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SCHALLPLATTEN / NEU IN DEUTSCHLAND Mit Trauerrand

Gustav Mahler: »Symphonie Nr. 1 D-Dur«. Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Dirigent: Rafael Kubelik. Deutsche Grammophon 139 331: 25 Mark.
aus DER SPIEGEL 23/1968

Der späte Symphoniker Mahler bereute und tilgte, was er als 28jähriger über seine Erste Symphonie geschrieben hatte: »Der Titan«. Diese programmatische Anspielung auf Jean Pauls Roman, von der Deutschen Grammophon nun wieder hinzugefügt, ist ohnedies überflüssig. Denn Mahlers romantische Vorstellung von einer zugleich unheimlichen und idyllischen Natur ist nicht zu überhören -- es ist eine Natur, in der ein Kuckuck im hohlen Quartintervall statt in der kecken Terz ruft, in der »die Tiere des Waldes den Sarg des verstorbenen Försters zu Grabe tragen ... begleitet von musizierenden Katzen, Unken, Krähen usw.« (Mahler).

Dieses erste Kapitel der orchestralen Leidens-Geschichtsschreibung des hypochondrischen Leidsuchers mit dem lassen Luziferantlitz furtwänglert Rafael Kubelik folgerichtig in lyrischer Versonnenheit -- fern von Georg Soltis hitziger Ekstase oder Bruno Walters herben Konturen -- als Pastorale mit Trauerrand.

Im Scherzo, dem »lustigen Zusammensein der Landleute« (Mahler), begibt sich der Böhme Kubelik auf einen böhmischen Tanzboden und verbrüdert lärmend und rührselig Mahler mit Dvorak. Daß das Finale »stürmisch bewegt« lostoht, will Kubelik allerdings nicht wahrhaben; er zähmt sein Orchester zu einem gefälligen, optimistischen Ausklang und bringt so noch matten Sonnenschein in Mahlers Schmerzensnächte.

Während im Konzertsaal ein irdischtheatralischer Rest an Mahlers Schaustellung der Zerrissenheit haftet, vermag die Stereotechnik auf dieser zweiten Symphonie-Platte der Mahler-Kubelik-Gesamtausgabe den puren, magischen Mahler-Klang wie in einem Ideal-Raum zu erzeugen. Kein Wunder, daß die Mahler-Renaissance stereophon begonnen hat.

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