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Literatur Mit Kanone auf zum Pentagon

aus DER SPIEGEL 1/1996

Im »Salon Maritime« tagt der Kriegsrat. Draußen, mitten auf dem Atlantik, toben die Elemente. Der Casus belli: In Rom soll ein zweiter Euro-Disney-Park entstehen. Grund genug für die Mitglieder des paneuropäischen Kulturvereins »Artemis«, endlich ein Zeichen zu setzen. Kurzerhand haben sie die Taue des belgischen Hotelschiffs »Brabant«, auf dem sie sich alljährlich treffen, gekappt und Kurs auf Washington genommen. Mit der letzten Kanone der einst stolzen Fregatte will man dem Pentagon eine Lektion erteilen. Welches Wagnis! Mit Witz, Ironie und tieferer Bedeutung inszeniert Hans Pleschinski, 39, ein turbulentes Drama um das vielfach gespaltene europäische Seelenleben. So verwandeln sich die Schiffsplanken der »Brabant« zur Weltbühne, umtost von Stürmen und erschüttert von fundamentalen Fragen. Die Hüter Europas nutzen ihren feuchten Feldzug genauso zur Pflege ihrer Kultur wie zur Selbsterforschung.

Vor allem wird debattiert, was das Zeug hält. Man »brabantisiert«, so der Schiffsjargon, über Literatur, Kunst und Erotik, Ost und West. Liegt die Zukunft in der Abgrenzung oder will man doch lieber im Euroamerikanismus aufgehen? Manifeste werden geschrieben und umgeschrieben. »Die Bindungen der Künstler gehen durch alle Zeiten und durchziehen die ganze Welt«, plädiert der Byzantinist Erich Müller versöhnlich. Soll man nun trotzdem aufs Pentagon schießen oder gerade deshalb nicht?

Einen »Roman zur See« hat Pleschinski sein neues Buch mit humoristischem Unterton genannt. Gewiß, das »Blaue Band« für die schnellste Atlantiküberquerung wird diese aufwendig und dennoch elegant gebaute Prosafregatte kaum erringen. Doch wird das Pulver der Europäer bei dieser Fahrt ebensowenig naß wie das des Autors.

Hans Pleschinski Brabant Schöffling & Co. Frankfurt am Main 560 Seiten 49,80 Mark

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