Krebszellen gefunden.

Der Münchner Dr. Vester und sein Team gingen dabei einer mysteriösen Spur nach. Ärzte der Antike und des Mittelalters, Indianer vom Colorado und auch (im Jahre 1920) Rudolf Steiner, Begründer der pseudoreligiösen anthroposophischen Bewegung, hatten der Mistel -- einer Schmarotzerpflanze -- eine heilsame Wirkung bei Geschwülsten zugeschrieben. Mistelsaft wird Krebskranken seit langem von Naturheilkundigen verordnet. Neuerdings scheinen Versuche an der Münchner Universitäts-Klinik zu bestätigen, daß solche Mistelsaft-Präparate zumindest bei der Nachbehandlung bestrahlter Krebspatienten hilfreich sein können.

Vester und seinen Mitarbeitern gelang es, die wirksamen Bestandteile der Mistel zu isolieren: empfindliche, in ihrer Struktur ungewöhnliche Eiweißstoffe. In mehr als 300 Testserien hemmte das Mistel-Konzentrat das Angehen bestimmter überpflanzter Tumoren bei Mäusen. Das pflanzliche Eiweiß war dabei schon in ungewöhnlich geringer Dosis wirksam; die Forscher vermuten, daß es in die entgleisten Regulationsprozesse der Krebszellen steuernd eingreift.

Ähnlich absonderlich ist auch eine Substanz, die derzeit die Pharmakologin (und Ordensschwester) M. Rosarii Schmeer an der Universität von Colorado testet: ein Extrakt aus einer Muschelart der Familie der Venus-Muscheln. Es ist nur einer von den 15 000 natürlichen und synthetischen Wirkstoffen, die pro Jahr allein von amerikanischen Wissenschaftlern im Auftrag des National Cancer Institute auf krebshemmende Wirkung untersucht werden.

Das Muschel-Präparat erwies sich als giftig für Krebszellen, aber harmlos für normale Körperzellen -- freilich vorerst nur im Reagenzglas. Physiker und Chemiker des US-Landwirtschaftsministeriums hinwiederum Isolierten aus Holz und Rinde des südamerikanischen Alligatorbaums eine Substanz, die ebenfalls Kulturen von Krebszellen vernichtet. Und eine Abart des Plastikmaterials, aus dem etwa Verteilerkappen für Automobile gefertigt werden, ist versuchsweise -- wie die Pharmafirma American Cyanamid meldete -- mit Erfolg bei Lungenkrebs angewandt worden.

Längst haben es die Forscher zum Prinzip erhoben, selbst belanglos erscheinende Unterschiede zwischen den gesunden und den entarteten Zellen für eine Attacke zu nutzen:

* New Yorker und Bostoner Mediziner besprühten bestimmte Formen von Hautkrebs mit flüssigem Stickstoff (Temperatur: minus 196 Grad Celsius) -- die Wucherungen heilten ab, das gesunde Gewebe überstand den Kälteschock.

* Deutsche, finnische und britische Forscher berichteten, daß sogenannte Chalone -- jene noch rätselhaften Stoffe, die mutmaßlich die Teilung gesunder Zellen mitregulieren, den Krebszellen aber wahrscheinlich fehlen -- Tumoren bei Tieren hatten verschwinden lassen.

* Ein Außenseiter, ein Ingenieur der US-Raumfahrtbehörde Nasa, fand, daß sich manche Krebszellen gleichsam in Kettenreaktion teilen. Den Befehl zur Teilung gibt dabei eine Zelle an die nächste über mikroskopisch feine Fäden aus Zellflüssigkeit weiter. Diese Fäden ließen sich, zumindest im Reagenzglas, leicht zerstören.

Systematisch beziehen die Krebs-Experten auch neue Wirkstoffe und Verfahren aus anderen medizinischen Anwendungsbereichen in ihre Versuchsprogramme ein. Mit Hilfe des Anti-Lymphozyten-Serums etwa, das Transplantations-Chirurgen zur Unterdrückung der körpereigenen Abwehr gegen verpflanzte Organe verwenden, hat ein britisches Team die Heilung krebskranker Mäuse erreicht.

Die Forscher behandelten die Tiere mit einer so hohen Dosis eines krebshemmenden Medikaments, daß normalerweise der Tod -- durch Zerstörung des Knochenmarks -- die Folge gewesen wäre. Unter dem Schutz des Anti-Lymphozyten-Serums her konnte den Mäusen fremdes Knochenmark eingepflanzt werden.

Und seit Jahren hoffen die Krebsforscher darauf, daß die Abwehrkraft des Organismus schließlich auch gegen Geschwülste mobilisiert werden können. Der Amerikaner Dr. George E. Moore meldete jetzt einen Erfolg.

Moore, Direktor des Roswell-Park-Memorial-Instituts in Buffalo (New York), konnte erstmals weiße Blutkörperchen von Krebspatienten in größeren Mengen züchten. Als er diese Kulturzellen den Kranken wieder injizierte, erhöhte sich ihre natürlich Abwehrkraft gegen Tumorzellen.

Nur wenige der neuartigen Medikamente und Methoden allerdings bewähren sich im Tier-Experiment oder in Einzelfällen am Menschen derart, daß sie in die Routinebehandlung von Krebskranken eingeführt werden können. Der in München von Dr. Vester isolierte Mistel-Wirkstoff etwa hat klinische Versuche erst noch zu bestehen.

Am ehesten erwarten die Wissenschaftler den Durchbruch zu einer sicheren Therapie bei der Leukämie, dem Krebs der blutbildenden Organe. 1947, als das erste Leukämie-Mittel erprobt wurde, konnten die Blutkrebs-Kranken nur mit einer Überlebenszeit von durchschnittlich vier Monaten rechnen. Gegenwärtig gelingt es an etlichen Spezialkliniken, bei neun von zehn Leukämie-Kranken das Fortschreiten des Leidens für längere Zeit aufzuhalten; manche der Patienten leben inzwischen zehn Jahre mit dieser Krankheit.

»Gleichwohl«, so warnte die amerikanische Krebs-Gesellschaft in ihrem letzten Jahresbericht vor Rückschlägen und Enttäuschungen, »gibt es noch keine Heilung.«

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