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REGISSEURE Mitten im Dschungel

Die Filmemacherin Doris Dörrie hat mit ihrem »Männer«-Film einen sensationellen Erfolg. *
aus DER SPIEGEL 7/1986

An die »neuen Männer«, die modischen Phantome, kann sie nicht glauben. Die alten bereiten ihr schon genug Kopfzerbrechen: Sie kennt sie, mag sie - und versteht sie nicht.

Drum hat sich Doris Dörrie, 30, Tochter eines hannoverschen Frauenarztes, zur »Feldforscherin« ernannt und das weite Feld der männlichen Seele beackert. Resultat: ihr Film »Männer« (SPIEGEL 3/1986), der seit einigen Wochen lange Schlangen vor die Kinos zaubert und demnächst den millionsten Besucher haben soll; es darf gelacht werden.

Auf der Film-Hitliste ist er schon die Nummer eins, »vor allen Amerikanern« - das sieht Doris Dörrie besonders gern. Sonst nimmt die lange lässige Blonde mit dem Struwwelhaar Rekordmeldungen mit heiterer Nonchalance hin und hält Erklärungen für den Erfolg parat.

Ihr Film biete wohl viele Identifikationsmöglichkeiten, für Leute aus dem Wohngemeinschafts-Ambiente wie aus der Business-Etage - die »Männer« - Helden kommen daher. Und in Zeiten wirtschaftlicher Depression, das weiß die Schülerin amerikanischer Komödienmeister, habe das Lach-Genre Auftrieb.

Dem Kino war Doris Dörrie schon als Halbwüchsige verfallen und sah sich alles an, was da so in Hannover lief: Die »Nouvelle Vague«, den »Jungen deutschen Film«, die italienischen Großmeister und vor allem die Amerikaner, die

billigen Düsterfilme wie die eleganten Screwball- und Klipp-Klapp-Komödien eines Ernst Lubitsch und eines Billy Wilder.

Im Land der unbegrenzten Filme sollte sie bald landen. Nach dem Abitur ging sie, angeregt durch das Gastspiel einer amerikanischen Studententruppe in Hannover, nach Stockton in Kalifornien. Sie kannte die Stadt schon aus einem US-Film - aus John Hustons »Fat City«.

Stockton war für sie ein Konglomerat aus chinesischen Slums, aus dem ihr College »wie ein Palast« hervorragte. Als Studentin des Drama Department merkte sie freilich bald, daß sie zur Schauspielerin nicht taugte; nach zwei Semestern zog es sie »in den Regen und ein aggressives Klima«, nach New York.

Das war ein Jahr lang ihr »Lehrmeister«. Sie jobbte, schlecht bezahlt, in Cafes, lebte mit einem Freund in einem billigen Hotel und hatte seltsame und »grauenvolle« Begegnungen mit Menschen aus Manhattans untersten sozialen Etagen.

Nebenher lief ein Querbeet-Studium an der New School for Social Research, wo sie, Lebenserfahrung auch dies, zum erstenmal begriff, »was Hegel eigentlich wollte« - denn der las sich auf englisch viel einfacher. Und als Filmvorführerin im New Yorker Goethe-Haus spulte sie die alten Expressionisten-Werke ab. Zu den Vorführungen kamen viele Emigranten - nicht so sehr der Filme wegen. Sie wollten so »ihre Straße«, »ihr Cafe« in Berlin wiedersehen.

In der Rückschau auf diese zwei Jahre Amerika weiß sie: nicht die US-Realität hat sie gesucht, sondern, zumal in dem kalifornischen Jahr, die Bestätigung ihrer »pubertären Träume«, die »natürlich auch viel mit Liebe zu tun hatten«. Das »Plattencover-Amerika« war es, was es ihr damals angetan hatte. Wenn sie heute dorthin zurückkehrt, und das tut sie regelmäßig, interessieren sie viel mehr die sozialen Realitäten.

Wichtig freilich: ihre Entdeckung des amerikanischen Humors, dieses pointenreichen Schlagabtausches, den sie sich regelrecht »antrainiert« hat; filmisch schließlich fand sie für sich in den USA eine Mischung aus dem früher sorgfältig studierten deutschen Autorenfilm und dem Erzählkino eines Martin Scorsese oder John Cassavetes.

Später, auf der Filmhochschule in München, hat sie selber erst einmal Dokumentarfilme gedreht, meist über Jugendliche. Und mit ihren ersten Kinofilmen - Titel: »Mitten ins Herz« und »Im Innern des Wals« - kamen dann schon die Erfolge. 1984 wurde Doris Dörrie mit »Mitten ins Herz« zum angesehenen »New Directors Film Festival« in New York eingeladen, auf dem Filmfestival in Rio 1985 lief die »Wal«-Geschichte für die Bundesrepublik.

Die komplizierte Beziehung zwischen einem emotional verdorrten Zahnarzt und einem liebeshungrigen Punk-Mädchen in »Mitten ins Herz«, die Odyssee einer halbwüchsigen Ausreißerin und ihres jungen Beschützers in »Im Innern des Wals«, die grotesken Gockelkämpfe zweier Männer in »Männer« - die Filme der Doris Dörrie verraten gutes Handwerk, ein Gespür für spannende Geschichten, ein Ohr für Dialoge und ein ausgeprägtes Talent für Komik.

Ihre »Feldforschung« für den »Männer«-Film hat sie sehr gründlich betrieben - als ob sie »hinter die Sitten und Gebräuche eines unentdeckten Stammes« kommen müsse. Das »größte Geheimnis für Frauen": »Worüber unterhalten sich Männer, wenn sie unter sich sind«, wie reden sie über Frauen und die eigenen Probleme?

Sie wählte die Methode der »heimlichen, nichtinvolvierten Beobachtung«, also: Sie setzte sich »mitten in den Dschungel«, vornehmlich Kneipe, tat so, als läse sie ein Buch, »schielte dabei auf den unentdeckten Stamm« und memorierte alles, was sie hörte und sah.

So entstand das Drehbuch zu »Männer«. Die Dialoge der beiden Kampfhähne seien »original zitiert« und »wissenschaftlich neutral festgehalten«. Doch blieb, wie in der Feldforschung, »vieles rätselhaft und von mir nicht ganz verstanden«. Etwa der »Männer«-Satz: »Ein Mann ist eben, was er macht, eine Frau ist, was sie ist.«

Ihr Blick auf die Männer war, natürlich, »unweigerlich weiblich«, als »Kino-Erfindung« erträumte sie sich eine »männliche Marilyn Monroe«, diese »männliche Wunschvorstellung des Urweibs«. Doris Dörrie: »Meine Männer in diesem Film sind meine Marilyn Monroes.«

So hat »Männer« offenbar den Zeitgeist voll am Schlafittchen gepackt - wie einst, im Jahre 1968, May Spils' Fummel-Film »Zur Sache, Schätzchen«. Dem Vorwurf, ihr Werk sei »frauenfeindlich«, kann die Künstlerin nicht folgen: »Mich interessiert auch, was wir selber für Mist machen.«

Die Katalogisierung »Frauenfilm« lehnt sie als »beleidigend« ab; das klinge wie »außer Konkurrenz« und »die dürfen auch mal«. Eine erstaunliche Erfahrung: Im »Filmdschungel«, sagt Doris Dörrie, hätten es Frauen vielleicht sogar leichter, »Türen einzutreten«. Wenn sie in ein Büro komme, müsse sie sich eben nicht mit dem Mann hinter dem Schreibtisch messen - »es ist nicht das gleiche Spiel«.

Und das private Verhältnis zwischen Männern und Frauen - Kampf oder Miteinander? »Auf jeden Fall Miteinander«, sagt Doris Dörrie, und das bedeute dann halt auch: »Kampf miteinander.« Zu Haus bei ihr, in München, gibt es augenblicks kein Schlachtgetümmel. Sie wohnt mit ihrer Schwester und deren Freund zusammen.

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