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Kino Mit der Brechstange

Zwei Hollywood-Superstars konkurrieren als Super-Geheimagenten: Arnold Schwarzenegger contra Tom Cruise, und die Kassen klingeln.
Von Urs Jenny
aus DER SPIEGEL 32/1996

Ein schönes Feuerwerk, da geht nichts drüber. Wenn schon fünf Minuten nach Filmbeginn und ein paar ersten Erschossenen ein adrettes amerikanisches Vorstadthäuschen wie ein Feuerball hochgeht und wenn kaum eine Viertelstunde und einige Erschossene später ein zweites Eigenheim in einer Stichflamme explodiert - dann weiß man: Jedes Leichenzählen erübrigt sich, das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt. Leider gibt es so superentflammbare Häuser nur in Amerika und wohl auch dort nur im Kino, doch ansonsten beweist »Eraser": Wo Schwarzenegger draufsteht, ist auch Schwarzenegger drin.

Seit gut einem Jahrzehnt ist er in Hollywood einer der monumentalen Kassenstars, gewiß der am wenigsten menschenähnliche, doch für sich ein vortrefflicher Karriere-Stratege. Nachdem er in den letzten Jahren als Mensch wie du und ich in Komödien Beifall gesucht hat, ohne je volltreffermäßig zu reüssieren, läßt er sich nun eine neue übermenschliche Action-Heldenfigur auf den Leib schnitzen, auf die er, wenn nichts Besseres anliegt, alle paar Jahre zwecks Fortsetzung zurückgreifen kann.

Für einen Star mit Weitsicht ist ein solcher Serienheld so gut wie eine Leibrente. Was wäre denn Mel Gibson ohne »Lethal Weapon« oder Bruce Willis ohne »Die Hard«? Schwarzenegger also wird uns, wenn nicht alles durchknallt, noch öfter als FBI-Supergeheimagent »Eraser« begegnen: Der Name betont das Ultimative seiner Taten, nicht nur beim Abfackeln properer Bungalows.

Das Supergeheimagenten-Genre, mit dem Leitfossil James Bond an der Spitze, hat sich seit den schönen Kinozeiten des Kalten Kriegs über manchen Paradigmenwechsel hinweg als dauerhaft profitables Show- und Star-Vehikel erwiesen. Kein Wunder also, daß nun auch einem anderen stets höchst karrierebewußten Hollywoodidol verlockend erschien, mit einer für jede Menge Fortsetzungen tauglichen Heldenrolle ins (für ihn neue) Action-Business zu expandieren: Tom Cruise.

Cruises erste Eigenproduktion »Mission: Impossible« ist seit elf Wochen auf dem Weltmarkt und hat bisher gut 270 Millionen Dollar eingespielt, Schwarzeneggers »Eraser« hat nach nur sechs Wochen auch schon rund 110 Millionen Dollar in der Kasse - so bestätigt sich bereits vor dem deutschen Kinostart (Cruise diesen Donnerstag, Schwarzenegger 14 Tage danach) die Branchenweisheit: Superagenten leben von der Lebensgefahr, aber als Sozialfälle enden sie nie.

Angenommen, an »Eraser« und »Mission: Impossible« ließe sich der gegenwärtige Bewußtseins- und spektakeltechnische Höchstleistungsstand des Genres ablesen, was sticht hervor?

Das wichtigste ist: Der Top-Agent ''96 muß nicht nur mit olympischer Kondition Kampftechniken und Schußwaffen meistern, sondern auch als Superhacker mit Pianisten-Virtuosität am Laptop die sichersten Datenbanken zu knacken verstehen. Denn Wohl und Wehe der Welt hängen im einen wie im anderen Film daran, daß eine harmlose kleine Diskette mit den denkbar brisantesten Geheimnissen nicht in böse Hände fällt.

Es ist rührend anzusehen, wie der bewährte Kleinholzmacher Schwarzenegger mit flinken Fingerchen auf einer Computer-Tastatur klimpert oder wie der stets hochexplosive Cruise sich geduldig auf der Fährte eines Bibelverses durchs Internet hangelt, doch dieser Tipp-Tätigkeit, die sich auf der Leinwand in rasenden Zahlenkolonnen oder zuckenden Diagrammen darstellt, fehlt alles an innerer Spannung, Thrill oder gar Lebensgefährlichkeit.

Das wissen die Filmemacher natürlich. Und so müssen, wenn es ans Eingemachte geht, die Herren Star-Hacker von der digitalen Langfingerei lassen, auf die gute alte Brechstange zurückgreifen und nach Tresorknackerart in die Hochsicherheits-Herzkammer der Datenbank vordringen, wo die Staatsgeheimnisse lagern: Action-Business as usual.

Die Riesenschurkerei, die so unmittelbar die freie Welt bedroht, daß nur der Superheld in riskantestem Einsatz die Rettung noch schaffen kann, ist in beiden Filmen unnötig verworren (weil das ja eh Wurst ist). Beide Filme geben ihrem Helden entscheidend Zunder, indem sie ihn in Verdacht bringen, selbst der Verräter zu sein; und in beiden Filmen, erstaunlicherweise, wird der wahre Bösewicht nicht in den Untergründen des militärisch-industriell-mafiosen Komplexes der Ex-Sowjetunion dingfest gemacht, sondern sehr, sehr hoch oben in der Washingtoner Bürokratie. Sieh mal an, da kommt, offenbar nicht zu bemänteln, sogar in trivialen Unterhaltungsfilmen ein nationaler Glaubensverlust zum Vorschein: keine heile Welt mehr nirgends.

Im übrigen hat der jeweilige Pulk von Drehbuchautoren dafür gesorgt, daß in jedem der Filme ein Riesenaquarium zum Platzen gebracht wird (nicht nur Feuer, auch Wasser im Übermaß), und ebenso dafür, daß es irgendwie doch nicht nur um eine platte Diskette geht, sondern irgendwie auch um eine Frau. Diese Frau (Vanessa Williams bei Schwarzenegger, Emmanuelle Béart bei Cruise) ist stets dabei und sieht stets aus, als müßte sie auf der Stelle geküßt werden, bleibt aber natürlich immerdar ungeküßt, weil für einen Superagenten die Abwendung des Weltuntergangs allemal Vorrang hat.

Dieser Totalmangel an erotischem Reiz aber trägt (wie auch der Mangel an Humor) dazu bei, daß die heldischen Übermenschen allzu kaltlassen, um zu Kultfiguren zu werden: Ihre Draufgängerei verselbständigt sich in Bravournummern. Schwarzenegger hat seine atemberaubendste, indem er ohne Fallschirm hoch über New York aus einem Jet springt, Cruise kämpft am brillantesten im Euro-Tunnel auf dem Dach eines rasenden Schnellzugs gegen einen Hubschrauber.

Dennoch, und obwohl es die wenigsten Konsumenten interessieren mag: Daß Schwarzenegger als Regisseur nur einen forschen Crash-Kurs-Fahrer namens Charles Russell aufzubieten hat, Cruise hingegen einen Feinmechaniker des Suspense, Brian De Palma, der noch immer Hitchcocks cleverster Adept ist, macht einen mächtigen Unterschied. In einer unglaublich angespannten Szene holt De Palma alles an Nervenkitzel aus einem einzigen langsam herunterrinnenden Schweißtropfen: Das ist allein seine Bravournummer, sein Stückchen höchster Thriller-Kunst. Im übrigen, natürlich, ist auch bei »Mission: Impossible« das pyrotechnische Preis-Leistungs-Verhältnis schwer in Ordnung.

Urs Jenny

* Mit Jean Reno.

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