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MODELLE Mit Op und Pop

Von der Krinoline bis zum blanken Busen, zwischen Jet-Set und Suizid: eine Monographie über Modemädchen.
aus DER SPIEGEL 21/1978

Ihre Großmütter galten noch als nicht gesellschaftsfähig; länger als ein Jahrhundert mußten An- und Ausziehmädchen um Anerkennung kämpfen.

Heute halten Mannequins und Modelle den letzten Glamour-Job: Pelze auf nackter Haut, Posen in exotischen Gefilden -- Covergirl an Kiosken in aller Welt.

Photo- und Vorführmädchen haben Aussicht auf allerbeste Bezahlung: Das Texasgirl Jerry Hall posiert für nicht weniger als 1000 Dollar am Tag, Margaux Hemingway kassierte von der Kosmetikfirma Farbergé eine Dollar-Million für die fünfjährige »Babe«-Kampagne.

Von den artigen Knicksen der Pariser Schalverkäuferin Marie Worth vor Kaiserin Eugénie in Krinoline bis zum entblößten Busen der hurenhaften Geistergirls vor der Kamera des »Vogue« -- Künstlers Helmut Newton vollzog sich die Emanzipation der Modemädchen, die der Engländer Charles Castle in der Monographie »Model Gin« jetzt erzählt*.

Als Amerikas Topmodell Lauren Hutton letztes Jahr im Fernsehen nach ihrem Erfolgsrezept gefragt wurde, schockte das Reylon-Gin die Zuschauer: »I fucked around.«

Den Sturm der Entrüstung versuchte sie später zu glätten: Und »natürlich habe ich sehr hart gearbeitet«. Wichti-

* Charles Castle: »Model Girl« David & Charles, London; 208 Seiten; 6,95 Pfund.

ges vergaß sie: ihr Glück -- etwa die Begegnung mit Photographen wie Horst P. Horst, Richard Avedon und Francesco Scavullo, die ihre Schönheitsfehler zu nutzen oder zu kaschieren wußten, wie Nasenhöcker, Zahnlücke, kantige Unterkiefer.

Der berühmte Edward Steichen photographierte schon vor dein Ersten Weltkrieg die von Fischbeinstäben befreite Mannequin-Truppe des Pariser Couturiers Paul Poiret.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, mit der Wiedergeburt der Haute Couture, bekam die Photokunst Hochkonjunktur. Erwin Blumenfeld schuf einen klassischen »Vogue«-Titel Auge und Mund von Jean Patchett -, der seitdem Bloomingdale's Einkaufstüten ziert.

Die langbeinigen, hohlwangigen Schönheiten errangen ihren hohen Status aber erst während der sechziger Jahre, als die schuftenden Schmetterlinge auch zum begehrten Heiratsobjekt von Finanzaristokratie und sonstiger Society wurden.

Mit Op und Pop, mit Carnaby und Courréges kam ihre hohe Zeit. David Bailey entdeckte Jean Shrimpton, Barry Lategan brachte den nägelkauenden Cockney-Knirps Twiggy heraus. Die großfüßige ostpreußische Gräfin Vera von Lehndorff ("Veruschka") und ihr italienischer Photofreund Franco Rubartelli rückten zum internationalen Jet-Set-Paar auf.

Zu den meistgebuchten Girls gehören zur Zeit die Deutsche Christiana Steidten und die Dänin Vibéké Knudson. Die Holländerin Apollonia von Ravenstein kann mit ihrem Sex laut Castle »einfach alles verkaufen«. Mit der Schwarzafrikanerin Imen macht Reylon sogar in USA Geschäft.

Die Waliser Laufsteg-Amazone Bronwen Pugh wurde durch die scheinbare Achtlosigkeit berühmt, mit der sie Balmains kostbarste Roben behandelte.

Doch mehr Covers und mehr Gage als Jean und Twiggy zusammen machte innerhalb von sieben Jahren das Hollandmädel Wilhelmina. Wilhelmina führt heute eine angesehene Agentur in New York, Jean Schrimpton handelt mit Antiquitäten, Lauren Hutton ist beim Film.

Suzy Parker, Laurens Vorgängerin als Revlons »Cosmetic Queen«, lebt heute total domestiziert in Kalifornien, backt Brot und zieht drei Kinder auf. Ihr Gesicht ist gezeichnet von einem Autounfall, bei dem ihr Vater starb.

Not und Tod fürchten die schönen Motten denn auch schon im grellsten Photolicht. Ein New Yorker Topmodell verriet Autor Castle den selbstgegebenen Rat: »Halte dein Geld zusammen und finde ganz schnell einen reichen Mann.«

Eliette Mouret fand Herbert von Karajan, Bronwen Pugh wurde Lady Astor, Nina Dyer kam erst bei Heini Thyssen und später, als der Stahlbaron Fiona Campbell-Walter nahm, bei Sadruddin Khan unter. Mit Sadruddins Bruder Ah war bis zu dessen tödlichen Autounfall Faths berühmte Bettina liiert. Nina nahm später Gift.

Die Pingeligkeit eines westdeutschen Grenzers versetzte das gealterte Schwedenmodell Anna in tödliche Panik. Nachdem der pflichtbewußte Beamte beanstandet hatte, daß in Annas Paß am Geburtsdatum herumradiert worden sei, fuhr sie nach Paris zurück und schnitt sich die Pulsadern auf.

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