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Mond und Totschlag

Literaturkritik: Rolf Bauerdicks Debütroman »Wie die Madonna auf den Mond kam«
aus DER SPIEGEL 45/2009

Das Buchgeschäft ist unberechenbar. Eine Erfolgsgeschichte auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse spielte sich hinter den Kulissen ab: Der Ansturm auf das literarische Debüt eines deutschen Journalisten von Anfang fünfzig. Es gab schon im Vorfeld Bietergefechte um die Übersetzungsrechte. Lizenzen wurden nach Großbritannien, Frankreich und Italien, nach Schweden, Spanien und Polen, in die Niederlande und die USA verkauft. Und das alles, bevor das Buch überhaupt publiziert war.

Rolf Bauerdick, 1957 im Sauerland geboren, ist ein renommierter Reporter und Fotograf. Seit einem Vierteljahrhundert reist er durch die Welt, begabt mit der Fähigkeit, in der Fremde das Vertrauen jener zu gewinnen, die am Rande der Zivilisation leben, arm und meist nur geduldet, aber deswegen nicht ohne Mut und Lebenslust.

Ein unsteter Zeitgenosse also, der nur schwer zur Ruhe kommt. Zehn Jahre hat Bauerdick laut eigener Auskunft an seinem ersten Roman geschrieben, der in dieser Woche erscheint: »Wie die Madonna auf den Mond kam"*.

Kein autobiografisches Buch, keine Nabelschau. Nur an einer Stelle, gegen Ende des Romans, erlaubt sich Bauerdick eine Anspielung auf das eigene Metier. Einen Fotografen lässt er sagen: »Die Heimatlosigkeit ist meine Heimat geworden.«

Der Roman spielt in einer fernen Welt, in einem ärmlichen Dorf in Siebenbürgen, am Rande der Karpaten. Die Handlung setzt im Geburtsjahr des Autors ein, genauer: am 5. November 1957. Die Hündin Laika kreist im zweiten Sputnik um die Erde, dem Sozialismus zur Ehre, Amerika und der westlichen Welt zum Schrecken.

Das bekommt man auch in Baia Luna mit, dem rumänischen Dorf mit 250 Einwohnern und 30 Häusern. Doch nur die wenigsten Bewohner können sich dafür begeistern, an die sozialistische Zukunft glau-

ben die meisten ohnehin nicht. Noch arbeiten die Bauern auf eigenen Feldern, und der einzige Laden, der gleichzeitig als Kneipe dient, gehört Ilja Botev. Rumänen, Ungarn, deutschstämmige Sachsen leben an diesem Ort. Der energische und tolerante Pfarrer, Pater Johannes, hat die zögernden Dörfler sogar dazu bewegt, einer Roma-Sippe das Bleiberecht zu gewähren.

Wie kommt ein in Deutschland geborener und aufgewachsener Autor dazu, eine Geschichte in einem Dorf im rumänischen Siebenbürgen anzusiedeln? Bauerdick reiste nach der Wende 1989 viel durch den ehemaligen Ostblock: Albanien, Bulgarien, Ungarn und immer wieder Rumänien waren seine Ziele. Er lebte mitten unter Roma, deren Leben ihn besonders faszinierte - seine Reportage »Von wie wenig kann man leben?« aus dem Jahr 2002 zeugt davon.

So erklärt es sich, dass seine Figuren von beeindruckender Lebendigkeit sind. Erzählt wird die sich über ein halbes Jahrhundert erstreckende Geschichte aus Baia Luna (der Ort ist fiktiv) vom Enkel des Kneipenwirts, von Pavel Botev.

Dramatisch wird es, als im Dorf Baia Luna erstmals die Staatsmacht auftritt. Die Lehrerin ist verschwunden, und mit der Polizei, die aus der Stadt anrückt, erscheint auch ein Major des Geheimdienstes. Ihm tritt ein Vertreter der deutschstämmigen Minderheit entgegen, die nach dem Krieg »in die Bergwerke der Russen« geschickt worden ist: »Dabei habt ihr genauso laut nach dem Führer gebrüllt wie wir. Wir Sachsen haben für euch die Kohlen aus dem Feuer geholt.«

Doch anders als bei Herta Müller, deren Geschichten unter Banater Schwaben spielen, wirft die rumänische Realität hier nur einen schwachen Schatten. Der Winter schließt Baia Luna bald wieder für lange Zeit von der Umwelt ab. Was sich im Dorf ereignet, hat nur entfernt mit der Welt da draußen zu tun, wo Ost und West im Zeichen des Kalten Krieges einen Wettlauf um die erste Mondlandung begonnen haben. Überhaupt spielt der Mond, wie der Titel schon erwarten lässt, eine wichtige Rolle in diesem Buch.

Kurz nach dem Verschwin- den der Lehrerin wird Pater Johannes mit durchgeschnittener Kehle gefunden, aus einer Kapelle verschwindet eine Statue, die heilige Madonna. Erst am Ende findet alles seine Aufklärung im Roman, der zwischen Krimi und Schelmenstück, Räuberpistole und Melodram changiert.

Eine wichtige Rolle spielt bei allem der geheimnisvolle Auftrag, den die Lehrerin vor ihrem Verschwinden (später wird sie tot an einem Strick gefunden) dem Ich-Erzähler Pavel mit auf den Weg gegeben hat, nämlich einen hohen Parteibonzen zu erledigen, der einst ihr Liebhaber war und sie brutal gedemütigt hat.

Der Roman von Rolf Bauerdick ist ein zwiespältiges Lesevergnügen. Großartig sind die Motive verwoben, lustvoll werden die so verschrobenen wie schlauen Erkenntnisse des Autodidakten Dimitru ausgebreitet, des Anführers der Roma.

Aber dann ist das alles eben doch zu ausschweifend und in vielen Passagen zu süßlich geraten - etwa wenn der junge Pavel das Roma-Mädchen Buba erobert, wieder aus den Augen verliert und am Ende erneut trifft: »Wir erzählten uns voneinander, indem wir schwiegen.« Das lässt sich mit Ironie nicht mehr entschuldigen, da verderben Kitsch und Klischee den ansonsten so eindrucksvollen Debütroman. VOLKER HAGE

* Rolf Bauerdick: »Wie die Madonna auf den Mond kam«. DeutscheVerlags-Anstalt, München; 528 Seiten; 22,95 Euro.

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