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KOOKIE Mit Doppelkickser

aus DER SPIEGEL 47/1963

Bayrische Ballerinen hüpfen vor der

Kamera. Als »Jubelbienen« (so definiert sie das Drehbuch) umschwärmen sie Deutschlands derzeit beliebtesten Fernsehdarsteller: Kookie.

Der amerikanische Kookie, mit bürgerlichem Namen Edward Byrnes, dem deutschen Sehervolk in zwei Dutzend Folgen der Krimi-Serie »77 Sunset Strip« ans Herz gewachsen (Berlins »BZ": »... weil er so süß, so schlaksig, so keß ist"), hat sich zum erstenmal für eine deutsche Fernsehschau gewinnen lassen. Sie wurde im vergangenen Monat von der Münchner Produktionsgesellschaft »Intertel« für den Westdeutschen Rundfunk

(WDR) gedreht, der sie demnächst - an einem Sonnabendabend - ins Erste Programm schleusen will. Titel der Schau: »Alles für Kookie«.

Kookies TV-Ruhm in der Bundesrepublik beruht zu einem beachtlichen Teil auf dem pubertären Kickser seiner Stimme, die freilich gar nicht seine Stimme ist: Sie ist dem Münchner Staatsschauspieler Hans Clarin zu eigen, der seit Jahren für die deutsche Fassung der 77-Sunset-Serie die Kookie-Rolle synchronisiert.

Der Kickser wiederum ist nicht Bestandteil der natürlichen Sprechweise Clarins. Der deutsche Jungschauspieler erfand ihn, nachdem er in dichter Reihenfolge bei mehreren WDR-Importen als Synchronsprecher mitgewirkt hatte. Clarin: »Es fiel schon auf; die sagten: Habt ihr keinen anderen als bloß immer den Clarin?« Er entschloß sich, seine Stimme zu verstellen.

Der Kehlkopftrick erwies sich als Stimmschlager. Und so ersann auch Show-Autor Mischa Mleinek ("Spaß mit Ernst") im Auftrag der Intertel für den

erfolgssicheren Kookie-Kickser eigens eine Fernsehfabel. Als besondere Idee ließ er sich den Doppelkickser einfallen: Hans Clarin verkörpert Kookies Kompagnon (mit Kookie-Stimme) und synchronisiert zugleich Byrnes' Kookie-Rolle (ebenfalls mit Kookie-Stimme).

In einer Kriminal-Verwechslungsposse, umrankt von Tänzen und Gesängen, spielen Kookie I und II fast eine Stunde lang als Detektive gegeneinander, ohne es zu wissen. Am Schluß darf Byrnes zum erstenmal mit eigener Stimme rufen: »Bye-bye, jetzt bin ich endlich diese Stimme los.«

Ähnliche Seufzer der Erleichterung entrangen sich dem Produktions-Team der Münchner Intertel, als es die Dreharbeiten mit dem Original-Kookie überstanden hatte. Regisseur Kurt Wilhelm: »Er war für uns ein harter Brocken; er hat sich das wohl anders vorgestellt.«

Byrnes war in der Hoffnung nach München gekommen, die deutschen TV -Leute würden eine Edward-Byrnes-Show inszenieren. Er »wollte weg von Kookie, er hatte Kookie satt« (so Intertel-Unterhaltungschef Guido Baumann) und war darauf vorbereitet, vor den Münchner Kameras zwei deutsche Lieder zu singen: »O Tannenbaum« und »Fuchs, du hast die Gans gestohlen«.

Um so herber war die Enttäuschung des Autodidakten Byrnes, der sich einst Tag für Tag fünf Filme angeschaut hatte, um die Schauspielkunst zu erlernen, als er sich in Bayern abermals einem »Kookie-Rummel« (Baumann) konfrontiert sah. Zudem erschien ihm die intensive Probenarbeit »fremd und lästig« (Kurt Wilhelm). Es bereitete dem Publikumsliebling offensichtlich Mühe, kurze Dialogpassagen zu erlernen.

Daß es bei der deutschen Kookie -Show um ein dramaturgisch gestricktes Geschehen mit durchlaufendem Handlungsfaden ging, »das hat er, glaube ich«, so Guido Baumann später, »bis heute nicht begriffen«. Unwirsch erledigte er die geplanten Tanz- und Gesangseinlagen. Und vollends unerfüllt ließ er das Ansinnen des Regisseurs, er möge sich, verkleidet in Monteur-Montur, an einem alten Kookie-Auto (wie das Drehbuch vorschrieb) zu schaffen machen.

Er habe, so erklärte Byrnes dem Regisseur, lange genug gebraucht, um in der amerikanischen Krimi-Serie vom Tankwart zum Detektiv aufzusteigen. In München wolle er nicht wieder absteigen und Handwerkerkluft anlegen. Regisseur Wilhelm resignierte, Byrnes -Kookie durfte seinen Anzug anbehalten. Partner Clarin: »Er war von herrlichem Infantilismus.«

Kookies Gemüt soll denn auch nicht nur in der weiterlaufenden TV-Serie »77 Sunset Strip« dem deutschen Publikum nahegebracht werden: Kookie wird auch im deutschen Film auftreten. Vorletzte Woche verpflichtete ihn der Berliner CCC-Chef Artur Brauner für drei Filmprojekte. Im Frühjahr 1964 soll mit den Dreharbeiten begonnen werden.

Kookies Stimme allerdings konnte Brauner nicht erwerben. Schauspieler Hans Clarin, die deutsche Hälfte des synthetischen Stars, steht bei einem anderen Filmproduzenten unter Exklusiv-Vertrag: Brauner hat einen Kookie ohne Kickser.

Kookie-Darsteller Byrnes (stehend), Kookie-Sprecher Clarin: Endlich die Stimme los

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