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»Mit Ludwig begann mein mystischer Weg«

SPIEGEL-Reporter Fritz Rumler über die »Auferstehung« des O.W. Fischer *
Von Fritz Rumler
aus DER SPIEGEL 24/1986

Er erinnert schon verteufelt an jenen Typ Alt Charmeur, der gern erzählt, kürzlich habe mal wieder eine blutjunge Schöne an seine Hotelzimmertür getrommelt; um lausbübisch hinzuzufügen: »Aber ich habe sie nicht rausgelassen.«

Kaiserwetter im Blick, Augenbrauen dämonisch gezwirbelt, Herzog Graubart in Husarenstimmung: Der Österreicher mit den Vornamen wie ein Klagelaut, O.W. Fischer, 71, ist wieder da - respektive vor den Fernsehkameras.

Jüngst erst gab er sich, in einer Melange aus Grandseigneur und Graf Bobby, in der »NDR-Talkshow« zum besten. Am kommenden Samstag (und am Dienstag drauf) läßt er sich, nun ganz Pere noble und Privatgelehrter, im ZDF sehen und von der Münchner Vip-Collectionneuse, Holde Heuer huldigen, als »Professor« und »Dichter-Philosoph«.

»Auferstehung in Lugano« heißt, irgendwie zutreffend, das Zwiegespräch, denn zwei Jahrzehnte lang hatte sich O.W. Fischer als hoch umzäunter Klausner in seine Tessiner Luxus-Einsiedelei interniert. Gerüchte, daß er da die Bibel umschreibe, mit Katzen und Verstorbenen konversiere und den Sinn des Lebens entdeckt habe, konnten nie ganz entkräftet werden.

Nun also ist Jupiter herabgestiegen - fesch in Schale wie der Bonvivant Danilo aus der »Lustigen Witwe«, Witwer selbst, bewaffnet mit der austriakischen Charme-Brause, die in der Norddeutschen Tiefebene freilich furchtbar wirkt: Feuerlöscher gehen von alleine los, die Heide gilbt und stirbt.

Vergessen war er nie, doch wer die Gnade der späten Geburt hat, kann nicht ahnen, wie weltberühmt dieser Fischer einst in Deutschland war. In den edelholzfurnierten Nierentisch-Filmen der 50er Jahre spielte er romantische Herzensbrecher und begnadete Schicksalsbändiger, aber auch den magnetischen Hanussen und den schelmischen Hauptmann Bluntschli ("Helden)«; Hauptmann Nuschli, eigentlich, wegen Fischers eigenwilliger Diktion.

Nur Maria Schell kann es formulieren, was Millionen Frauen damals fühlten: »Unglaublich schön« war er, »mit seltsam einsamen Gedanken und Idealen fremd, ganz anders als alle Menschen. Aber auch schwierig.« So schreibt sie, die mit ihm das Traumpaar der deutschen Traumzeit formierte, in ihren Memoiren. Und: »Für mich und mein brennendes Herz war es gut, so wie es war.«

Die Rolle aber, die ihn vermutlich unsterblich machen wird, war die eines verklemmten Liebhabers, eines vom Schicksal Gebeutelten, von Dämonen Getriebenen. Die hat er auch nicht genuschelt, sondern gewienert, denn es war die Rolle einer bizarren bayrischen Majestät - erkannt: »Ludwig II.«, der Wahnsinn im Purpur.

Der Film rollt auch am kommenden Samstag im ZDF, und diese Fischer-Ballung hat natürlich einen hochaktuellen Grund: Am kommenden Freitag, dem 13., »ist es hundert Jahre her, daß der Alpenkönig und Weiberfeind im Starnberger See ertrank, nicht ohne vorher _(In »Das Riesenrad«, 1961. )

seinem Irrenarzt Gudden die Luft abgedreht zu haben.

Helmut Käutner hatte die märchenhafte Augenweide im Jahre 1954 gedreht, ganz im Stil der Zeit, mit großen Hüten, großen Kaleschen, großen Szenen und edler Verlogenheit. Ludwig wird darin zum Tristan, weil er Isolde (Sissy) nicht haben kann, und in der Folge zum Baulöwen und Schwanenritter. Wahnsinn wabert nur ganz dezent, Homosexualität überhaupt nicht.

Die Akzeptanz des Werks in Bayern war furios. »Druck''n eini, den Sauhund«, riefen Königstreue im Kino wenn Ludwig dem Gudden an die Gurgel ging; und Kinder spielten Ludwig-Sterben, indem sie, wie er, mit ausgebreiteten Armen in den See hineinwateten. Ein junger Mann kam nicht zurück.

Königliche Huld salbte den Künstler nach getaner Arbeit, ein Patensohn Ludwigs, der Kronprinz Rupprecht von Bayern, gewahrte ihm Audienz. Selbst der bissigste Ludwigs-Leu, der Königstreue Hannes Heindl (27 Filmbesuche), bestätigte Fischer »stets Majestät«. Seit 30 Jahren läuft das Werk ununterbrochen in einem Kino nahe dem Ludwigs-Gral, Neuschwanstein.

Doch keinem schwante bislang, das dieser Film auch einen großen Künstler bis ins Mark verwandelt hat, ihn von den lichten Höhen des Weltkinds hinlenkte zu den dunklen Mysterien des Lebens und Sterbens, der Mikrobiologie, Metaphysik, Geisterkunde, des Nirwana, zu Gott, zu sich selbst - O.W. Fischer.

Erst jetzt, bei seinen Fernseh-Audienzen, zieht er den Schleier der Isis vom Geheimnis seiner selbst auferlegten Einsamkeit im Tessin und rätselvollen Weltentsagung auf dem eigenen Neuschwanstein. »Mit Ludwig«, sagt Fischer, »habe ich den mystischen Weg meiner Karriere begonnen.«

Nun ist es leider Volksmund, daß alte Huren fromm und alte Mimen, falls die Politik sie nicht ruft, wunderlich werden. In kaum einem anderen Berufszweig türmt sich so der Hang zum Okkulten zumal zur östlichen Lehre, daß der Mensch sich immer wieder inkarniere und in immer neuen Rollen auftrete.

Das mag berufsspezifisch bedingt sein, geboren aus der Gewißheit, unersetzlich zu sein. Schwer drücken muß die Vorstellung, nach dem letzten Abgang ohne Publikum und Beifall vor sich hin zu verwesen, während ein jüngerer Kollege den Hamlet spielt.

In den Mustopf läßt sich O.W. Fischer, glücklicherweise, nicht werfen, denn seine metaphysischen Spekulationen ranken sich um wissenschaftliche Spaliere. So erklärt er, beispielsweise, die Wiedergeburt nach den Gesetzen der »Verdunstung": Die »Aura« des Verblichenen steigt nach oben und kehrt, regengleich, zur Erde wieder.

So gerüstet, war Fischer auch an den Ludwig herangegangen, um in dieses »einsame, kostbare, verlorene, nicht in diese Welt passende Wesen zu schlüpfen": Er hatte mit »Selbsthypnose« gearbeitet. Der Ludwig habe dann auf ihn »zurückgestrahlt«, ihn »infiziert«, in einen »Einzelgänger« verwandelt, in ein »die Einsamkeit suchendes Geschöpf«.

Nun muß man leider hinzufügen, daß der arme Ludwig offenbar gar nicht so einsam war. Denn der speiste oft und gerne in Gesellschaft, wenn auch mit Verstorbenen wie der Madame Pompadour. Gesellige Konversation mußte er gleichfalls nicht entbehren, obwohl nur er die Stimmen der anderen hörte.

Die Merkwürdigkeiten haben ihm in schwarzmagischen Zirkeln hohe Würden eingebracht. In der Liturgie etwa des legendären »Ordo Templi Orientis« (O.T.O.), geführt einst vom berüchtigten Neo-Satanisten Aleister Crowley wird »Ludovicus Rex Bavariae« als »Heiliger« angerufen, neben Pan und Priapus. Und die »äußerst merkwürdigen Todesumstände« des »opulenten Satanisten« seien für Eingeweihte »mehr als verständlich«.

Grusel, Grusel: Schwarze Messen auf Neuschwanstein? Lieber hält man sich an die irdische Vorstellung, daß auch Ludwig ein geborener Schauspieler war der allerdings allzufrüh in die Politik abberufen wurde. Aus Trotz baute er sich seine eigenen Theater-Burgen und spielte darin in eigenen Inszenierungen - ein verkannter Künstler.

So weben sich, was keiner ahnte, zwei Schicksale ineinander, über ein Jahrhundert hinweg. Freilich, als sich Fischer nach dem Ludwig-Film, im Tessin seine Fluchtburg baute, plante er doch etwas modischer als der Mittelalter-Freak: Nur mit Mühe konnten ihm die Architekten einen Swimmingpool in Nierenform ausreden.

Doch den Hobbys seines Seelenbruders Ludwig frönt er in seiner Einsiedelei - etwa Gespräche mit Verstorbenen. »Geister, Gespenster« heißt er die Abgeschiedenen, und es sei »das Natürlichste, daß das, was sich liebt, sich ruft«. Erschrecken wollte er die Vip-Befragerin Holde Heuer nur mit wissenschaftlichen Daten:

»Sitzen Sie fest auf Ihrem Po?« forschte er väterlich, landadlig postiert vor einem der Gobelins in seinem Hause. Dann eröffnete er ihr, sie bestehe aus »vier plus 28 Nullen Elektronen« und jedes dieser Teilchen berge eine Hitze von »1000 Milliarden Grad«.

Dagegen sind die Resultate seiner »Sinn des Lebens«-Forschung von kalter Evidenz. Der Sinn des Lebens, sagt Fischer, sei »Verwandlung«, und da er Verwandlung auch als das »Eigentliche« der Schauspielkunst postuliert, kann jedermann messerscharf schließen: Der Sinn des Lebens ist die Schauspielkunst.

Kein Künstlerleben ohne Tragik. In einem von der Öffentlichkeit weithin unbemerkten Buch hatte Fischer schon im vergangenen Jahr Fackeln in die eigenen Abgründe geworfen. »Auferstehung in Hollywood« heißt das Werk, es liest sich schwer, Bruchstücke einer großen Konfusion.

Was er da irrlichternd angedeutet hat, legt er im Fernsehen nun unverpackt auf den Tisch. Sein Hollywood-Debakel, im Jahre 1957, resultierte nicht aus Unverträglichkeit mit dem Regisseur: Er hatte das Gedächtnis verloren und durfte es keinem sagen. »Das war eine meiner schwärzesten Stunden.«

Brüderlich hatte Ludwig für seinen Darsteller vorausgedacht: »Ein Rätsel will ich bleiben mir und anderen.«

In »Das Riesenrad«, 1961.

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