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EMBRYOLOGIE Monster aus der Retorte

aus DER SPIEGEL 6/1961

Der Professor füllte ein Gefäß mit Fruchtwasser, ließ eine weibliche Keimzelle und Sperma hineingleiten. Dann schob der Experimentator, der Bologneser Mediziner Daniele Petrucci, den Behälter in einen Brutkasten, der die Mixtur der Wärme des menschlichen Körpers (36 Grad Celsius) aussetzte.

Unter derart profanen Umständen begann ein Versuch, dessen weiteren Verlauf der 38jährige Professor Mitte des Monats im italienischen Ärzteblatt »Tempo Medico« beschrieb und damit einen Eklat in der Öffentlichkeit auslöste. Donnerte das Vatikanblatt »L'Osservatore Romano": »Gotteslästerliches Eingreifen in die göttliche Weltordnung«.

Denn was Petrucci und seine Mitarbeiter in ihrem Brutkasten kultivierten, war menschliches Leben. In ihrem Kunststoffbehälter hatten sie den Zeugungsvorgang künstlich vollzogen. Von natürlichem Fruchtwasser umgeben und mit Sauerstoff versorgt, entwickelte sich in der konstanten Körpertemperatur des Brutkastens ein menschlicher Embryo.

29 Tage währte das Leben des Laborwesens, dann entschloß sich Petrucci, den Versuch abzubrechen. Ohnehin war kein normaler Embryo entstanden, sondern ein fünf Millimeter großer unorganisierter Klumpen Leben. Petrucci konservierte ihn zum Zweck mikroskopischer Aufarbeitung.

»Wenn (der Embryo) gar zur vollen Reife gebracht werden könnte«, überlegte in der vergangenen Woche die Schweizer Illustrierte »Sie und Er«,

»was wäre ein solches Kind? Ein Individuum mit allen Rechten und Pflichten? Oder Privateigentum seines Schöpfers, ein Versuchstier ohne Namen und Persönlichkeit?«

Mit seinem ungewöhnlichen Versuch hatte Petrucci jedoch keineswegs etwa die Möglichkeit zur Züchtung von Retorten-Babys erforschen wollen, wie sie der englische Schriftsteller Aldous Huxley in seinem utopischen Buch »Schöne neue Welt« beschrieb. Petruccis Züchtungs-Experiment sollte vielmehr bar jeglicher Nutzanwendung allein der Grundlagenforschung dienen. Da die sehr komplizierte, zugleich ernährende und entschlackende Funktion der menschlichen Plazenta nicht im Labor nachgeahmt werden kann, ist es ohnehin nicht möglich, außerhalb des Mutterleibes Kinder künstlich zu entwickeln.

Der Professor und seine Mitarbeiter suchen durch ihre Experimente unter anderem zu ermitteln, welche Rolle das Verhalten der Chromosomen im Keimling bei der Ausbildung des Geschlechts spielt. In einer Erklärung verhieß das Forscherteam, daß die Versuche einmal »hilfreich sein könnten in der

Untersuchung von Problemen der Vaterschaft und der Geschlechtsbestimmung des Kindes vor der Geburt«.

Daß ihr Versuchsbericht einen publizistischen Aufruhr entfesseln würde, hatten die Forscher freilich nicht erwarten können. Denn die Bologneser Wissenschaftler hatten sich keineswegs an eine Pioniertat gewagt. Amerikanische, französische und russische Mediziner haben derartige Versuche seit 1944 hundertemal unternommen.

Mit ihren Experimenten hofften sie die grundlegenden Erkenntnisse zu erweitern, die Generationen von Forschern vor ihnen durch ähnliche Versuche erarbeitet hatten. Noch im 18. Jahrhundert war den Experimentatoren der Befruchtungsvorgang rätselhaft. Der Italiener Lazzaro Spallanzani, der sich mit zoologischen Versuchen beschäftigte, griff als

erster, wie er es ausdrückte, in »die Amouren der Frösche ein« und betupfte ein Froschei mit Sperma, ohne jedoch zu erkennen, daß die Verschmelzung beider Keimzellen den Anstoß zur Entwicklung des Lebens gab.

Erst der deutsche Zoologe Oskar Hertwig konnte 1875 durch Versuche mit Seeigel-Eiern den Befruchtungsvorgang entdecken, die frühe Entwicklung des Keims studieren und beschreiben. Zum Begründer der experimentellen Entwicklungsphysiologie wurde schließlich der Breslauer Forscher Wilhelm Roux, der im Jahre 1882 auf der Suche nach den Kräften bei der Entwicklung, nach der ersten Zellteilung die Hälfte eines Froschkeimes mit einer Nadel ausbrannte, so daß ein halber Frosch entstand.

Roux unternahm seinen Eingriff, »nicht ohne ein geheimes Gtauen darüber zu empfinden, daß ich es wagte, in so grober Weise in der geheimnisvollen Komplex aller Bildungsvorgänge eines Lebewesens einzugreifen«. Jahrzehnte später aber war im Freiburger Labor des Entwicklungsphysiologen Professor Hans Spemann das Hantieren mit Keimzellen bereits eine Routinearbeit geworden. Spemann erhob den »Befruchtungstag« der Kröten, Frösche und Molche zum Laborkult und empfand »eine Art mikroskopisch körperliches Wohlbehagen, wenn (bei den Versuchen) die Haarschlinge so glatt durch den weichen Keim schneidet und ein Stuck ausstanzt«.

Durch ihre Forschungen an Amphibien und niederem Meeresgetier gelangten die Entwicklungsphysiologen zu der Einsicht, daß die Gesetz der Befruchtung und der Entfaltung des Keims während der Anfangsstadien für alle Tiere und Menschen allgemein gültig sind. Den nachdrücklichsten Beweis dafür liefertet jüngst der Marburger Zoologe Professor Friedrich Seidel, dem es glückte, nach der an Molchen praktizierten Methode einen Kaninchenkeim zu zertrennen, so daß künstlich Zwillinge entstanden.

Im Jahre 1944 experimentierten die Wissenschaftler erstmals auch mit menschlichen Keimen. Dem amerikanischen Mediziner Dr. John Rock gelang zum erstenmal, eine menschliche Eizelle im Reagenzglas, künstlich zu befruchten. Rocks Experimente wurden an der Columbia-Universität fortgeführt, wo Dr. Landrum Shettles menschliche Keimlinge bis zu sechseinhalb Tagen am Leben erhalten konnte.

Diesen Wachstumsrekord hat nun Petruccis Forschergruppe überboten. Ihr Labor-Embryo blieb im künstlich nachgeahmten Milieu des Mutterleibes über vier Wochen am Leben, und die ungewöhnlich große Lebensspanne war es vor allem, die phantastische Spekulationen über einen Homunkulus aus der Retorte auslöste.

Obgleich das in Petruccis Labor gezüchtete Lebewesen keine Ähnlichkeit mit einem menschlichen Embryo hatte und der Professor den Versuch abbrach, weil »die Monstrosität des Gebildes eine Fortführung des Experiments sinnlos erscheinen ließ«, wird sich der Mediziner möglicherweise demnächst vor einem italienischen Gericht zu verantworten haben: Der Steuerbeamte Antonio Mirra aus Neapel hat aufgrund der Presseberichte Anklage wegen Kindesmords gegen ihn erhoben.

Experimentator Petrucci Kindesmord im Labor?

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