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VERHALTENSFORSCHUNG Moral im Pelz

Ein britischer Philosophieprofessor hielt elf Jahre einen Wolf als Haustier. Das Herrchen lernte dabei fürs Leben.
aus DER SPIEGEL 15/2009

Dieses Tier hat in der Kulturgeschichte ein notorisch schlechtes Image. Die Liste prominenter Verleumder reicht vom Staatstheoretiker Thomas Hobbes ("Der Mensch ist des Menschen Wolf") über die Brüder Grimm ("Rotkäppchen") und Sergej Prokofjew ("Peter und der Wolf") bis zu Walt Disney ("Die drei kleinen Schweinchen"). Stets gilt der Wolf als Sinnbild für das Böse an sich, ein tückisch-tumber Räuber, der sich von Lämmern und Großmüttern ernährt. In der nordischen Mythologie verschlingt ein Wolf sogar die Sonne.

Höchste Zeit also für eine intellektuelle Ehrenrettung des Wolfs. Dieser Aufgabe hat sich jetzt der britische Philosophieprofessor Mark Rowlands unterzogen. Sein neues Sachbuch »Der Philosoph und der Wolf« ist eine wunderbar komische und zugleich tiefsinnige Studie über das Wesen des Wolfs, aber auch des Menschen im Allgemeinen sowie des Autors selbst - »ein unbedeutender Statist, der im Hintergrund herumstolpert«, wie Rowlands schreibt*. Eine Untertreibung, denn tatsächlich hat der Philosoph für dieses Buch nicht, wie in seiner Branche üblich, im Elfenbeinturm geforscht, sondern bei sich zu Hause: Er lebte elf Jahre mit einem Wolf zusammen.

Rowlands, Jahrgang 1962, kam in den neunziger Jahren auf den Wolf. Damals arbeitete der Philosoph aus Wales in den USA, als Assistenzprofessor an der Univer-

sität von Alabama. In einer Lokalzeitung entdeckte er eines Tages eine Anzeige: »96-prozentige Wolfsjungen zu verkaufen«. Ein Trick des Verkäufers, denn der Handel mit reinrassigen Wölfen - und darum handelte es sich - ist in den USA offiziell verboten. Egal, »beim Anblick der Jungen wusste ich, dass ich eines mitnehmen würde«. Für 500 Dollar bekommt er einen Welpen. Er nennt ihn Brenin, nach dem walisischen Wort für König.

In Rowlands' Haus erkundet der König mit den Pelzpfoten sein neues Revier. Erst reißt er die Vorhänge herunter, dann demontiert er blitzschnell die Rohre der Klimaanlage. Die Reparatur kostet weitere 500 Dollar. »Wölfe sind nicht billig zu haben«, konstatiert Rowlands.

Immerhin: Rowlands brachte dem Wolf bei, ohne Leine bei Fuß zu gehen und auf einfache Kommandos zu gehorchen, meistens jedenfalls. Nach dieser Grundausbildung war Brenin - schließlich 68 Kilo schwer, Schulterhöhe 90 Zentimeter - reif für akademische Weihen: Er begleitete Rowlands zur Universität. Während der Vorlesungen lag der Wolf »in der Ecke des Saales und döste - kaum anders als meine Studenten -, während ich mich über irgendeinen Philosophen ausließ. Gelegentlich, wenn die Vorlesungen besonders ermüdend wurden, setzte er sich auf und heulte«.

Für alle Fälle hatte der Dozent einen Hinweis in den Lehrplan aufnehmen lassen: »Bitte schenken Sie dem Wolf keine Beachtung. Er wird Ihnen nichts tun. Wenn Sie allerdings Lebensmittel in Ihren Taschen haben, dann sorgen Sie bitte dafür, dass diese fest geschlossen sind.«

Anders als Hélène Grimaud, die französische Pianistin und Wolfs-Aktivistin, nahm Rowlands sein Tier überallhin mit, zum Jogging, zum Rugby-Training, sogar zu den Auswärtsspielen der Uni-Mannschaft. Im Geländewagen reiste der Wolf bis nach Las Vegas und New Orleans, sie gingen gemeinsam zu Partys, und fast überall erwies sich der Isegrim mit der Sandpapierzunge als »Mädchenmagnet«.

»Ich finde deinen Hund toll« - das sagten junge Frauen ständig zu Rowlands, und der konnte sich »die übliche mühsame Anbaggerei« sparen. Der Wolf und der Partylöwe bildeten ein unschlagbares Team. Rowlands bewundert das Tier, die perfekten Bewegungen, das unverstellte Wesen.

Doch die Fixierung auf den Wolf lässt Rowlands allmählich zum Misanthropen werden. Wohl auch deshalb erzählt er im Buch nicht nur heitere Anekdoten. Aus seinen Erlebnissen leitet er auch einige komplexe Fragen ab. Was ist das Böse? Worin besteht Glück? Inwiefern ist der Tod etwas Schlimmes? Und ist es nicht unmoralisch, einem Wolf die Freiheit vorzuenthalten?

Glaubt man Rowlands, dann war Brenin ein glückliches Tier, auch wenn Wölfe »im Gegensatz zu Menschen nicht hinter Gefühlen, sondern hinter Kaninchen« herjagen. Der Wolf zog mit seinem Herrchen von Alabama nach Irland (wo Brenin vorsichtshalber als Schlittenhund ausgegeben wurde) und, inzwischen Chef eines kleinen Rudels, nach London. Denn Brenin hatte eine Schäferhündin geschwängert; Rowlands kaufte einen der Mischlingswelpen sowie einen Malamut, eine arktische Hunderasse. Macht zusammen also »anderthalb Wölfe und anderthalb Hunde«.

Zuletzt lebte die Bande in Südfrankreich. Dort entwickelte der Wolf eine Vorliebe für Pain au chocolat, während sein Herrchen vorübergehend dem Alkohol verfiel. In Frankreich ist Brenin schließlich gestorben. Wie Rowlands den Tod seines besten Freundes beschreibt, gibt dem Ausdruck »mit den Wölfen heulen« einen neuen, tieferen Sinn. »Was es bedeutet, ein Mensch zu sein, lernte ich von einem Wolf«, glaubt Rowlands.

Mittlerweile ist der Professor in die USA zurückgekehrt, an die Universität Miami. Er hat geheiratet, das Paar hat einen Schäferhund, Hugo, und einen kleinen Sohn. Das Kind heißt Brenin, es lernt gerade sprechen. Sein erstes Wort, berichtet Vater Rowlands leicht enttäuscht, war »Hund«. MARTIN WOLF

* Mark Rowlands: »Der Philosoph und der Wolf. Was ein wildesTier uns lehrt«. Aus dem Englischen von Bernd Rullkötter. VerlagRogner & Bernhard (bei Zweitausendeins), Berlin; 288 Seiten; 19,90Euro.

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