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SCHRIFTSTELLER / CHRISTY BROWN Mit dem Fuß

aus DER SPIEGEL 29/1970

Ich bin der einzige Mensch, der vom Boden des Glases trinkt«, sagt der Ire Christy Brown, 37, wenn er sein Starkbier durch einen Strohhalm saugt. Seine Hände sind so verkrüppelt, daß sie kein Glas halten können. Aber Christy trinkt gern und viel: »Es gibt für mich nichts Schöneres, als ein paar zuviel intus zu haben und mich dann zu Hause an die Schreibmaschine zu setzen.«

Weil seine Finger auch zum Schreiben nicht zu gebrauchen sind, tippt Christy Brown mit dem kleinen Zeh seines linken Fußes. Und was er tippt, ist nach Ansicht seines Verlegers David Farrer vom Londoner Verlagshaus Secker & Warburg »einfach wunderbar«. Der New Yorker Verleger Sol Stein, der die amerikanischen Rechte am neuen Brown-Buch erworben hat, hält seinen Autor für »den lyrisch begabtesten Schriftsteller seit Dylan Thomas«. Und der Münchner Scherz-Verlag, der die deutsche Ausgabe für 1971 vorbereitet, sieht In Browns autobiographischem Roman »Down all the days« sogar die »Sensation des Jahres"*.

Eine ungewöhnliche, bemerkenswerte Neuerscheinung auf der Literatur-Szene ist der solcherart hochgelobte Schriftsteller gewiß; und er ist es gewiß nicht nur wegen seiner ungewöhnlichen Vita.

Christy Brown hat es in zweifacher Hinsicht seiner Mutter zu verdanken, daß er überhaupt am Leben ist:

* Christy Brown: »Down all the days«. Verlag Secker & Warburg. London; 268 Seiten; 30 Shilling.

Wohlmeinende Nachbarn hatten ihr empfohlen, das durch Gehirnschlag gelähmte Kind doch lieber nicht »der Familie zur Last fallen zu lassen«. Aber die Mutter, die bereits neun Kinder hatte, zog auch dieses auf; ihrer Betreuung verdankt der verkrüppelte Sohn seine erstaunliche Entwicklung.

Christy, zehntes von 22 Kindern, von denen heute nur noch 13 leben, wuchs In einem Dubliner Elendsviertel auf. Sein Vater, ein kräftiger Maurer und Trinker, erzog seine Kinderschar vorwiegend mit einem Lederriemen. Nur Christy blieb von Prügeln verschont: Er war einfach nicht imstande, irgend etwas zu tun, was den Vater hätte ärgern können. Nicht einmal sprechen konnte er, und auch heute vermag er nur kaum verständlich zu artikulieren. Nur seine Famille und einige Freunde können seine gurgelnden Laute in Sprache übersetzen.

Als er fünf Jahre alt war, tat der für schwachsinnig gehaltene Knabe etwas Überraschendes: Mit dem linken Fuß nahm er einer seiner Schwestern das Stück Kreide aus der Hand, mit dem sie auf eine Schiefertafel schrieb.

Christys aufmerksame Mutter deutete dies als ein Zeichen, daß »doch irgend etwas in ihm steckte«. Trotz Ihrer aufreibenden Hausarbeit und ungeachtet ihres ständig sauf-, rauf- und liebeslustigen Ehegatten brachte sie es fertig, dem stark hirngeschädigten, von Krämpfen geschüttelten Sohn in jahrelanger Bemühung Lesen und Schreiben beizubringen.

Ein Stück Kreide zwischen die Zehen geklemmt, schrieb Christy das Alphabet zunächst auf den Linoleum-Fußboden. Später lernte er mit einem Bleistift umzugehen. Und schließlich begann er zu malen: Seit einigen Jahren hat Brown einen Vertrag mit einer Vereinigung körperbehinderter Künstler in Liechtenstein, für die er pro Jahr etwa acht Bilder fertigt.

Mit 21 Jahren schrieb Brown unter Anleitung des Dubliner Orthopäden und Amateur-Schriftstellers Dr. Robert Collis sein erstes Buch: »My Left Foot«. Von dieser schmalen und sentimental-versöhnlichen Autobiographie, in der sogar sein Vater gut wegkommt, will der Autor heute nichts mehr wissen. »Ein Buch«, so schimpft er, »wie die Leute es von einem Krüppel eben erwarten.«

Immerhin brachte der von Secker & Warburg verlegte, in einer Frauenzeitschrift abgedruckte und in mehrere Sprachen übersetzte »Linke Fuß« dem Verfasser um 100 000 Mark an Tantiemen ein. Von diesem Geld leistete er sich unter anderem eine elektrische Schreibmaschine, die sich auch mit dem Fuß leichter bedienen läßt als eine gewöhnliche.

Mit »Down all the days« schrieb Brown, der mit Brendan Behan befreundet war, nun endlich sein Leben so auf, wie die Leute es nicht von ihm erwartet hatten.

Der Roman, erster Teil einer geplanten Trilogie, schildert Unordnung und frühes Leid des Krüppels Christy in den Slums von Dublin während der 40er und 50er Jahre. Von einem kleinen Karren aus, den sein Vater ihm gezimmert hat, beobachtet der gelähmte Knabe kritisch seine irische Umwelt. Sensitiv, doch ohne Selbstmitleid schildert er eine derbe, gewalttätige, fluchende, saufende Gesellschaft im katholischen Dublin:

Ehemänner, die ihre Potenz an quietschenden Dienstmädchen, gelegentlich auch an den eigenen Töchtern erproben; dralle Witwen, die am Busen die tröstende Whiskyflasche aufbewahren; Knaben, die von einer gutwilligen Spielkameradin reihenweise in die Liebeskunst eingeweiht werden und »feindliche« Protestanten halbtot prügeln; Mädchen, die den verkrüppelten Christy auf seine sexuelle Standfestigkeit hin prüfen.

Derlei drastische Dubliniana werden nicht hinter der vorgehaltenen Hand, mit dem Seitenblick des Voyeurs, sondern mit der selbstverständlichen Offenheit eines gar nicht schuldbewußten Beobachters erzählt, der sich den kleinen Teil an Lebenslust nimmt, der ihm erreichbar ist. Selbst Figuren wie der brutale Vater -- Christys Eltern leben heute nicht mehr -- werden ohne Anklage-Pathos beschrieben. Zu den stärksten Szenen gehören die Phantasie- und Traum-Passagen, die Christy im halbwachen Zustand durchlebt und in denen legendär anmutende Figuren Tänze aufführen und lyrische Obszönitäten von sich geben.

Kein Zweifel: Sollte der Schriftsteller-Krüppel Christy Brown, der Thomas Wolfe mehr als James Joyce schätzt (Brown: »Schrecklich für einen Iren"), mit seinem Roman »Down all the days« nachhaltigen Erfolg haben, verdankte er ihn seiner Schriftstellerei, nicht etwa nur dem makabren Appeal seiner Person.

Was Christy Brown mit den Honoraren für sein neues Buch anfangen wird, wissen seine Dubliner Freunde schon genau: Er werde sich eine Kneipe kaufen und darin, so sagt einer seiner Trinkkumpane, »selbst sein bester Gast sein«.

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