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KLEINWAGEN Mit Schnürsenkeln

aus DER SPIEGEL 8/1961

Österreichs Bundeskanzler Julius Raab mußte aussteigen. Seinem Automobil, einem amerikanischen »Dodge«, erging es auf der steilen Alpenpaßstraße (zur Turracher Höhe) wie vielen anderen Fahrzeugen. Es vermochte die Steigung von streckenweise 34 Prozent, nicht zu bewältigen.

Während sich die Begleiter des Wiener Regierungschefs vergebens mühten, den Straßenkreuzer wieder in Fahrt zu setzen, tuckerte langsam ("die Tacho-Nadel fast auf dem Nullpunkt") ein weitaus kleineres Automobil bergan. »Die Fahrer (des Dodge) haben große Kulleraugen gemacht, als der Kleinwagen an ihnen vorbeizog«, berichtete die Automobilzeitschrift »Kleinwagen« später. Wo der 300-PS-Kreuzer versagte, bewährte sich ein Flachland-Produkt von 19 PS: der holländische Kleinwagen »Daf 600«.

Wenngleich diese Klettertour des holländischen Automobils als eine Ausnahmeleistung gelten muß - die Herstellerfirma »Van Doorne's Automobielfabriek« in Eindhoven traut dem Wagen offiziell nur Bergfahrten mit Steigungen bis 25 Prozent zu -, so wird sie doch neuerdings von der westdeutschen Daf-Niederlassung gern kolportiert. Daf-Leute werten das alpine Bravourstückchen als bislang augenfälligsten Beweis für die Zuverlässigkeit des konstruktiven Kernstücks im Daf 600: des vollautomatischen Getriebes ("Variomatic").

Denn als vorerst einziger Kleinwagen ist der Daf serienmäßig mit einer Fahr -Automatik ausgerüstet - einem technischen Komfort, den sonst nur die Fahrer amerikanischer Sechs- und Achtzylinder-Wagen und großer einheimischer Modelle genießen können. Der Daf 600 hat weder Kupplungspedal noch Ganghebel, das Chauffieren beschränkt sich auf Lenken, Gasgeben und Bremsen.

Daß den Kleinwagenfahrern durchaus an derlei Bedienungserleichterungen gelegen ist, erwies sich Ende vergangenen Monats, als die belgischen Automobilhändler ihre Verkaufszahlen für das Jahr 1960 veröffentlichten. Nachdem der Daf-Wagen 1959 als neuer Typ eingeführt worden war, konnte die holländische Herstellerfirma im vergangenen Jahr 6000 Fahrzeuge absetzen und gleich fünf Prozent des Marktanteils erringen - zu Lasten vornehmlich der deutschen Automobilmarken.

Um auch die Bundesrepublik, wo sich der Daf-Verkauf nur schleppend anließ, für den niederländischen Kleinwagen stärker zu erschließen, hat die Daf-Niederlassung in Düsseldorf jetzt eine Verkaufskampagne gestartet. Die westdeutsche Daf-Vertretung senkte den Preis des Automatik-Autos von 4690 auf 4490 Mark ("De Luxe«-Ausführung), begann ihr Verkaufsnetz von 40 auf (so die Planung) 140 Händler auszuweiten und leitete eine umfassende Werbeaktion ein.

Insbesondere hoffen die Daf-Leute auf einen Geschäftsaufschwung in Westdeutschland, seit die Rüsselsheimer Opel-Werke den 2,6-Liter-Wagen »Kapitän« mit der Fahr-Automatik »Hydra-Matic« ausstatten (SPIEGEL 3/1961). Im Reklame-Sog von Opel, so kalkuliert der Düsseldorfer Daf-Chef Hans Schiller, würden sich auch die Vorzüge der Kleinwagen-Automatik leichter ins Bewußtsein der Kraftfahrer rücken lassen. Schiller vertraut auf den Spruch: »Was sonst nur die ganz Großen haben, bringt jetzt der kleine Daf.«

In der Tat dürfen sich die Hersteller des Kleinwagens als Pioniere einer Entwicklung fühlen, vor der andere europäische Kleinwagen-Fabrikanten zurückschreckten. Denn jahrelang galt, als unumstößlich, daß vollautomatische Bedienungshilfen nur für PS-starke Automobile amerikanischen Kalibers geeignet seien. Grund: Die Motoren der meisten europäischen Wagen, zumal der Kleinwagen, können eine leistungszehrende Getriebe-Automatik nicht verkraften.

Dieser Situation sahen sich auch die Ingenieure der Doorne'schen Automobilfabrik in Eindhoven gegenüber, als sich die Firma Mitte der fünfziger Jähre entschloß, künftig nicht nur Lastkraftwagen (etwa gleiches Typenprogramm wie Daimler-Benz), sondern erstmals auch Personenwagen zu bauen. In der Erkenntnis, daß sich der Sprung in die Pkw-Produktion angesichts der starken Klassen-Konkurrenz nur verlohnen würde, wenn man »so etwas wie 'das andere Auto'« (Schiller) zustande brächte, konstruierten die Holländer das »Variomatic«.

Mit einer Unbekümmertheit, die an, die Schnurstracks-Methoden russischer Raketen-Techniker erinnert, verzichteten die holländischen Ingenieure auf die Verwendung des herkömmlichen klassischen Zahnradgetriebes. Statt dessen benutzten sie Keilriemen, um die Motorkraft auf die Hinterräder des neuen Daf-Autos zu übertragen (siehe Graphik Seite 88).

Den Mechanismus des Getriebes bestimmten die Techniker durch eine besondere Konstruktion der Riemenscheiben, auf denen die beiden Antriebsriemen laufen. Die Scheiben bestehen aus beweglichen (konischen) Hälften, die - je nach Geschwindigkeit und Beanspruchung des Wagens - zusammenrücken und den zwischen ihnen eingezwängten Keilriemen somit auf einen größeren Laufdurchmesser pressen. Umgekehrt rutscht der Keilriemen tiefer in die Rille (kleiner Durchmesser), wenn die Scheibenhälften auseinanderrücken.

Beim Anfahren etwa läuft, der Keilriemen auf dem kleinsten Durchmesser der vorderen und auf dem größten Durchmesser der hinteren Scheibe (kleinste Übersetzung). Bei Höchstgeschwindigkeit gilt umgekehrt: größter Durchmesser vorn, kleinster Durchmesser hinten (größte Übersetzung). Zwischen diesen Extremen bieten sich praktisch zahllose Übersetzungsmöglichkeiten - im Gegensatz zu den drei oder vier Gängen normaler Personenwagen mit Zahnradgetriebe. Als technischer Clou des Daf-Getriebes aber gilt, daß sich die jeweils angemessene Übersetzung entsprechend dem Druck aufs Gaspedal automatisch einspielt.

Als das Eindhovener Werk seine Auto-Novität mit den verblüffenden technischen Konstruktionsmerkmalen vor zwei Jahren vorstellte, überboten die Kritiker einander mit Lobsprüchen. Die »Neue Zürcher Zeitung« etwa bewertete die Konstruktion als »Pionierleistung«, und in München schrieb die Süddeutsche Zeitung": »Ein revolutionärer Kleinwagen.«

Den holländischen Ingenieuren war es gelungen, mit einem Schlag ein zwiefältiges Problem zu lösen. Der couragierte Rückgriff auf das Keilriemensystem ermöglichte

- die Konstruktion eines echten stufenlosen Getriebes für ein Serien-Automobil und damit

- die Konstruktion einer kaum kräftezehrenden Automatik für Kleinwagen.

Freilich bedingte die Konzeption des Fahrzeugs auch einige Besonderheiten, die gerade in Westdeutschland als Mängel empfunden wurden, etwa

- das verhältnismäßig geringe Anzugsvermögen beim Start,

- das Geschwindigkeits-Limit von etwa 90 Stundenkilometern,

- das schwache Beschleunigungsvermögen im Tempobereich 60 bis 90.

Andererseits stellten die Kritiker eine umfängliche Liste von fahrtechnischen Vorzügen zusammen. Vor allem im Stadtverkehr, oder in zunehmendem Maße die Konzentration des Autofahrers verlangt, erwies sich das Fahrzeug ohne Kupplungspedal und Schalthebel als vorteilhaft. Die Zeitschrift des ADAC fand gar, die »Einfachheit der Bedienung sei von »weittragender Bedeutung für die Verkehrssicherheit«.

Überdies entdeckten die Auto-Tester, daß man »praktisch gar nicht im falschen Gang fahren oder den Motor quälen kann« ("Die Welt"). Selbst bei scharfem Bremsen ist der Motor nicht abzuwürgen. Beim Start zieht der Wagen sogar dann ruckfrei weg, wenn der Fahrer das Gaspedal ruckartig ganz durchtritt. »Die Welt": »Mit diesem vollautomatischen Autochen kann eine alte Dame noch das Fahren lernen.«

Selbst wenn einer der beiden Antriebs-Keilriemen ausfällt (Haltbarkeit laut Daf: »So lange wie ein Reifen"), kann ein Daf-Automobilist gewöhnlich noch, auf einem Keilriemen, in die Reparaturwerkstatt fahren.

Ein derart narrensicheres Automobil hielten die berufsmäßigen Automobil-Kritiker denn auch weniger geeignet für sportliche Fahrer als für Frauen, ältere Personen, Körperbehinderte, ausgesprochene Stadtfahrer und Anfänger. Die Fachzeitschrift »Auto, Motor und Sport« fand: »ideal ist der Daf für die Kurzstreckenfahrt von Haus zu Haus, und die Bundespost müßte sich für die Briefkastenleerer auf diesen Antrieb stürzen.« Allerdings: »Die Bedienung beschäftigt den Fahrer so wenig, daß er leicht einduselt!«

In der Autobranche kursierten bald Slogans wie »Auto für Radfahrer« und Daf-Direktor Schiller weiß zu berichten, Händler der Konkurrenz hätten den Keilriemen-Wagen als »Schnürsenkel -Auto« bespöttelt.

Erst vor kurzem sahen sich die Düsseldorfer Daf-Leute durch eine Fünf -Zeilen-Meldung eines Hamburger Industrie Pressedienstes angepflaumt. Unter Anspielung darauf, daß die Polizei in Holland mit Daf-Wagen ausgerüstet wird, hieß es in der Meldung: »Dort müssen die Diebe langsamer werden, wenn sie sich der Polizei nicht entziehen wollen.«

Prompt eilten die Daf-Techniker nach Hamburg, um vor Polizisten und Journalisten die Wendigkeit ihres Automobils zu demonstrieren. Zumindest eine Fahreigenschaft erregte Aufsehen: Der Daf fuhr rückwärts so schnell wie vorwärts.

Daß das holländische Fahrzeug auch ärgere Strapazen zu überstehen vermag, suchten die Daf-Werke in der letzten Woche auf der Internationalen Automobil-Ausstellung in Amsterdam zu beweisen: Neben blankpolierten Ausstellungswagen erblickten Besucher einen schmutzverkrusteten Daf. Das 19-PS-Fahrzeug war - wie die Beschilderung auswies - von einer Keilriemen-Rundreise über das Nordkap, Moskau, Jalta und den Balkan zurückgekehrt, samt mitgeschlepptem Wohnanhänger und aufgelastetem Motorboot

Holländischer Kleinwagen Daf 600: Müssen Diebe langsam fahren?

Schiller

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