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COMICS Moralfreies Gemetzel

Krise in der Comic-Branche: Beim Marktführer Carlsen muß der Cheflektor gehen. Viele Kids spielen lieber am Computer, als Bildergeschichten zu lesen.
aus DER SPIEGEL 25/1998

In der Wunderwelt der Comic-Figuren galt Andreas C. Knigge viele Jahre als König: Schließlich herrschte er über das größte und traditionsreichste Comic-Haus im Land, und zu seinen Untertanen zählten das Marsupilami, Tim und Struppi, die Schlümpfe und Prinz Eisenherz.

Als sich am letzten Wochenende die Fans, Chefs und Kreativen der deutschen Comic-Branche traditionsgemäß in der fränkischen Provinzstadt Erlangen zum »Comicsalon« trafen, blieb Knigge der wichtigsten deutschen Fachmesse zum erstenmal seit 16 Jahren fern. Grund der Absenz: Vor drei Wochen hat der Hamburger Carlsen Verlag seinem seit anderthalb Jahrzehnten amtierenden Cheflektor Knigge, 41, gekündigt.

Knigges Absetzung resultiert aus der Misere der Branche. »Der Bereich Comic schreibt dramatisch rote Zahlen«, sagt Carlsen-Verleger Klaus Humann, 48, dessen Unternehmen heute nur mit Kinderbüchern Profit macht, »deshalb müßten wir aus kaufmännischer Sicht das Comic-Programm eigentlich ganz einstellen.« Knigge beurteilt die Lage ähnlich. »Der Albenmarkt ist grottentot«, sagt er, »selbst die Schlümpfe will keiner mehr.«

»Die Schlümpfe« gehörten bereits zum Carlsen-Bestand, als Knigge 1982 im Verlag anfing, ebenso andere Klassiker wie »Tim und Struppi« oder »Prinz Eisenherz«. Der neue Lektor, der zuvor in Hannover einen eigenen Comic-Verlag vom privaten Schlafzimmer aus betrieben und damit finanziell Bruchlandung erlitten hatte, baute das Carlsen-Programm ebenso umsichtig wie erfolgreich aus: Der Anteil der Comics am Gesamtumsatz des Hauses wuchs innerhalb von zehn Jahren von rund 20 auf 60 Prozent, die Zahl der Angestellten erhöhte sich von zunächst 20 auf 45.

Anders als etwa in Frankreich fehlt in Deutschland ein Massenpublikum für Comic-Bücher. Trotzdem gelang es Knigge, die Feuilletons für Strips wie »Corto Maltese« zu interessieren. Anfang der neunziger Jahre war gar von einem Boom der Branche die Rede, Marktführer Carlsen publizierte monatlich bis zu 20 Alben. »Damals hat bei uns das Kinderbuch von den dicken Gewinnen des Comics profitiert«, berichtet Verleger Humann. »Heute finanziert das Kinderbuch die Comics.«

Am Carlsen-Umsatz sind die Strip-Alben heute nur noch zu einem Drittel beteiligt, vor allem aber sind nahezu alle Neuveröffentlichungen defizitär.

Die Nachfrage ist derzeit so gering, daß der Verlag seine Bände nur noch in Auflagen von wenigen tausend Exemplaren druckt. In diesem Rumpfprogramm war für die ambitionierten Pläne des Lektors Knigge kein Platz mehr.

Die Rezession auf dem Comic-Markt beschert auch dem wichtigsten Carlsen-Konkurrenten Ehapa, Heimat von »Asterix« und »Donald Duck«, Einbußen. Über die Ursachen wird in der Branche verdrossen spekuliert: »Ein Achtjähriger, der am Computer groß wird, muß Comics todlangweilig finden«, vermutet Knigge, »das einzig Interaktive an der Lektüre der Bildbände ist das Umblättern der Seiten.«

Der Fernsehbegeisterung gerade junger Zuschauer geben die Fachleute ebenso Mitschuld an der Krise wie dem Bestreben von Enthusiasten wie Knigge, dem Genre künstlerisches Renommee zu verschaffen: »Der Status der Comics wurde immer mehr hochgeschraubt«, sagt Verleger Humann, »jetzt sind viele Bände so was von Kultur und so was von teuer, daß ihnen das ganze Anarchische und Verbotene, das beispielsweise früher die ,Sigurd'-Hefte auszeichnete, verlorenging.«

Die Erfolgscomics für die Nike- und Nintendo-Generation produzieren heute andere. Junge Häuser wie die Verlage Dino und Infinity verbreiten seit wenigen Jahren mit Erfolg Hefte in kreischbunten Farben, in denen die wüsten Abenteuer amerikanischer Superhelden geschildert werden. Hefte wie »Spawn« oder »Lobo« kosten nur 4,90 Mark und begeistern vor allem jene 14- bis 18jährigen, die von den etablierten Verlagen in den letzten Jahren ignoriert wurden. An die Stelle der klassischen Helden sind düstere Gestalten getreten, die moralfrei metzeln - all das aber ist grafisch so rasant und grell gestaltet wie ein Videoclip oder ein Computerspiel.

Inzwischen sucht auch Carlsen offenbar das Heil im Heft. Vor zwei Jahren hatte sich die Verlagsleitung noch Knigges Wunsch widersetzt, die deutsche Version des amerikanischen Heft-Bestsellers »Spawn« zu drucken.

Seit Anfang des Jahres jedoch produziert Carlsen das Fantasy-Album »Elfquest« auch als Heft für den Kiosk, zum Preis von neun Mark. Geplant sind zudem Heftserien zu den Kino- und TV-Hits »Godzilla«, »Akte X« und dem Fantasy-Rollenspiel »Magik« - ziemlich verzweifelte Versuche, in einem verlorenen Markt wieder Fuß zu fassen. Neue Leser will man auch mit Sonderpublikationen wie dem kürzlich erschienenen Rennfahrer-Album »Unser Schumi« gewinnen.

Das Not-Programm ist zunächst auf ein Jahr beschränkt. »Wenn dann keine positive Wirkung erkennbar ist«, so Humann, »müssen wir zugeben, das wir gescheitert sind.«

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