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KUNST Möbel vom Barden

Der sagenhafte Sänger Ossian hat, wie jetzt eine Ausstellung zeigt, um 1800 eine Modewelle in allen Kunstgattungen bewirkt. Er diente dem Napoleon-Kult, der Napoleon-Kritik und als »Symbol der Ausgestoßenen«.
aus DER SPIEGEL 19/1974

Zu wandern über die Heide, umsaust vom Sturmwinde, zu hören vom Gebirge her im Gebrülle des Waldstroms halb verwehtes Ächzen der Geister« -- das war nach dem Geschmack des jungen Schwärmers. »Ossian«, ließ Goethe seinen Werther niederschreiben, »hat in meinem Herzen den Homer verdrängt. Welch eine Welt, in die der Herrliche mich führt!«

Und Werther-Fan Bonaparte empörte sich, als Kampfgenossen ihm auf der Überfahrt nach Ägypten ein Stückchen Odyssee deklamierten: »Das nennt ihr erhaben? Was für ein Unterschied zwischen eurem Homer und meinem Ossian!« Sprach's, zog ein von Schnupftabak beflecktes Büchlein aus der Tasche und begann das Epos »Temora« vorzutragen.

Wie Werther und den korsischen Feldherrn erbauten Stromgebrüll und Geisterächzen die halbe gebildete Welt. Für die düsteren »Ossianischen Gesänge«, die seit 1760 als Hinterlassenschaft eines vorzeitlichen Kelten-Barden bekannt wurden, erhitzten sich, statt für griechische Klarheit, Schöngeister in ganz Westeuropa.

Ohne Verzug wurde die in Edinburgh publizierte englische Version ins Französische, Deutsche, Italienische übertragen; auch Goethe, in dessen Frühwerk es wie bei Klopstock und Herder unverkennbar ossianisch rumort, beteiligte sich an der Vermittlerarbeit. Dann ging Ossian durch alle Kunstgattungen. Die auch von Goethe erwogene Idee, »die Helden Ossians« aufs lyrische Theater zu bringen, wurde von Londoner und Pariser Opernbühnen realisiert. Ein schottischer Adliger ließ sich seinen Wohnsitz Penicuik House vom Maler Alexander Runciman mit Ossian-Szenen dekorieren.

In der »Zeitung für die elegante Welt« wurden »Zimmer in Ossians Geschmack« besprochen, ein Hamburger Gymnasialdirektor sah Anlaß zur Sorge, der »Geschmack an Ossian« könne zum »Volksgeschmack« werden. Denn Kunsthandwerker bosselten an »Ossianischen Mobilien«, und vor allem in Paris wollten die Leute »iezt« (1804) »alles à la Ossian haben": Unter Napoleon wurde der Ossianismus staatsoffiziell.

Die Nebenprodukte dieser umfassenden Geistesmode, die Ossian-Möbel etwa, sind verschollen; erhalten haben sich jedoch, außer den literarischen Zeugnissen, erstaunlich viele und bedeutende Zeichnungen und Gemälde zum Thema. Rund 130 davon sind nun in einer »Ossian«-Ausstellung zusammengefaßt, die -- dem internationalen Sujet gemäß -- vom Louvre und der Hamburger Kunsthalle gemeinsam vorbereitet worden ist. Nachdem sie zunächst in Paris zu sehen war, wird sie am Donnerstag dieser Woche in Hamburg eröffnet*.

Durch eine dokumentierende Lichtbildschau (und möglichst durch Katalog-Lektüre) präpariert, wird der Besucher am Beispiel Ossian verfolgen können, wie ein zeittypisches Motiv je nach Anlaß Form und Bedeutung wechselt: Das Bild des sagenhaften Barden, das als ein »Instrument des Napoleon-Kultes« herhalten mußte, diente, so Kunsthallendirektor Werner Hofmann, zugleich den Romantikern als »Symbol der Ausgestoßenen und Vertriebenen«.

Die Melancholie stand auch ausdrücklich in den Texten: Die insgesamt 25 balladesken, epischen und lyrischen Dichtungen, die der schottische Schulmeister James Macpherson ans Licht gebracht hatte, hallen von Hundegebell und Klagelauten wider. In rauher Waldes- und Küstenlandschaft bescheint der Mond eine Schar von mannhaften Recken und zarten Mädchen, nebelhaft wie das nordische Klima. Durch Feldzüge und Zweikämpfe wird das zahlreiche Personal gründlich dezimiert, und Sänger Ossian muß schließlich, erblindet, außer seinem Vater Fingal und dem Sohn Oscar auch noch Schwiegertochter Malwina, den Trost seines Alters, betrauern. Er weiß nur: »Bleiben wird mein Ruhm.«

Das Echo, das diese Poesie im 18. und frühen 19. Jahrhundert tatsächlich fand, beruhte auf ihrem tragischen Schicksalsgefühl und den beseelten Naturschilderungen; das sprach den Geist der Epoche an.

Um dem erhabenen Stoff gerecht zu werden, griff Macphersons Landsmann Runciman 1772/73 für seine (später zerstörten, jedoch als Vorzeichnungen erhaltenen) Bilder in Penicuik House zu den Pathosformeln Michelangelos. Der Däne Nicolai Abraham Abildgaard drang mit dem Bild »Der Geist Culmins erscheint seiner Mutter«, auf dem der Leichnam unwirklich-gläsern im Raum schwebt und das zu den Entdeckungen der Paris-Hamburger Ausstellung zählt, in die visionäre Alptraumwelt des Schweizers Füssli vor.

1803 aquarellierte dann der Brite John Sell Cotman ein »Thema aus Ossian«, das sich nur noch dank einem Texthinweis auf der RUckseite identifizieren läßt; die Figuren treten schemenartig in den Hintergrund, die heroische Nachtlandschaft trägt Bedeutung und Gefühl des Werks.

Damit war die Richtung zur »eigentlichen Stufe des Ossianismus« (Hof. mann) eingeschlagen, etwa zur symbolträchtigen Landschaftsmalerei Caspar David Friedrichs, die von Zeitgenossen

*Bis 23. Juni; Katalog 148 Seiten; 20 Mark.

als ossianisch empfunden wurde. In ihr jedoch emanzipierte sich die Bildkunst vom literarischen Thema.

Nicht minder eigenwillig weitete Philipp Otto Runge das Ossian-Thema zu einer kosmischen Mythologie aus, in der Vater Fingal die Sonne, Sohn Ossian die Erde und Enkel Oscar den Mond vorstellt. Der Ossian-Übersetzer Graf zu Stolberg wies das 1806 als »Pantheisterei« weit von sich; jetzt wurden die Runge-Blätter, laut »Le Monde«, »für den französischen Betrachter die Offenbarung der Ausstellung«.

Der dann gleichsam staatliche Ossianismus Frankreichs war in der subjektiven Vorliebe des Herrschers für den Barden begründet, den er »Océan« nannte und den er ("Alle anderen waren schon vergeben") für sich mit Be· schlag belegte wie Alexander der Große den Homer. Die liebedienernde Umgebung machte sich, so 1811 zur Geburt des Kaiser-Sohnes, in Hunderten von ossianischen Huldigungsgedichten Luft; aber auch großartige Gemälde sind ihrem Eifer zu verdanken.

Die Architekten, die das Lustschloß Malmaison für die Familie Bonaparte auszuschmücken hatten, gaben 1800 je ein Ossian-Bild bei Francois Gérard und bei Anne-Louis Girodet in Auftrag. Gérard malte eine stimmungsvolle Komposition »Ossian am Ufer des Lora beschwört die Geister beim Klang der Harfe«, Girodet jedoch lieferte eine verwegene Allegorie ("Huldigung an Napoleon Bonaparte") von raffiniertem Reiz und möglicherweise hinterhältiger Bedeutung -- jedenfalls ein in der französischen Malerei einzigartiges Werk)

Der souverän geordnete Aufmarsch von unzähligen »Figuren aus Kristall« (wie Girodets Lehrer David kritisierte) stellt den Empfang französischer Gefallener durch Ossian und seine Sippe über den Wolken dar. Nach Girodets ausführlicher Erklärung bringen da unter anderem »zwei tapfere Krieger ... auf ihren General, auf Ossian und den Frieden einen Toast aus« -- doch offenbar nicht den ersten; sie wälzen sich schon am Boden. Der Pfeifenkopf des einen Trinkers ist mit dem »Bild eines Helden« (Girodet) geziert. Das Gemälde selbst stellt in einer Inschrift klar: »Bonaparte«.

Als der so zweideutig Verherrlichte kühl reagierte, schob der rachsüchtige Künstler eine (wohl nur privat herumgezeigte) hämische Replik nach, auf der die Heroen alle reichlich verkommen aussehen, der (kaiserliche?) Adler ein Kaninchen fallen läßt und der gallische Hahn die Märtyrerpalme trägt.

Noch ein weiteres großes Ossian-Werk entstand in Napoleons Namen. Für den römischen Quirinaispalast (den der Kaiser dann nie bezog) malte der Klassizist Jean-Auguste-Dominique Ingres 1813 seinen monumentalen »Traum Ossians«. In motivgeschichtlichen Vergleichen ordnet Aussteller Hofmann den von seinen visionär geschauten Gestalten umgebenen Sänger nun zwischen ältere Hiobs- sowie Schmerzensmann-Typen und die Alpträumer der Romantik ein.

Als Ingres sein Bild entwarf, war Ossian nur noch ein -- unvermindert ausdruckskräftiges -- Symbol; die philologische Debatte um ihn war entschieden.

Sie hatte lange genug gedauert. Da Macpherson nicht die, wie er sagte, galischen Ossian-Originale aus dem 3. Jahrhundert, sondern nur englische Übersetzungen sehen ließ, geriet er rasch in den Verdacht der Fälschung. Die durch schottisch-irisch-englische Rivalitäten zusätzlich angeheizte Echtheitsdiskussion kam freilich auch der Ossian-Publicity zugute.

Tatsächlich ist weder der Barde Ossian noch die gälische Dichtung eine Erfindung Macphersons. Uralte keltische Lieder sind mündlich und auf Manuskripten (seit dem Mittelalter) überliefert. Doch Macphersons Ossian hat, wie 1805 eine Untersuchungskommission zuverlässig recherchierte, mit diesen Quellen nur wenig zu tun. Das meiste an ihm ist dichterische Freiheit.

Der erfinderische Publizist, der bis zum Unterhausabgeordneten in London aufgestiegen war, hatte den falschen Schein konsequent gewahrt. Als er 1796 starb (und in der Westminster Abbey begraben wurde), hinterließ er neben fünf unehelichen Kindern nicht nur genügend Geld für ein Macpherson-Denkmal, sondern auch eine Summe für die Edition der originalen Ossian-Texte.

Sonderbar, die Kisten, in denen die Papiere stecken sollten, waren nicht aufzufinden.

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