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NACHRUF Mit der Liebe des Käfers

Von Ulrich Beck
aus DER SPIEGEL 32/1990

Es muß Ende der siebziger Jahre gewesen sein. Norbert Elias sprach vor einem brechend vollen Hörsaal in der Universität München. Nicht der Vortrag ist mir in Erinnerung geblieben, sondern eine Szene danach. Aus der hinteren Reihe hatte ein Student eine Frage gestellt, die Norbert Elias nicht verstand. Er schob sich, damals schon vom Alter gezeichnet, durch die Reihen zum Frager durch. Auf dem Podium zurück wiederholte er die Frage, dann erst kam seine Antwort. Diese Mißachtung der eigenen Gebrechlichkeit und das brennende Interesse für die Frage des Studenten - so etwas ist mir nie wieder begegnet.

Die zutiefst humane Fähigkeit des Zuhörenkönnens steht zweifellos ganz oben auf der Roten Liste aussterbender Fähigkeiten in unserer Diskursgesellschaft. Durchdringt diese Qualität die Soziologie, die jemand betreibt? Gewiß, und bei Norbert Elias leuchtet dieses Hineinhörenwollen, diese Neugierde für die Frage des anderen immer durch.

Der 1897 in Breslau geborene Sohn eines Textilfabrikanten hat über die »Gesellschaft der Individuen« im Streit mit zwei Arten moderner Metaphysik nachgedacht: der System-Metaphysik, die soziale Systeme irgendwo zwischen Himmel und Erde ansiedelt, weit weg vom Zugriff der Individuen, und der Gegenmetaphysik, die den Horizont der Individuen für das letztlich Reale hält und glaubt, daß Hurra-Sagen und nach Ethik zu rufen reicht, um die Welt wieder einzurenken. Gesellschaft ist nach Elias mehr als die Summe der Absichten und mehr als das »moralische Ding« subjektunabhängiger Institutionen. Nämlich beides: ein Ineinander von Nebenfolgen und Ausgangslagen, in dem alle zugleich schieben und geschoben werden.

Darin liegt eine Pointe, die man wohl erst in Zukunft ganz verstehen wird. Alle Soziologie hat bislang das Individuum abgeleitet gedacht. Der Begriff des Individuums ist soziologisch ein Scheinbegriff. »Subjektiver Faktor«, »Ensemble der Verhältnisse« sind die Totenscheine, mit denen die Soziologie das Ende des bürgerlichen Individuums abgesegnet hat.

Doch nun erleben wir eine ganz unverhoffte Renaissance einflußreicher Subjektivität. Die zerstrittenen Bürgerinitiativen haben die ökologische Frage in den Zwang eines allgemeinen Lippenbekenntnisses erhoben. Der stalinistische Block ist unter dem Ansturm später Aufklärung unblutig zusammengebrochen. Für die damit notwendig werdende Gegenfrage »Wie ist Gesellschaft als soziale Bewegung der Individuen möglich?« hat Norbert Elias Grundlegendes vorgedacht.

Faszinierend ist, wie hier ein Gelehrter Unmögliches leistet: Im Blick das Individuum und das soziale Gefüge vom Vormittelalter bis in die jüngste Gegenwart hinein, und diese Vogelflugperspektive verbunden mit der Liebe des Käfers zu den Grashalmen. Miniatur-Studien über das Fingerschneuzen und Rülpsen bei Tische und andere uns Zivilisationsmenschen im vorwegeilenden Gehorsam verbotene Wider(herr)lichkeiten, hat Elias zur Stützung seiner großen Theorie »Über den Prozeß der Zivilisation« (1939) vorgelegt.

Die Panzer unserer Selbstverständlichkeiten sind nicht oder nicht alleine zu knacken mit den Hebeln der Datenmathematik, sondern nur in der Konfrontation mit der historischen Gegenwelt.

Im Rückgriff auf beispielsweise das 13. Jahrhundert können wir mehr über unsere Gegenwart lernen als in der unmittelbaren Konzentration auf diese. Die Soziologie muß im Hin und Her zwischen Theorie und mikroskopischem Detail diesen Reflektionsbogen spannen und kontrollieren. Denn niemand glaube, daß hier der schnelle Einfall regiert. Es ist ein Humanismus, der begreifen will, der zur sachlichen Sublimierung zwingt.

Norbert Elias, der am vergangenen Mittwoch in Amsterdam gestorben ist, war ein Soziologe der und für die Gesellschaft. Sich-Verständlich-Machen war für ihn die andere Seite des Zuhörenwollens.

Er hat uns viele Stichworte gegeben, vor allem in dem großen Wurf seiner Zivilisationstheorie. Deren Karriere - 30 Jahre während der Nazi-Barbarei und danach vergessen, dann in den siebziger Jahren aber doch noch zum Weltklassiker avanciert - spiegelt die Biographie ihres Autors.

Seine »Studien über die Deutschen« (von ihm, dem Deutschen, der von den Deutschen bitter lernen mußte, daß er auch Jude ist) sind zukunftsweisend. Er hat Gedichte geschrieben, also Sprache zärtlich geliebt. Von welchem Soziologen läßt sich das schon sagen? Ohne ihn wird die Soziologie die Herausforderungen der zerbrechlich werdenden Moderne nie begreifen können. Im Suchen nach den jetzt fälligen Fragen werden wir ihn schmerzlich vermissen. _(Ulrich Beck, 46, ist Professor für ) _(Soziologie in Bamberg. )

Ulrich Beck, 46, ist Professor für Soziologie in Bamberg.

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