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Mit Big Mama um den Block

Das Ende der »Schweigepflicht« hat eine Moskauer Staatskommission verkündet: Russische Museen sollen endlich offen zugeben, welche Kriegsbeute in ihren Magazinen lagert. Die Diskussion über die Rückgabe, seit Jahren schwelend, spitzt sich zu. Und die Deutschen müssen auch im Westen nach vermißten Werken fahnden.
aus DER SPIEGEL 42/1992

Die Gäste aus Bremen waren bewegt, und der russische Hausherr war es auch, als er ihnen die Tür zum Geheimkabinett öffnete.

Endlich durften die beiden Deutschen, Museumsdirektor Siegfried Salzmann und Geschichtsprofessor Wolfgang Eichwede, einen Blick auf jahrzehntelang versteckte Kostbarkeiten werfen: auf einige jener vielen Meisterzeichnungen, die seit Kriegsende in der Kunsthalle der Hansestadt vermißt werden. Michail Piotrowski aber, als Chef der Sankt Petersburger Eremitage vorerst noch Hüter der prekären Schätze, empfand die Inspektion zugleich als eine »Befreiung für uns selber«.

Das war vor einem halben Jahr. Nun scheint es mit der Befreiung - bedrückter Seelen ebenso wie gehorteter Kunstwerke - weiter voranzugehen, allerdings mühsam, in kleinen Schritten und gegen erhebliche Widerstände.

Am 18. November soll in der Eremitage eine Ausstellung mit Bremer Zeichnungen eröffnet werden. Erste Katalog-Andrucke mit Reproduktionen konnte der Moskauer Verlag »Kultura« jetzt bei der Buchmesse in Frankfurt vorzeigen - eine kunsthistorische Mixtur, die ihren Schwerpunkt bei Dürer hat, die aber über Rembrandt und Delacroix bis zu van Gogh reicht. Derweil tagte, unter Vorsitz von Kulturminister Jewgenij Sidorow, in Moskau ein Gremium mit dem verheißungsvollen Titel »Russische Staatskommission zur Rückführung von Kulturschätzen«.

Die Bremer Zeichnungen stellen dieses Versprechen konkret auf die Probe. Sie demonstrieren anschaulich, daß in der Ex-Sowjetunion noch immer Kunstbeute der Roten Armee aus dem Zweiten Weltkrieg gehortet wird. Schwer denkbar, die Russen könnten die Blätter nach der Petersburger Ausstellung wieder seelenruhig ins Depot stecken oder gar als Eigentum beanspruchen.

Gemäß internationalem Recht müßten die Wertsachen längst an Ort und Stelle sein - nicht nur die insgesamt 161 Zeichnungen, die zur Schau vorgesehen sind. In der Eremitage lagern nach Kenntnis von Kunsthallendirektor Salzmann rund 450 Werke aus seinem Haus; mehr als 200 weiß er zusätzlich über diverse Städte der einstigen Union verteilt, von Omsk bis Tomsk, von Kiew bis Baku.

Nach der Haager Landkriegsordnung von 1907, die jede Konfiszierung von Kunstwerken verbietet und »ahnden« will, hätten diese - 1943 ins Brandenburgische ausgelagerten - Stücke nie außer Landes geraten dürfen. Nach dem 1990 unterzeichneten deutsch-sowjetischen Nachbarschaftsvertrag wären sie ohne Wenn oder Aber zurückzugeben.

Doch die russische Kommission beschloß jetzt erst einmal die Gründung von Unterkommissionen. Eine soll sich mit dem Bremer Problem befassen, eine mit Kunst aus ungarischem Privatbesitz, eine mit Zeichnungen, die einst dem deutsch-niederländischen Sammler Franz Königs gehörten.

Schließlich ist die Kunsthalle Bremen, die alles in allem noch rund 1500 Zeichnungen und 27 Gemälde vermißt, kein Einzelfall. 47 Jahre nach Kriegsende fahnden beraubte Kunst-Eigentümer weiter nach Schätzen, die ihnen unter dieser oder jener Besatzung abhanden gekommen sind; deutsche Museen sind nur die prominentesten Geschädigten.

Auch nach der 1955 gewährten Rückgabe angeblich »aller« 1240 Bilder _(* Mit Zeichnungen aus der Bremer ) _(Kunsthalle (rechts: »Toilette der Venus« ) _(von Guercino). ) aus der Sowjetunion fehlen beispielsweise den Dresdner Kunstsammlungen 478 Gemälde, über 1500 Einzelzeichnungen und etliche Zeichnungs-Sammelbände. Das Weimarer Museum wartet noch auf mehr als 100 Werke.

Ihm hatte immerhin die DDR 1982 mit einem spektakulären Prozeßerfolg zwei Dürer-Porträts aus den USA zurückgeholt. Hingegen blieb sie untätig, als ein Dresdner Tintoretto ("Heilige Familie mit St. Katharina und Stifter") auf dem amerikanischen Markt erschien. Das naheliegende Motiv des Zauderns, das der heutige Dresdner Generaldirektor Werner Schmidt freilich nur als Ondit wiedergeben kann: Die Spur des Bildes führte nach Moskau zurück, und der Ehrenschild der Roten Armee durfte nicht befleckt werden. ** Klaus Goldmann, Günter _(Wermusch: »Vernichtet, verschollen, ) _(vermarktet«. Mut-Verlag, Asendorf; 216 ) _(Seiten; 38 Mark. * Mit ruinierten ) _(Grafikblättern aus Karnzow. )

So manches, was um 1945 - zumeist an bombengeschützten Auslagerungsstätten - beutelustigen Siegern in die Hände fiel, kommt neuerdings stückweise ans Licht, sei es auf dem grauen Markt im Westen, sei es in östlichen Depots. Die Autoren eines eben erschienenen Buchs zum Thema**, der Berliner Museumsmann Klaus Goldmann und der Publizist Günter Wermusch, haben erfahren, in ex-sowjetischen »Sondermagazinen« lagerten nach wie vor »etwa eine halbe Million Museumsobjekte aus Deutschland, aber auch aus Ungarn, Polen und Holland«. Allein in der Petersburger Eremitage würden 547, im Moskauer Puschkin-Museum 873 Gemälde »unbekannter Herkunft« aufbewahrt.

Aus welcher Richtung auch: Problemlos ist die Rückführung kaum je.

Wie langwierig, intrigenreich und kostspielig (mit allen Nebenkosten über sechs Millionen Mark) war doch die Aktion, die schließlich dazu führte, daß der Quedlinburger Stiftsschatz (SPIEGEL 4/1991) wieder zusammenkam. Nachdem ein engagierter Schnüffler 1990 den halben Schatz als Nachlaß eines diebischen US-Soldaten in Texas aufgespürt hatte, dauerte es noch fast zwei Jahre bis zum Rücktransport über den Atlantik. Erst mußte sich die eingeschaltete Kulturstiftung der Länder mit den angeblich gutgläubigen Langfinger-Erben einigen - ein teurer Deal, doch nach Meinung des Berliner Stiftungsanwalts Peter Raue allemal günstiger als ein jahrelanger Prozeß in Amerika.

Vom 31. Oktober an werden die verschleppten Handschriften und Reliquiare nun, frisch gereinigt, zusammen mit den am rechtmäßigen Ort verbliebenen Wertstücken im Berliner Kunstgewerbemuseum ausgestellt (bis 30. Mai). Zwei Stücke aus dem Diebesgut fehlen allerdings weiter und werden auch mittels Fotos und Beschreibungen im Ausstellungskatalog gesucht.

Ganz in der Schwebe ist der nächste aktuelle Sensationsfall: Das Londoner Auktionshaus Sotheby''s hält vorerst ein kleinformatiges, aber hochkarätiges Gemälde des holländischen Manieristen Joachim Wtewael fest, das im Frühjahr kurzfristig aus dem Versteigerungsprogramm genommen worden war, weil das städtische Schloßmuseum in Gotha Eigentumsansprüche erhob. Zunächst also ist die »Heilige Familie mit Johannes, Elisabeth und Engeln« den Gothaern ebensowenig greifbar wie dem Einlieferer, der sich hinter einer panamesischen Briefkastenfirma versteckt.

Nach London geraten ist das Bildchen auf kurvenreichen Wegen zwischen Ost und West, zwischen Politik und Privathandel. Kein sowjetisches Staatsdepot, auch kein amerikanischer Banksafe hat es ausgespuckt, es kam aus trüben Kanälen des russischen Untergrunds.

Erzählen kann die Geschichte der Reiseveranstalter Helmut Fürst aus Obernzell bei Passau.

Der hatte bei Touren in die Sowjetunion zwei Typen aus Leningrad kennengelernt, die »ein bißchen beweglicher« als andere waren. Durch sie erfuhr er 1986 von einem »alten Mann«, der eine ganze Kiste Zeichnungen mit dem Sammlungsstempel der Bremer Kunsthalle besitzen sollte; keineswegs die ganze Beute, die 1945 im märkischen Schloß Karnzow Rotarmisten in die Hände fiel, ist in sowjetischen Museen gelandet. Und manches ging damals auch in traurige Fetzen - und so nach Bremen zurück, wo die Reste pietätvoll aufgehoben werden.

Beim nächsten Leningrad-Besuch, Fürst hatte sich über Bremen informiert, bekam er Proben aus der Schatzkiste zu sehen, er konnte für etwa 10 000 Mark drei Zeichnungen kaufen und auf Schmuggelwegen über die finnische Grenze schaffen lassen. Die bedeutendste, eine »Darbringung im Tempel« des Flamen Jakob Jordaens, kam mit Hilfe einer Londoner Kunsthandelsfirma nach Bremen zurück. Dafür warf die Kunsthalle, dank privater Trägerschaft zu solchen Konzessionen imstande, die beiden weniger wichtigen und schlechter erhaltenen Blätter als »Finderlohn« aus.

Anfang 1987 machte sich Fürst mit 50 000 Mark auf den Weg nach Leningrad, weil ihm dafür ein Dürer-Blatt in Aussicht gestellt worden war, das er gleichfalls nach Bremen zurückbringen wollte.

Das tauchte dann doch nicht auf, dafür in Moskau der Wtewael, für den aber der doppelte Preis verlangt wurde. Über die Herkunft des Bildes erfuhren Fürst und seine russischen Freunde nichts. Die später im Sotheby''s-Katalog aufgetischte Geschichte, ein Adolf Koslenkow habe das Bild »um 1945 in Deutschland als Geschenk« erhalten und 1982 in Moskau an seinen Sohn vererbt, dürfte reine Erfindung sein.

Wie gerufen kam die Bekanntschaft mit einer »Big Mama«, einer im Ikonentransport nach Westen geübten schwarzen Diplomatengattin, die mittlerweile in einer »Kulturreport«-Sendung als Frau des damaligen Botschafters von Togo namens Dikeni Kerim enttarnt worden ist. Fürst parlierte mit ihr französisch auf dem Rücksitz eines Jeeps, der ständig um den Block fuhr. Er fand »Big Mama« willig, das nur 16 mal 21 Zentimeter große Bild mit nach Berlin zu nehmen und überdies den halben Kaufpreis vorzuschießen, was ihr mit 30 000 Mark vergütet werden sollte.

Unter Hinterlassung seines Geldes flog Fürst nach Deutschland zurück und eruierte dort rasch, daß der Wtewael auf der Verlustliste des Gothaer Museums stand. Als er daraufhin die Transaktion telefonisch abblasen wollte, erfuhr er, das Bild sei bereits weg. Doch auf die vereinbarte Nachricht, »Big Mama« sei damit in Berlin angelangt, wartete er über Monate vergebens.

Was Fürst nicht wußte: Schon im März legte der Kunsthändler Holger Martin das Werk zur Begutachtung in der Gemäldegalerie in Berlin-Dahlem vor. Heute möchte er die Sache möglichst »abhaken«, weil »da Leute drinhängen, mit denen nicht zu spaßen ist«.

Die Museumsleute wußten gleich Bescheid, das Bild verschwand in Kripo-Gewahrsam. Doch, o Wunder, fünf Monate danach bekam Martin es durch Gerichtsbeschluß wieder frei - pikanterweise mit Hilfe desselben Anwalts Raue, der später die Kulturstiftung in Sachen Quedlinburger Schatz vertrat. Mit der DDR-Provinzstadt Gotha hatte es keinen Kontakt gegeben.

Nicht gefallen war während der Ermittlungen der Name Peter Rohde - des Mannes, bei dem Fürst das Bild schließlich aufspürte und Ende 1988 auch noch einmal zu Gesicht bekam. Rohde, der in Berlin mit Schallplatten und Ikonen handelt und der Martin nicht kennen will, gibt an, er habe das Kunstwerk von einer schwarzen Dame mit »mehreren Namen« entgegengenommen und, da unverkäuflich, an sie zurückerstattet. Im Januar 1990 jedenfalls, als Fürst sich einer allseits befriedigenden Lösung des Falles nahe glaubte, war der Wtewael nicht mehr zur Hand.

Fürst hatte, da nun die Grenzen offen waren, in Gotha den Museumsdirektor Michel Hebecker aufgesucht und mit ihm Chancen für einen Rückkauf erörtert. Statt harter Währung schien sich Tauschware aus den Beständen von Schalck-Golodkowskis »Kunst & Antiquitäten GmbH« anzubieten - zu spät.

Jetzt muß die Stadt Gotha ähnlich mit Peitsche und Zuckerbrot taktieren, wie es schon die Kulturstiftung der Länder beim Quedlinburger Stiftsschatz getan hat. Einerseits hat sie gute Rechtsgründe für die Durchsetzung eines Präzedenzfalls, andererseits wäre Rückkauf immer noch sicherer, vielleicht auch billiger als ein Prozeß. Doch über jene 400 000 Mark, die das Bild laut Fürst 1988 einmal kosten sollte, sind die Forderungen des Sotheby''s-Einlieferers offenbar weit hinausgewachsen.

Gleichzeitig haben die Gothaer eine Offerte aus Kanada zu erwägen: Der Waffen- und Uhrensammler Morton Shulman in Toronto besitzt eine aufwendige Tischuhr des 17. Jahrhunderts, die bis zum Krieg im Schloßmuseum stand und die er 1981 in London erworben hat. Jetzt will er das Prachtstück zwar zurück nach Gotha geben, sähe allerdings gern seinen Kaufpreis zuzüglich Zinsen und Versicherungsprämien wieder - macht über 350 000 Dollar.

Kriegsbeute scheint die Uhr, wie Shulman schon vor zehn Jahren mühsam aus DDR-Amtsträgern herausgefragt hat, nicht zu sein. Ein Nachkriegs-Direktor soll sie veräußert haben, um das Museumsdach reparieren zu können. Als sie 1978 auf den Markt kam, erhob aber, ohne vor Gericht zu ziehen, auch die im oberfränkischen Coburg residierende »Herzog von Sachsen Coburg und Gotha''sche« Kunststiftung Eigentumsanspruch - Konfliktpotential für mancherlei Gothaer Museumsgut.

Schwierigkeiten überall. Es war ein Ausnahmefall, daß die Witwe eines US-Soldaten, noch dazu eine Immigrantin, die in Auschwitz gelitten und dort ihre Familie verloren hatte, im Sommer dieses Jahres sieben Manuskripte des 15. bis 17. Jahrhunderts ohne Gegenleistung an die Kirchengemeinde Hambach bei Aachen zurückgab. Die Dokumente hatten im Nachlaß des Verstorbenen gesteckt; die New Yorker Pierpont Morgan Library und der Quedlinburg-Fahnder Willi Korte fanden den Herkunftsort heraus.

In der Regel gilt: Westliche Besitzer von Kulturbeute möchten ebenso Kasse machen wie Petersburger oder Moskauer Mafiosi. Aber auch die Schätze aus den exsowjetischen Museumsmagazinen werden kaum gratis zu haben sein.

Dies schon darum, weil Glasnost-Politiker mit einer vermeintlich patriotischen Hardliner-Front in Rückgabefragen zu rechnen haben. Nachdem Rußlands Präsident Jelzin schon vor einem Jahr angekündigt hatte, er werde zu seinem Deutschland-Besuch 362 Bremer Kunstwerke mitbringen, mußte er auf Intervention des damaligen sowjetischen Kulturministers Gubenko erst einmal zurückstecken.

Wenig später erhielt der einstige Rotarmist Wiktor Baldin, der diese Zeichnungen und Bilder lange verwahrt und schließlich, 1990, in die öffentliche Diskussion gebracht hatte, ein Anerkennungsschreiben Jelzins mit der Prognose, die Sammlung werde »in absehbarer Zeit« heimkehren. Einen Herzanfall, den er erlitten hatte, sah Baldin aber in den Moskau News hämisch kommentiert: Es könne eben »zu Gesundheitsschäden führen«, wenn einer »gegen die staatlichen Interessen« verstoße.

»Der Raub fängt an«, schäumt in der Zeitung Den der Bibliotheksexperte Alexander Sewastjanow und meint damit die Rückführung, diesen »Raub der Schätze unseres Landes durch internationale Vereinbarungen«. Parole: »Was im Krieg gewonnen wird, ist heilig.«

Versteckt, dadurch nutzlos für Freund und Feind, aber als »Trophäe« des Sieges unantastbar - so scheint insbesondere die altgediente Direktorin des Moskauer Puschkin-Museums, Irina Antonowa, das Beutegut zu bewerten. Daß sie Schliemanns Goldfund aus Troja, den »Schatz des Priamos«, aus dem Berliner Vor- und Frühgeschichtsmuseum in Verwahrung hat, gilt als gesichert. Auch die stellvertretende Kulturministerin Tatjana Nikitina glaubt daran, wie sie dem Observer anvertraute. Nur bekomme sie keinen Zutritt zu dem Depot - offenbar sei die Direktorin nach wie vor vom KGB gesteuert.

Mit eherner Stirn bestritt Antonowa stets, Altmeisterzeichnungen der Sammlung Königs, die der holländische Museumsmäzen Daniel George van Beuningen (wie freiwillig?) an Hitlers Kunsteinkäufer veräußert hatte, im Magazin zu horten; Kunsthistoriker Wiktor Graschenkow aber bezeugt, sie dort gesehen zu haben.

33 Blätter der Kollektion waren 1987 von der DDR in »Erfüllung völkerrechtlicher Grundsätze« an die Niederlande übergeben worden. Eine entsprechende Geste der Russen lehnt der Polemiker Sewastjanow ab: Schon zerbrächen sich ja »die Deutschen den Kopf, wie sie die Sammlung von uns kaufen, um sie den Holländern zurückzugeben«.

Schuld an solcher Verbiesterung ist zweifellos auch das Unbehagen, Eroberungen herausgeben zu sollen, ohne für eigene Verluste angemessen entschädigt zu werden. Dabei mag der Rücktransfer großer Archivalien- und Büchermengen (SPIEGEL 11/1992) noch relativ leichtfallen. Kunstwerke mit ästhetischer Ausstrahlung - und handfestem Marktwert - sind eine andere Sache.

Wahr ist: Schon Hitlers Truppen in der Sowjetunion hatten weidlich geplündert. Nur war, was sie abschleppten, am Ende zumeist wieder für die Siegermächte greifbar. Vergleichbare Beutefunde wie in russischen Museumsmagazinen sind in deutschen schwerlich zu machen.

Immerhin war der hartnäckige Einsatz eines Privatmanns nötig, ehe 1973 der Schatz des estnischen Klosters Petschur aus Recklinghausen wieder an seinen Platz gelangte. Und erst vor wenigen Wochen hat die Bundesregierung eine bislang in Berlin gelagerte Kollektion früher Münzen und Schmuckstücke an Polen zurückgegeben.

Belegbar ist indessen auch, daß deutsches Raubgut aus dem Osten nach Kriegsende die falsche Richtung nahm, über den Atlantik. Mehr Aufschluß darüber verspricht ein Aktenbestand, der dieses Jahr von der Münchner Oberfinanzdirektion auf das Koblenzer Bundesarchiv übergegangen und damit zugänglich geworden ist.

Die Akten stammen aus den amerikanischen »Collecting Points« für Nazi-Kunstbeute und zeigen, so eine Stichprobe, daß beispielsweise ein nicht näher beschriebenes Porträtgemälde mit sowjetischem Museumsetikett 1952 an den US-Hochkommissar für Deutschland überstellt wurde.

Das ist wichtiges Quellenmaterial für die Datenbank einer Arbeitsstelle beim Osteuropa-Institut der Universität Bremen. Dort soll, unter Leitung des Historikers Eichwede, der »Verbleib der während des Zweiten Weltkriegs aus der Sowjetunion verlagerten Kulturgüter« in internationaler Kooperation möglichst minutiös erfaßt werden.

Denn für die sowjetischen Verluste (nach jüngster Statistik 461 588 Gegenstände aus 73 Museen, Palästen und Schlössern) fehlt es an differenzierten Angaben. Schadenslisten der Museen und »Entnahmelisten« der Besatzer sind zu vergleichen, aber auch andere Einbußen, wie die sowjetischen Auslandsverkäufe der zwanziger und dreißiger Jahre, in Rechnung zu stellen - ein unabsehbares Geduldspiel und eine demonstrative Goodwillgeste. Doch Minister Sidorow ermuntert die Deutschen auch zum »Wiederaufbau« kriegszerstörter russischer Baudenkmäler.

Mit vorerst kleinen Aufmerksamkeiten wie Passepartouts, einer Papierschneide- und einer Schriftendruckmaschine hat die Bremer Kunsthalle der Eremitage ihre Reverenz erwiesen. Wenn allerdings die Rückgabe wirklich zustande kommt, dann wollen die Hanseaten sich - diesmal freiwillig - auch von einigen Zeichnungen aus ihren Beständen trennen, von solchen nämlich, wie sie den russischen Kollegen seit dem Kriege fehlen.

Nur einen Teil der in die Eremitage entführten Bremer Schätze hat Kunsthallendirektor Salzmann schon selber betrachten können. Er hat registriert, daß in den letzten 50 Jahren die Stockflecken auf Dürers »Johanniskirchhof«-Gouache leicht zugenommen haben, daß eine Zahlenangabe auf einem Biedermeier-Damenporträt (von Josef Kriehuber) ausradiert worden ist, und er hat Spuren eines - dann wieder getilgten - Inventarstempels aus dem Moskauer Architekturmuseum entdeckt.

In diesem Haus hatte das von Baldin verwahrte Konvolut gelegen, bis es voriges Jahr nach Petersburg geschafft wurde, wo schon jahrzehntelang ein anderer Bremen-Bestand deponiert war. Erst damit kamen - ein Glanzstück der bevorstehenden Ausstellung - die zwölf Dürer-Medaillons mit den Taten des Herkules wieder komplett zusammen, etwa die Entführung des Zerberus oder der Kampf mit der Hydra.

Übernächste Woche bricht Salzmann, der in einer Fernsehszene aus einer Moskauer Restauratorenwerkstatt auch schon das Bremer Dürer-Gemälde »Johannes der Täufer« erspäht hat, mit Eichwede zu neuen Unternehmungen auf, nach Baku, Kiew und Moskau.

Zumindest in der russischen Hauptstadt kann er sich auf die neugegründete Staatskommission berufen: Sie hat alle Museen von ihrer Schweigepflicht in bezug auf Kriegsbeute entbunden, ja ihnen angedroht, Informationen notfalls zu erzwingen. Direktorin Antonowa vom Puschkin-Museum, die auch dabeisaß, kann es nicht überhört haben.

* Mit Zeichnungen aus der Bremer Kunsthalle (rechts: »Toilette derVenus« von Guercino).** Klaus Goldmann, Günter Wermusch: »Vernichtet, verschollen,vermarktet«. Mut-Verlag, Asendorf; 216 Seiten; 38 Mark. * Mitruinierten Grafikblättern aus Karnzow.

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