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LITERATUR Mit'm Radl da

aus DER SPIEGEL 39/1999

Da kommt einer aus Vechta in die große Stadt Berlin und hofft darauf, sich im Asphaltkrieg behaupten zu müssen. Und weil es nirgendwo härter zugeht als auf den Straßen, wird er Fahrradkurier. Er heißt Enzberg, liebt sein Fahrrad und hält Geschwindigkeit für Hygiene, »denn Schnecken machen Schleim«. Enzberg bremst nie, Radarfallen entkommt er »durch entschlossene Beschleunigung«, und »wenn ihm ein ziviler Radfahrer auf dem falschen Radweg« entgegenwackelt, hält »er den Ellenbogen raus«.

»Velo«, das Buch des Journalisten und Literaturdebütanten Jörg-Uwe Albig, 39, ist noch ein Berlin-Roman, aber Albig hat wenig gemein mit den derzeit gepriesenen deutschen Jung-Erzählern. Denn das Letzte, was er will, ist, eine handwerklich saubere Geschichte aus der dreckigen Großstadt zu erzählen. Seine Story - sie handelt von Liebe, Vertrauen, Verrat und Tod - jubelt er vielmehr dem Text geradezu verstohlen unter. »Velo« ist entschlossen durchstilisiert, expressiv, streckenweise essayistisch: Da hat einer jeden Satz bis zum Anschlag durchgezogen.

Dummerweise passt »Velo« auch deshalb partout nicht in den Zeitgeist, weil er der Großstadt Berlin ihren ganzen Hype nicht abkauft. Er entlarvt den Rummel als eine Selbstaufblähung derjenigen, die aus Vechta oder sonst woher in die Metropole einfallen und jetzt so furchtbar gern Stadtguerrilla spielen möchten. Aber die Stadt, träge und gleichgültig, spielt nicht mit. Enzberg stählt sich für den Ernstfall, »der ihm teuer war«, aber der Ernstfall tritt nicht ein. An einer Straßenkreuzung trifft der Fahrradkurier - »das Gesäß sieghaft gespannt« - auf eine Gruppe saufender Schlachtenbummler, aber wie er auch »mit brennender Leidenschaftslosigkeit« den Angreifern entgegenstarrt, sein Blick erhält »keine Antwort": wieder eine verpasste Schlacht.

Jörg-Uwe Albigs Held ist eine lächerlich-grimmige Gestalt, ein jugendlicher Kamikaze-Spießer, dessen »einzige Angst war, keine Angst vor seinem Inneren haben zu müssen«.

Jörg-Uwe Albig: »Velo«. Verlag Volk & Welt, Berlin; 160 Seiten; 28 Mark.

Jörg-Uwe Albig: »Velo«. Verlag Volk & Welt, Berlin; 160 Seiten;28 Mark.

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