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FOTOGRAFIE »Möge er noch lange bellen«

Elliott Erwitts Bilder von Politikern, Kinostars und Hunden sind weltberühmt. Jetzt zeigt die Berlinale weithin unbekannte Filme von Erwitt und seinen Kollegen der Fotoagentur Magnum.
aus DER SPIEGEL 6/2007

Einer der hintersinnigsten Kommentare zum modernen Kunstbetrieb kommt ohne Worte aus. Der Kommentar ist ein Foto: Es zeigt zwei Herren in schwarzen Anzügen, weißen Hemden und mit großen Hornbrillen. Sie stehen in einer Galerie in New York und betrachten interessiert zwei Bilder, groß wie Wandtafeln in der Schule. Die Pointe: Auf den Bildern ist nichts drauf - nur weiße Leinwand.

Das Foto, aufgenommen 1963, stammt von Elliott Erwitt, einem der großen Fotografen des 20. Jahrhunderts. Erwitt, seit 1953 Mitglied der legendären Fotoagentur Magnum, hat auch einige US-Präsidenten fotografiert und eine US-Präsidentenwitwe (Jacqueline Kennedy bei der Trauerfeier für ihren ermordeten Mann), Filmstars wie Marilyn Monroe und Marlon Brando sowie unzählige namenlose Paare und Passanten. Viele seiner bekanntesten Bilder kommen sogar ganz ohne Menschen aus: Sie zeigen Hunde aus aller Welt. Nur manchmal ragen auch die Beine von Herrchen oder Frauchen ins Bild hinein.

Erwitt ist ein Meister der fotografischen Komik; mittlerweile, das gehört zur Ironie der Geschichte, ist er allerdings auch ein Mitglied genau jenes Kunstbetriebs, den er auf seinem Bild von 1963 noch so fröhlich verspottet hatte. Neue Abzüge alter Erwitt-Aufnahmen kosten heute mindestens 4000 Dollar, Auflage unlimitiert; für alte Abzüge, sogenannte Vintage Prints, zahlen Sammler sechsstellige Summen.

Das verpflichtet: An einem Donnerstagabend im Januar geht der Fotograf, inzwischen 78, durch die vornehme Edwynn Houk Galerie in der Fifth Avenue in Manhattan. Diesmal ist er nicht zum Fotografieren gekommen. Eine Ausstellung mit drei Dutzend seiner Werke wird eröffnet, eine kleine Auswahl aus Erwitts neuem Buch »Personal Best« - einem fünf Kilo schweren Prachtband mit vielen bekannten und einigen unbekannten Fotos aus seiner sechzigjährigen Karriere*.

Erwitt hat sich, dem Anlass entsprechend, feingemacht: Am Revers trägt er ein Spiegelei aus Plastik. »So bin ich leichter zu erkennen: Ich bin der mit dem Ei«, spottet er. Auf seiner roten Krawatte toben als Weihnachtsmänner verkleidete Dalmatiner. Nein, er habe keine Hunde-Obsession, behauptet Erwitt, »aber Hunde waren immer nett zu mir«, auch wenn er sie, um eine fotogene Reaktion zu provozieren, mitunter anbellt. Und noch einen Vorteil hätten Hunde: »Sie fragen nicht nach Abzügen. Ich mag Hunde.«

Lieber jedenfalls als manche Menschen, auch wenn er die Huldigungen der Vernissage-Besucher gelassen entgegennimmt. Unter denen, die auch dann noch bleiben, nachdem der Weißwein alle ist, sind der Ballettstar Michail Baryschnikow sowie ein Kurator vom Museum of Modern Art, aber auch viele von Erwitts Kollegen, zu erkennen an ihren Leica-Sucherkameras. Ein japanischer Fotograf hat seine zweijährige Tochter mitgebracht, die eine Louis-Vuitton-Handtasche über den Parkettfußboden schleift. Daneben stehen zwei ältere Da-

men mit zartlila gefärbten Haaren, sie tragen bodenlange Pelzmäntel und die Nasen hoch. Dann ist da noch ein Mann, der seine Sonnenbrille den ganzen Abend nicht abnimmt. Und im Ledersessel gleich neben dem Eingang sitzt eine Frau, deren Mütze offenbar aus dem Fell von Krümelmonster geschneidert wurde. Das Publikum verkörpert genau jene gediegene Exzentrik, die Erwitt zu einigen seiner besten Bilder inspiriert hat.

Nicht nur an seinem Wohnort New York wird Erwitt zurzeit gefeiert. Diese Woche reist der Kosmopolit - 1928 in Paris als Sohn russischer Eltern geboren, in Mailand aufgewachsen, 1939 in die USA ausgewandert, in vierter Ehe verheiratet mit einer Deutschen, der Autorin Pia Frankenberg - nach Berlin: Die Filmfestspiele, die am Donnerstag eröffnet werden, zeigen zu Ehren der Fotoagentur Magnum die Sonderreihe »Magnum in Motion« mit mehr als 30 Filmen von und über Magnum-Fotografen.

Darunter ist eine angemessen boshafte Dokumentation von Erwitt über eine texanische Cheerleader-Gruppe ("Beauty Knows No Pain") - einer von vielen Filmen, die er einst im Auftrag des US-Kabelsenders HBO drehte, »bis dort Leute das Sagen hatten, die ich nicht mochte«. Weitere Filme im Berlinale-Programm stammen von Henri Cartier-Bresson, der gemeinsam mit Robert Capa und zwei Kollegen vor 60 Jahren die Agentur gründete. Parallel zur Filmreihe stellt die Berliner Galerie Camera Work Arbeiten von Magnum-Mitgliedern aus**.

»Wir gratulieren den Fotografen von Magnum«, sagt Berlinale-Chef Dieter Koss-

lick, »in Ehrfurcht vor den historischen Augenblicken, die sie weiterhin für die Ewigkeit einfangen.« Historische Augenblicke im weitesten Sinn: Ein Berlin-Bild von Erwitt zeigt seinen Hund Sammy, der in Sichtweite des Brandenburger Tors gegen einen Laternenpfahl pinkelt.

Magnum-Fotografen waren in den letzten 60 Jahren oft dabei, wenn es irgendwo krachte auf der Welt: bei Bürgerkriegen in Mittelamerika, bei Demonstrationen in Nordirland, am 11. September 2001 in New York. Manche waren sogar zu dicht dran: Agenturgründer Capa trat 1954 in Indochina auf eine Mine und starb. Aber oft genug gelang es den Fotoreportern, nach wochenlanger Warterei genau jene 1/125-Sekunde zu erwischen, die wahrhaftiger wirkte als das Ereignis selbst. Zeitgeschichte, verdichtet in einem Bild.

Auch Erwitt hat solche Bilder geschossen: die berühmte »Küchendebatte« zum Beispiel, aufgenommen 1959 in Moskau, wo ein wütender Richard Nixon den sowjetischen KP-Chef Nikita Chruschtschow mit seinem Zeigefinger quasi aufspießt. Knapper kann man den Kalten Krieg nicht veranschaulichen.

Solche Fotos sind selten geworden in der Bilderflut des 21. Jahrhunderts. Der Jubiläumsrummel für Magnum wirkt deshalb mitunter auch wie eine Trauerfeier zu Lebzeiten. Jede neue Retrospektive macht deutlich, dass anspruchsvoller Fotojournalismus vom Aussterben bedroht ist. »Möge er noch lange bellen«, wünscht Magnum-Mitglied Eve Arnold ihrem Kollegen Erwitt.

Wichtige Auftraggeber - Magazine wie »Life« und »Look«, die Fotografen wochenlange Reisen bezahlten und viele Seiten für eigensinnige, aber gerade dadurch faszinierende Bildstrecken freiräumten - sind längst vom Markt verschwunden. Hinzu kommt, dass die Konkurrenz für Profi-Fotografen größer ist denn je. Die sensationellsten Bilder stammen heute oft von Amateuren mit Fotohandys, die mehr oder weniger zufällig vor Ort sind: bei der Hinrichtung Saddam Husseins, bei den Anschlägen auf die Londoner U-Bahn, im Foltergefängnis von Abu Ghureib.

Erwitt hat sich, anfangs wohl eher unbewusst, schon lange auf diese Zeiten eingestellt: Auf seinen Reisen im Auftrag von Zeitschriften oder Werbekunden macht er immer auch Bilder, die zunächst niemanden interessieren, manchmal nicht mal ihn selbst. »Eines meiner populärsten Bilder« - ein sich küssendes Paar, gesehen durch den Seitenspiegel eines Autos - »habe ich erst 25 Jahre nach der Aufnahme entdeckt, als ich alte Negative wieder hervorholte.«

Wenn Erwitt nicht auf Reisen ist, verbringt er viel Zeit in seinem labyrinthischen Archiv. Es liegt an der Westseite des Central Parks, im Erdgeschoss eines Appartementhauses. Im achten Stock hat er eine riesige, stilvoll verrumpelte Wohnung, mit freiem Blick über die Baumkronen. John Lennon lebte und starb nur ein paar Blocks weiter. »Sterben ist ein sehr guter Karriereschachzug«, sagt Erwitt, »aber ich empfehle es nicht.«

Mit solch brummiger Lakonie wehrt er sich auch sonst gegen jeden Versuch, seinen eigenen jahrzehntelangen Erfolg zu deuten: »Im Allgemeinen haben Fotografen die Angewohnheit, sich sehr ernst zu nehmen. Ich vermute, das liegt daran, dass Fotografieren so einfach ist. Man muss ihr also etwas Gewicht geben, damit sie wichtig erscheint.« MARTIN WOLF

* Elliott Erwitt: »Personal Best«. teNeues Verlag, Kempen; 448Seiten; 98 Euro. Die gleichnamige Schau läuft in New York noch bis23. Februar.** »Berlin 1946 - 2006. Magnum Photos @ Camera Work«. 10.Februar bis 3. März.

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