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FAHRENHEIT 451 Montags Rebellion

aus DER SPIEGEL 10/1966

Durch die offene Tür flogen Bücher in den Salon, hinter der Tür, im Badezimmer, arbeitete »Oscar«-Anwärter Oskar Werner wie ein Schaufelbagger, bis er die ganze Bibliothek nach nebenan befördert hatte.

Dann schleppten Studio-Arbeiter die Bücher zurück - und der zartgebaute österreichische Schauspieler begann den Kraftakt von vorn. Erst nach einem ganzen Probetag in den Londoner Pinewood -Studios war Regisseur Francois Truffaut (der Werner bereits in »Jules und Jim« als Jules beschäftigte) zufrieden: Bücher haben in dem Film, den Truffaut und Werner für den Verleih Universal International drehen, die passive Hauptrolle: Sie werden verbrannt, das Feuer erleuchtet - in der Filmfassung des weltberühmten, oft gerühmten Science-fiction-Romans »Fahrenheit 451« von Ray Bradbury, 45 - ein zukünftiges Zeitalter.

Der amerikanische »ungekrönte König der Science-fiction-Schriftsteller« ("New York Times") hat sein mittlerweile zwölf Jahre altes Buch symbolisch betitelt: Fahrenheit 451 ( = 233 Grad Celsius) ist die Temperatur, bei der bedrucktes Papier zu brennen beginnt.

Und Papier (in Buchform) wird in Bradburys Roman zuhauf verbrannt. Die Handlung läuft in einer nicht zu fernen, grauenerregenden Zukunft ab - etwa Ende des zwanzigsten Jahrhunderts, in Amerika.

Die künftigen Menschen sind glücklich: gedächtnis- und gedankenlos. Sie verleben ihre Tage in gemeinsamer Trance - in Zimmern, deren vier Wände Fernsehschirme sind; nachts haben sie Hörknöpfe in den Ohren, aus denen Musik und Unterhaltung rieseln. Aber die Menschen von morgen haben das Glück zu hohem Preis gekauft: Sie haben mit ihrem Geist bezahlt. Mithin gilt jedes noch erhaltene Buch als gefährlich, und jeder Leser ist der Vernichtung preisgegeben. Tag und Nacht wacht eine verkehrte Feuerwehr: Wann immer ein Bücherbesitzer aufgespürt ist, rasen die Männer ("451« steht auf ihren Helmen) zur Stelle, begießen die Bücher mit Kerosin und verbrennen Bibliothek und Haus

- die Besitzer brennen mit oder werden

verhaftet.

Ein Feuerwehrmann aber will nicht mehr zündeln. Guy Montag verbirgt selber Bücher; die Begegnung mit dem Mädchen Clarisse aus einer Leserfamilie stört Gedanken in ihm auf; er fürchtet auf einmal den »Mechanischen Hund«, ein Metalltier auf acht Insektenbeinen mit einer spitzen Radar-Schnauze, aus der eine Giftspritze züngelt. Der Hund hilft den Feuerleuten bei der Leserjagd.

Als Montag zuschauen muß, wie eine alte Frau samt Haus und Büchern eingeäschert wird, rebelliert er. Mit einem alten Mann, der ihm einst Bücher gab, plant er, laienhaft, den Aufstand: Montag will Feuer an die Feuerstationen im Land legen.

Aber er verrät sich. Seine Frau zeigt ihn an, sein eigenes Haus verglüht. Montag jedoch verbrennt seinen Feuerhauptmann mit einem Flammenwerfer, flieht über den Fluß und in die Wälder - in ein Reservat, wo die Zukunfts-Diktatur ihre Macht nicht ausübt. Dort leben die übrigen menschlichen Bücherwürmer, die zwar keine Bücher mehr besitzen, dafür deren Inhalte Im Kopf haben.

Die Ausgestoßenen erleben, zum guten Buchschluß, einen traurigen Triumph: Krieg ist ausgebrochen. Sie sehen, wie die Stadt binnen drei Sekunden vernichtet wird; danach gleicht sie einem »Häufchen Backpulver«. Und sie brechen auf, um aufzubauen.

Visionär Bradbury bemüht eine bewährte Methode der Science-fiction -Literatur: Er übertreibt, was ihm an der Gegenwart mißfällt - in »Fahrenheit 451« glossiert er die zeitgenössische Unterhaltungs- und Informationsbranche, die ihren Kunden bequem die Zeit vertreibt.

Bradbury plädiert, so interpretierte die »New York Times«, für »die große Tradition des unabhängigen Denkens und für die, in den Büchern symbolisierte, künstlerische Vollendung«.

Und der Autor entdeckte selber Indizien für seine Prophezeiung. Er beobachtete im kalifornischen Prominentenort Beverly Hills einen Mann und eine Frau, die mit einem Hund spazierengingen. Bradbury: »Ich starrte ihnen entgeistert nach. Die Frau hielt ein Radio, so klein wie eine Zigarettenschachtel, in der Hand. Dünne Kupferdrähte führten zu einer zierlichen Hörmuschel, die sie sich ins Ohr gesteckt hatte. Wie schlafwandlerisch lauschte sie der Unterhaltungsmusik; Hund und Mann waren völlig vergessen.«

Fahrenheit-Verfilmer Truffaut versteht die literarische Vorlage wie der Autor: »Für die Menschen«, sagte Truffaut, »die im Zeitalter der Schallplatte und des Fernsehens spüren, daß Bücher möglicherweise überflüssig werden, ist dieser Film das geeignete Thema.«

Die Zukunft will der Regisseur allerdings nicht so technisiert gestalten. Der mechanisierte Hund fehlt im Film und der Atomkrieg auch.

Das Mädchen Clarisse (gespielt von der »Oscar«-Anwärterin Julie Christie, die auch Montags Ehefrau darstellt) ist Lehrerin, Montags Geliebte und sein guter Geist. Sie führt ihn ins Unterholz

- zu den Büchermenschen.

Sie werden im Film andere Bücher hersagen als im Roman. Wo Bradbury Jonathan Swift, Charles Darwin, Arthur Schopenhauer, Albert Einstein und Albert Schweitzer memorieren läßt, hat Truffaut sich Autoren ausgesucht, die dem Regisseur der einst »Neuen Welle« genehm sind: unter anderen Jean-Paul Sartre, Jean Genet - und Ray Bradbury selbst. »Fahrenheit 451"Darsteller Werner: Über den Fluß und in die Wälder ... ... zu den letzten Lesern im Unterholz: »Fahrenheit 451"Darstellerin Julie Christie

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