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MEDIZIN / MYKOSEN Mit Pilzen leben

aus DER SPIEGEL 15/1969

Die Menschheit verdankt ihnen Brot und Käse, Bier und Wein. In chemischen Fabriken als Arbeitssklaven eingesetzt, erzeugen sie Vitamine, Säuren (so 80 Prozent der Weltproduktion an Zitronensäure) und Medikamente: Mittel für den Kreislauf etwa und vor allem Penicillin.

Aber: Die mikroskopisch kleinen Pilze, zu denen Penicillin- und Alkohol-Erzeuger zählen, bringen immer häufiger nicht nur Gesundheit und Genuß, sondern auch Krankheit.

Die krank machenden Pilze, biologisch verwandt mit Champignons und Pfifferlingen, lauern in Duschräumen, Schwimmbädern und Hotelzimmern. Sie befallen Reisende in fernen Ländern. Und der Fortschritt der Medizin trug noch zu ihrer Verbreitung bei: Behandlungen mit Antibiotika oder Medikamenten, welche die Abwehrkräfte des Körpers lähmen, können gefährlichen Pilzinfektionen den Weg bereiten.

Mindestens jeder fünfte Bundesbürger leidet heute an einer »Mykose«, wie die Mediziner eine Infektion durch winzige Faden-, Hefe- oder Schimmelpilze nennen. Das Mediziner-Magazin »Selecta« sah kürzlich Anlaß, seine Leser durch eine Titelgeschichte über die »Volksseuche Mykosen« aufzuklären. »Das Problem der zunehmenden Pilzinfektionen«, so erklärte auch einer der führenden deutschen Mykosen-Experten, Dr. Hans-Heinrich Rieth, Gastforscher an der Hamburger Universitäts-Hautklinik, sei nahezu »ein Problem der öffentlichen Gesundheitspflege«.

Nur etwa 50 unter Tausenden von Faden-, Hefe- und Schimmelpilzen können Menschen krank machen. Dennoch haben es Pilz-Kenner nicht leicht: Verschiedenartige Pilze können gleiche Krankheitsbilder auslösen, und dieselbe Pilzart kann andererseits bei verschiedenen Patienten unterschiedliche Symptome hervorrufen.

Die Mediziner unterteilen Mykosen teils nach botanisch-systematischen Gesichtspunkten, teils nach den Krankheitserscheinungen. So unterscheidet Mykologe Rieth

* Dermatophytien: Fadenpilz-Erkrankungen von Haut und Haaren, Fuß- und Fingernägeln;

* Hefemykosen: Krankheiten durch Hefen und hefeartige Pilze, die auf Schleimhäuten wuchern, aber auch die Haut und innere Organe befallen;

* Schimmelmykosen: Erkrankungen durch Schimmelpilze, die von toter pflanzlicher oder tierischer Substanz leben, aber auch geschwächte lebende Organismen angreifen;

* Systemmykosen: Krankheiten, bei denen Pilze nicht ein einzelnes Organ befallen, sondern sich an zahlreichen Stellen des Körpers einnisten können.

Am weitesten verbreitet sind Hautpilze, die sich vor allem an den Füßen, zwischen den Zehen, ansiedeln. Ansteckungsgefahr besteht meist in warmen, feuchten Räumen, in denen viele Menschen barfuß gehen. So leiden 70 Prozent der Bergarbeiter, die sich in einer Gemeinschaftsdusche säubern, an Fußpilzen. Besonders pilzanfällig sind auch Bademeister und Schwimmsportler.

Doch die Gefahr einer Infektion mit Pilzen, die zwischen den Zehen jucken, die Haut zerstören und die Nägel in eine unförmige Masse verwandeln, ist für jedermann gestiegen. Enge, gummibesohlte Schuhe, Nylonstrümpfe und Perlonsocken halten die Füße so feucht und warm, daß die Hautparasiten verheerend gedeihen.

Oft greift eine Pilzinfektion am Fuß auf andere Hautpartien über: auf Hände und Fingernägel sowie auf Körperregionen, die stark schwitzen. Andere Pilze sprießen von vornherein auf fußfernen Hautpartien, etwa auf der Kopfhaut oder in der Bartregion.

Auch exotische Pilzleiden, die außer der Haut zahlreiche andere Organe -- so Lungen und Verdauungsorgane, Knochen und das Zentralnervensystem -- angreifen können, werden immer häufiger eingeschleppt. Nicht nur Touristen in Übersee wurden von solchen Mykosen befallen -- seßhafte Bundesbürger infizierten sich beispielsweise an Kisten, die aus tropischen Hölzern fabriziert worden waren.

Bedenklicher noch stimmte die Mykologen, daß Hefe- und Schimmelpilze zunehmend bösartige Allgemeinerkrankungen auslösen. Beide Pilzgruppen sind weltweit verbreitet. Normalerweise richten sie im menschlichen Körper keinen Schaden an. Doch können sie ernste Gefahren heraufbeschwören, wenn die natürliche Bakterienflora des Körpers -- die, vor allem im Dickdarm, den Schimmelpilzen und Hefen den Lebensraum streitig macht -- durch massive Behandlung mit Antibiotika dezimiert oder die Abwehrkraft des Organismus geschwächt worden ist.

So werden Pilzkrankheiten durch Anti-Krebsmittel gefördert, aber auch -- wie die »Deutsche Medizinische Wochenschrift« feststellte -- »durch immunologische Reaktionsbremsen« wie die Kortikosteroide, die Ärzte täglich gegen viele Leiden verordnen. Geradezu ideale Lebensbedingungen finden Pilze bei Patienten, denen ein fremdes Körperorgan überpflanzt worden ist und deren Abwehrkräfte zum Schutz des Fremdorgans geschwächt werden müssen.

Amerikanische Mediziner, die 51 nach Nierentransplantationen verstorbene Patienten untersuchten, fanden in 23 Fällen ausgedehnte Pilzinfektionen. Viermal waren die -- überpflanzten -- Nieren befallen.

Nicht immer vermögen die Ärzte Patienten mit inneren Pilzerkrankungen zu retten. Pilzkrankheiten der Haut hingegen sind meist harmloser, aber oft außerordentlich hartnäckig.

Erst 1958, lange nachdem sichere Bakterientoter entwickelt worden waren, gelangte das erste wirkmächtige Pilzbekämpfungsmittel in die Apotheken. Gewonnen wurde dieses »Griseofulvin« genannte Heilmittel ausgerechnet von einem Pilz: einem Schimmelpilz der Gattung Penicillium.

Im Gegensatz zu den vordem Üblichen Mitteln gegen Hautpilze wird Griseofulvin geschluckt. Von innen heraus imprägniert es die Haut gewissermaßen gegen die Parasiten: Es zwingt den sonst zielstrebig weiterwuchernden Pilz, in Kurven zu wachsen, so daß Haar und Nagel schneller nachwachsen und auch die Haut, schneller abschuppt, als die Infektion um sich greifen kann. Der Hamburger Mykologe Rieth konnte mit Griseofulvin einen Patienten von einer Mykose der Kopfhaut befreien, die 54 Jahre lang vergebens mit Puder, Salben und Tinkturen bekämpft worden war.

Allerdings ist auch die Behandlung mit dem (sehr teuren) Penicillium-Präparat häufig langwierig -- besonders bei Pilzbefall am Fuß. Dort schilfert die Haut zu langsam ab, um selbst die durch Griseofulvin gehemmten Pilze abzustoßen.

Schneller und billiger hilft bei einer Reihe von Haut-Mykosen eine Substanz namens Tolnaftat, die japanische Forscher 1962 entdeckten und die Hautärzte seit 1966 auch in der Bundesrepublik verordnen. Die wasserhelle und geruchlose Tolnaftat-Lösung bringt Ausschläge durch Fadenpilze meist innerhalb weniger Wochen zum Verschwinden.

Freilich: Die Wahrscheinlichkeit, daß sich die von Pilzen befreiten Patienten schnell wieder infizieren, ist groß -- der Unachtsamkeit wegen. »In unserem Labor«, erklärte Rieth, »wo wir fortwährend, aber vorsichtig mit Pilzen hantieren, kommen Mykosen-Erkrankungen praktisch nicht vor.«

»Mit Pilzen leben«, befand dagegen das Ärzte-Journal »Selecta« Über das allgemeine Erkrankungs-Risiko, »ist wohl unser Schicksal.«

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