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REGISSEURINNEN Mit den Augen einer Frau

aus DER SPIEGEL 17/1962

Die dürre Hand einer Kartenlegerin breitet Tarockkarten aus. Der Kinos besucher, der nur die Tischplatte mit den Kartenbildlern sieht, vernimmt die Stimme der Greisin, das Schluchzen eines Mädchens und das Ticktack eines Metronoms.

Die Alte spricht von einem Liebhaber, der das Mädchen nicht heiraten werde, von einer Begegnung mit einem jungen Mann, von einer Abfahrt, einer Reise, einer schweren Krankheit. Eine Karte mit der Ziffer XIII zeigt den Sensenmann - aber die Stimme der Alten versichert, das bedeute nicht Tod, sondern Verwandlung.

Dieser Prolog nimmt, noch ehe der Zuschauer das schluchzende Mädchen zu Gesicht bekommen hat, das Schicksal der Heldin vorweg, wie es der Film dann aufrollt: Anderthalb Stunden lang verfolgt die Kamera eine leidlich hübsche, mäßig erfolgreiche Chansonette namens Cléo, die auf den Befund einer ärztlichen

Untersuchung wartet. Cléo fürchtet, an Krebs erkrankt zu sein.

Bis sie vom Mediziner Auskunft erhält ("Ein paar Monate intensive Bestrahlung, ein bißchen Schonung, und dann werden wir's schon schaffen"), vergehen 100 Minuten. Genauso lange dauert der Film, der unter Odem Titel » Cléo de 5 à 7« Mitte des Monats in dem eleganten »Studio Publicis« an den Pariser Champs-Elysées uraufgeführt wurde und im Sommer unter dem Titel »Mittwoch zwischen 5 und 7« auch in der Bundesrepublik anlaufen soll.

Das Lichtspiel werde, so ließ die deutsche Verleihfirma in einem Werbeaufsatz verkünden, »das Filmpublikum mit einem ganz außergewöhnlichen Talent bekannt machen": mit der 33jährigen Regisseurin Agnès Varda. Die französische Filmkünstlerin, lobten

die Verleih - Propagandisten, habe eine »subtile Seelenstudie in Bildfolgen von höchstem optischen Reiz« geschaffen.

Selbst die Rezensenten der hochgestochenen »Cahiers du Cinéma«, des Organs der französischen Neuen Welle, hatten sich bei der Premiere des Films beeindrucken lassen und einen »Triumph der Frau« gefeiert. Sie notierten: »Zum ersten Male spricht zu uns eine Frau ... Welch ein Ereignis!«

Tatsächlich haben Frauen in den 67 Jahren Filmgeschichte eine vorwiegend passive Rolle gespielt - vor der Leinwand als geduldige Konsumenten, auf der Leinwand als Aktricen unter dem Kommando männlicher Regisseure, in den Drehbüchern als Objekt einer männlichen Vorstellungskraft. Selbst in der experimentierfreudigen Epoche nach dem Ersten Weltkrieg gab es nur wenige Frauen, die Filme inszenierten - etwa die Französin Germaine Dulac, eine renommierte Avantgardistin, oder die deutsche Bühnenregisseurin Leontine Sagan, die 1931 ihren einzigen Film drehte: »Mädchen in Uniform«.

Insgesamt sind es nicht einmal ein Dutzend Frauen, die sich als Regisseusen hervortaten:

- Leni Riefenstahl debütierte als Regisseurin 1931 mit dem mystischen Bergdrama »Das blaue Licht«, stieg mit dem Parteitag-Film »Triumph des Willens« (1934) und den Olympia-Filmen »Fest der Völker« und »Fest der Schönheit« (uraufgeführt 1938) zur Parade-Dokumentaristin des Dritten Reiches auf; der Mißerfolg ihres zweiten Spielfilms. »Tiefland« (im Krieg gedreht, 1954 aufgeführt), beendete fürs erste Ihre Regiekarriere.

- Nicole Védrès, französische Fernseh- und Hörspielautorin, gab einige Gastspiele beim Film, vor allem mit dem Dokumentarwerk »Paris 1900« (1947) und mit der filmischen Enquete »Das Leben beginnt morgen« (1950).

- Jacqueline Audry, die einzige Frau,

die bisher die Filmregie dauerhaft zu ihrem Hauptmetier machen konnte, spezialisierte sich auf die Verfilmung von Colette-Romanen, wie »Gigi« (1948), »Minne, die naive Sünderin« (1950), »Mitsou und die Männer« (1956).

- Ida Lupino, Hollywood-Schauspielerin, drehte 1949 mit eigenem Kapital einen Film über unverheiratete Mütter und widmete sich dann Filmthemen, »die normalerweise von Männern behandelt werden«, wie ein französisches Filmlexikon rühmt.

- Julia Solnzewa, die Witwe des sowjetischen Filmklassikers Alexander Dowschenko, drehte das von ihm begonnene »Poem des Meeres« zu Ende und inszenierte nach seinen Entwürfen die »Geschichte der brennenden Jahre«, die von der Sowjet-Union

1961 auf den Filmfestspielen in Cannes präsentiert wurde.

- Shirley Clarke, amerikanische Kurzfilmregisseurin, wechselte 1959 mit »The Connection« (SPIEGEL 26/1961), einem der Hauptwerke der Hollywood-feindlichen Neuen Welle Amerikas, zum Spielfilm über.

Der bundesdeutsche Film leistete nur einen Beitrag zur Genealogie der weiblichen Filmschöpfer: Erica Balqué, Gattin und langjährige Assistentin von Helmut Käutner, inszenierte 1961 unter dessen Oberleitung ihren ersten und bislang letzten Film, »Zu jung für die Liebe«.

Die Seltenheit weiblicher Regisseure erklärt Agnes Varda damit, daß die

übliche Regiekarriere über ausgesprochen männliche Berufe führe. »Eine Frau kann kein Kamera-Assistent sein, das ist viel zu schwer. Sie mag Chefkameramann werden können, indem sie den Posten des Kamera-Assistenten überspringt, aber auch das ist nicht normal. Selbst die Arbeit eines Regie-Assistenten ist Männersache. In diesem Beruf ... muß man einen Sprung bis zur Inszenierung machen, um keine Probleme mehr zu haben.«

Die Varda selbst verfuhr nach dieser Weise. Die Photographin des Théatre National Populaire hatte, eigenem Zeugnis zufolge, nicht mehr als zehn Filme gesehen (von denen ihr die meisten mißfallen hatten), als sie 1954, 26jährig, ihren ersten Film zu drehen begann. Angeregt durch einen Faulkner-Roman, kombinierte sie darin zwei Geschehnisabläufe, die nicht ursächlich zusammenhingen: eine dokumentarisch referierte Geschichte über Muschelfischer in der Provence und einen Dialog zwischen einem Pariser Bohemien, der aus dem Fischerdorf stammt, und seiner Frau, die sich von ihm trennen will.

Als Cutter half der Varda ein zu dieser Zeit nur Cineasten bekannter Kurzfilmregisseur: Alain Resnais. In der Struktur seines Spielfilm-Erstlings »Hiroshima, mon amour«, mit dem Resnais später berühmt wurde, wollten Filmologen dann auch Einflüsse des Varda-Films wiederfinden.

Das Debütwerk der Varda gelangte freilich nicht über Filmklubs und Stur diokinos hinaus. Ein farbiger Spielfilm ("La Mélangite") blieb wegen Geld mangels unvollendet. Mit »Mittwoch zwischen 5 und 7« präsentierte sie schließlich ihren ersten abendfüllenden Spielfilm.

Ursprünglich, gestand die Regisseurin später, habe sie nur einen Gaing durch Paris-filmen wollen - »aber Paris von jemandem gesehen, der ein besonderes Auge hat. Warum nicht- das Auge von jemandem, der, sterben wird? Warum nicht das einer Frau?«

Aus diesem Vorhaben aber wurde eine »moderne Studie über die Zeit": Nach dem Besuch bei der Kartenlegerin verbringt die Heldin (Corinne Marchand) den Nachmittag mit mehr oder minder belanglosen Unternehmungen: Sie kauft, begleitet von ihrer Sekretärin, einen Hut, fährt im Taxi nach Hause, empfängt ihren soignierten Liebhaber, probt mit ihrem Komponisten und* ihrem Textautor, setzt sich ins Cafe, holt eine Freundin' von der Arbeit ab, geht mit ihr ins Kino, lernt einen jungen Soldaten kennen, der sie im Autobus zum Hospital begleitet.

Anhand der Zeitangaben,"die in Zwischentiteln angegeben werden, kann der Zuschauer seine. Uhr kontrollieren: .Sie sind absolut zuverlässig. »Die alte Forderung nach der. Einheit der Zeit«, schrieb ein Kritiker, »ist noch niemals so beim Wort genommen worden wie hier.«

Ebenso präzis sind die Ortsangaben

- der Hutladen heißt »Francine« und

liegt an der Rue de Rivoli, das Café ist das bekannte »Dôme« auf dem Montparnasse, das Kino ist das »Delambre« gegenüber dem »Dôme«, der Park ist der Parc Montsouris, der Bus gehört zur Linie 67, die Klinik ist das Hôpital de la Salpêtrière.

Freilich: Die banale Wirklichkeit gewinnt in den Augen der abergläubischen,

eitlen Heldin den Charakter von Zeichen, Chiffren und Signalen. Sie sucht in Spiegeln und Gesichtern eine Bestätigung ihres erschütterten Selbstbewußtseins. Ihre Furcht, krebskrank zu sein, wird verstärkt durch eine beiläufige Durchsage im Taxi-Radio, durch Auslagen in Schaufenstern, durch nebensächliche Bemerkungen ihrer Gesprächspartner. Die Fassade ihrer naiven Koketterie zerbröckelt langsam. Gleichzeitig aber wird Cléo aufgeschlossen: In ihr erwacht Interesse an den Mitmenschen.

Die Regisseurin bemüht sich, die Perspektive ihrer Figuren durch Photographie und Kameraführung zu verdeutlichen. So »sieht« Cléos robuste, lebensfrohe Sekretärin, wie Agnes Varda selbst notierte, »in starren Einstellungen, einfach, in sauberen und realistischen Bildern. Cléo hingegen 'sieht' in sich schlängelnden Bewegungen, in Bildern auf blassem und weichem Grund«.

Angesichts solcher Regiebemühungen beurteilten die Pariser Rezensenten das Werk der Agnes Varda denn auch mit Wohlwollen. »Sie ist der einzige weibliche Filmschöpfer der französischen Kinematographie«, schrieb »Cinéma 61« nach der Premiere. »Ja, natürlich, es gibt noch andere - aber seien wir galant, vergessen wir die.«

Varda-Film »Mittwoch zwischen 5 und 7"*: 100 Minuten im Wartezimmer

Regisseurin Agnès Vardca

Arbeit an der Kamera ...

Regisseurin Leontine Sagan

... ist Sache der Männer

* Corinne Marchand als Cléo.

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