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Literatur Mord in Venedig

Die US-Autorin Donna Leon hat den italienischen Commissario Brunetti erfunden - einen der erfolgreichsten Krimihelden der letzten Zeit.
aus DER SPIEGEL 22/1996

Bei einer Männer-Tombola wäre er ein echter Hauptgewinn: Er sieht gut aus, ist intelligent und humorvoll, warmherzig und unbestechlich, er hat einen nachsichtigen Blick auf die Welt und diese edle, melancholische Aura, die Frauen unwiderstehlich finden.

Erfreulicherweise ist der Mann Italiener und deshalb irdischen Wonnen sehr zugetan: Er ißt und trinkt gern - Huhn mit Artischocken, frische Pfirsiche, Wein und Grappa -, er zankt sich mit seinen heftig pubertierenden Kindern und liebt seine Frau Paola auch nach 17 Jahren Ehe mit großer Zärtlichkeit und regelmäßig.

Er kann aber auch richtig sauer werden, etwa angesichts der Touristenmassen, die das ganze Jahr über seine Stadt bevölkern und gelegentlich sogar seine Ermittlungen behindern: Guido Brunetti ist Commissario della Polizia in Venedig.

Wie kam Donna Leon zu diesem Helden? »Er stieg aus dem Boot und war da«, sagt sie kurz und bündig. Fünf Bücher hat die amerikanische Autorin bislang mit dem Commissario bestritten. Für ihren Erstling »Venezianisches Finale« erhielt Leon, die seit über zehn Jahren in Venedig lebt, 1991 den Japanischen Suntory Preis. Kritiker lobten Charisma und Einfühlungsvermögen des italienischen Ermittlers und verglichen Leon mit dem Meister Georges Simenon.

Besonders erfolgreich ist Brunetti in der Schweiz, in Deutschland und Österreich: Vor wenigen Wochen ist der dritte der Brunetti-Krimis in deutscher Übersetzung erschienen, davon verkauften sich mittlerweile 20 000 Stück*. Die deutschsprachige Gesamtauflage der drei Leon-Bände liegt bei 150 000. ______(* Donna Leon: »Venezianische Scharade. ) ______(Commissario Brunettis dritter Fall«. Aus dem ) ______(Amerikanischen von Monika Elvenspoek. Diogenes ) ______(Verlag, Zürich; 384 Seiten; 39 Mark. )

Solch banale Dinge wie die Auflagezahlen ihrer Werke interessieren die Autorin kaum. Bei diesem Thema winkt Leon ab und steuert energischen Schrittes ein venezianisches Café an, in dem nicht allzu viele Touristen herumsitzen.

»Die Auflage ist mir ziemlich Wurscht«, erklärt die Dame mit dem scharfgeschnittenen Gesicht und den klugen Augen hinter dicken Brillengläsern. Sicher, es sei schön, wenn man im fortgeschrittenen Alter - sie ist jetzt 53 - anfange, Krimis zu schreiben und damit Erfolg habe. Und daß ihre Bücher jetzt auch ins Spanische, Niederländische und Japanische übersetzt werden, findet sie auch ganz erfreulich.

Aber schierer Materialismus erscheint ihr, genau wie dem Helden Brunetti, einfach dämlich: »Wie viele Zimmer braucht man, um darin zu wohnen, wie viele Mahlzeiten, um satt zu werden?«

Nun interessieren sich jede Menge Film- und Fernsehleute für den liebenswerten Brunetti und seine Mordfälle. Leon, die seit Jahrzehnten nicht mehr im Kino war und auf Fernsehen, wie sie beteuert, so allergisch reagiert »wie andere Menschen auf Skorpione und Klapperschlangen«, verhandelt noch, das heißt: Sie läßt versierte Agenten für sich verhandeln.

Da sie sich im Filmgewerbe nicht die Bohne auskennt, spricht sie auf sympathische Weise leidenschaftslos über die drei Interessenten: Da sei einmal die Studio Babelsberg GmbH in Potsdam, die eine französisch-italienisch-deutsche Koproduktion fürs Fernsehen plane, dann der amerikanische Regisseur Steven Spielberg »und ein deutscher Filmemacher, der Bernd Eichinger heißt und den Film ''E.T.'' gemacht hat«.

Nun wurde »E.T.« zwar von Spielberg gedreht und war nicht gerade ein Krimi, aber was macht das schon? Für Leon ist nur eins wichtig: »Brunetti und seine Familie dürfen nicht verheizt werden«, sagt sie fast drohend. »Und das Drehbuch kann nur jemand schreiben, der Venedig kennt.«

Sie ist kooperativ und zu manchem Kompromiß bereit, weil das Geld ihr vielleicht ermöglichen würde, eine größere Wohnung in Venedig zu kaufen. Ihr derzeitiges Domizil hat den Charme einer Studentenbude: klein, huckelig, mit einem wunderbaren Blick über die Dächer der Lagunenstadt und mit einem schmalen Tisch in der Küche: Hier schreibt sie. Die Regale an den Wänden sind vollgestopft mit Opernaufnahmen. Leon liebt Opern, vor allem die von Händel und Mozart.

So ist es nicht weiter erstaunlich, daß Brunettis erste Leiche ein deutscher Dirigent ist und in der Künstlergarderobe des »Teatro La Fenice« liegt, das weiße Frackhemd mit Zyankali-Kaffee bekleckert. Leon besuchte das venezianische Opernhaus regelmäßig, bevor es im Januar dieses Jahres abbrannte. Und dort ist auch der eigentliche Geburtsort Brunettis.

Eines Abends, erzählt sie, habe sie den Dirigenten Gabriele Ferro und dessen Frau in der Garderobe besucht. Die Ferros erzählten Anekdoten und allerlei Klatsch über den Stardirigenten Herbert von Karajan, über Künstlerkarrieren, die er behindert, beschädigt oder gar vereitelt haben soll.

Lustvoll ersann darob das Trio einen Krimi um einen deutschen Stardirigenten namens Helmut Wellauer, der ein ziemlicher Fiesling ist und schließlich ermordet wird.

Die zweite Leiche, in »Endstation Venedig«, schwimmt, schon weniger elegant, mit dem Gesicht nach unten im Kanal und hat eine Stichwunde zwischen den Rippen. Das dritte Mordopfer schließlich wird in brütender Augusthitze bei den Schlachthäusern im Industriegebiet Mestre gefunden: ein Bankier in Frauenkleidern, dessen Gesicht übel zugerichtet wurde.

Leon hat Spaß am Erzählen, ihre Sprache ist lakonisch, präzise und oft voller Ironie, schwärmerisch, wenn sie die Schönheit Venedigs beschreibt, kühl, wenn es um Drogengeschäfte und Giftmüllskandale geht. Ihre trickreichen und handfesten Plots reichert sie mit treffenden Milieuschilderungen an: Mal schildert sie die schrille Schickeria-Prominenz, mal das Transvestiten- und Strichermilieu, mal den Alltagsfrust im Polizeirevier.

Leon, und das macht den Rang ihrer Romane aus, interessiert sich weniger für das klassische »Whodunit?«, die Frage nach dem Täter. Ihre Stärke sind sensible, ungeheuer farbige Sozialporträts, Nahaufnahmen einer in Teilen verkrusteten, mitleidlosen Gesellschaft.

Aber letztlich ist es wohl doch ihr bourgeoiser, etwas altmodischer Commissario, der die Romane so erfolgreich macht. Ihm folgt der Leser - und vor allem die Leserin - gern als eine Art Assistent durch die verwinkelten Gassen Venedigs, schnappt dabei ein paar Brocken Italienisch auf, lernt schöne Bars und das Verkehrssystem zu Wasser kennen. Brunetti, der »hartgesottene Bullen« haßt, muß sich gegen seinen eitlen, prominentenhörigen Vorgesetzten Patta zur Wehr setzen, der - das ist Leons kleine Rache - völlig in sich zusammenfällt, als seine Frau mit einem stadtbekannten Pornofilmer durchbrennt.

Aber schlimmer als Patta ist der Rest der Welt. Mit trotzigem Gerechtigkeitssinn kämpft Brunetti gegen den ganz gewöhnlichen italienischen Alptraum: gegen Geld- und Machtgier, gegen perfide Mafiapraktiken und allgegenwärtige Korruption. Nicht immer gewinnt er. Sie habe nichts gegen das Sühnen von Verbrechen, erklärt Leon und grinst. »Schließlich bin ich eine puritanische Amerikanerin und habe irische Vorfahren.« Aber, das weiß ja heute jeder, so gerecht geht es nun einmal in der Welt nicht zu: Die kleinen Strolche kommen hinter Gitter, die wirklichen Drahtzieher bleiben meist ungeschoren. »Das ist nicht nur in Italien so.«

Trost findet der empfindsame Familienvater Brunetti bei seiner Ehefrau Paola, die mit ihm am Küchentisch bei einer Flasche Prosecco alles berät. Paola, energisch und großherzig wie ihre Erfinderin, entstammt der Oberschicht der Stadt, vertritt liberale Ansichten und lehrt Literatur an der Universität - Leon selbst lehrt seit Jahren englische Literatur in Vicenza, an einer Außenstelle der Universität Maryland auf einem Nato-Luftwaffenstützpunkt.

Trost schöpft Brunetti aber auch aus der nächtlichen Tacitus-Lektüre. Ist die Kultiviertheit dieses Commissario nicht vielleicht etwas übertrieben?

Leon reagiert spöttisch auf die Frage. »Soll er vielleicht joggen, sich mit Hamburgern vollstopfen und immer nur Krimis lesen wie diese lächerlichen amerikanischen Heldinnen von Sara Paretsky und Sue Grafton?« Sie gerät in Fahrt und macht kein Hehl aus ihrer Verachtung. Sicher, die Bücher der Kolleginnen hätten ihre Berechtigung, die Hauptfiguren aber seien doch ziemlich reduzierte Geschöpfe.

Brunetti ist verwandt mit Ruth Rendells Inspector Reginald Wexford oder mit P. D. James'' Commander Adam Dalgliesh. Er ist ein intellektueller Polizist, weil Leon sich dazu bekennt, eine Intellektuelle zu sein. Als Intellektuelle hat Leon auch eigenwillige Grundsätze. Einer davon lautet: »Ich finde es geradezu unanständig, im Bett Henry James oder Jane Austen zu lesen.« Kriminalromane dagegen, das ist was anderes. Die sind im Bett erlaubt.

Auch wenn Leon viele Dinge augenzwinkernd sagt - mit der Liebe zur Musik und zur Literatur ist es ihr ernst. Aufgewachsen ist sie in der Nähe von New York, zusammen mit einem Bruder und einem Hund. Ihr Vater las, ihre Mutter las, also lasen die Kinder auch. Donna studierte englische Literatur in New Jersey und lebt seit 1965 ständig im Ausland. Sie arbeitete als Reiseleiterin in Rom, als Werbetexterin in London, sie unterrichtete an amerikanischen Schulen in der Schweiz, im Iran, in China und Saudi-Arabien.

An die Monate in Saudi-Arabien denkt sie mit Schaudern zurück. Sie wurde wie ein Mensch zweiter Klasse behandelt, »einfach, weil ich eine Frau bin«, sie mußte, vom »Hals bis zu den Fußspitzen« verhüllt, unterrichten. Als der Rektor sie aufforderte, auch noch ein Kopftuch zu tragen, geriet sie in Wut: Sie baute sich vor dem Rektor auf und zitierte den amerikanischen Dichter E. E. Cummings: »Es gibt eine gewisse Scheiße, die ich nicht essen werde.«

Leon lebt diszipliniert, sie steht morgens früh um sechs Uhr auf und geht abends um halb elf ins Bett. Für einen Krimi braucht sie drei Monate, »wenn ich Ruhe habe und es gut läuft«. Meistens dauert es doch ein wenig länger, weil sie die Oper besucht oder mit italienischen Freunden essen geht. Das diene, ebenso wie das Zeitunglesen, der Recherche, »und außerdem esse ich einfach gern«.

Europäer könnten das verstehen. Aber ihre Landsleute, sagt die Amerikanerin in Venedig mißbilligend, interessierten sich kaum für andere Länder, für deren Kultur und kulinarische Freuden: »Die Amerikaner sorgen sich um ihr Aussehen, treiben Sport, zählen Kalorien und beobachten sorgenvoll ihre Cholesterinwerte.« Für Leon eine etwas mühselige Art, durchs Leben zu gehen.

Die Italiener hingegen, diese anarchischen Lebenskünstler, wollten vor allem eins: Genuß ohne Reue. Leon zeigt auf eine Gruppe junger Italiener am Nebentisch. »Sie rauchen, sie trinken, sie essen fette Süßspeisen und liegen stundenlang in der Sonne. Und sie amüsieren sich offenbar prächtig.«

Vor allem schätzt sie die Unbekümmertheit der italienischen Männer: »Sie belästigen dich nicht mit ihren Problemen. Denn italienische Männer haben keine Probleme, sie haben la Mamma.«

Leons Begeisterung für Italien ist grenzenlos, obwohl sie die Probleme des Landes in ihren Büchern nicht leugnet. Aber vordergründige Sozialkritik ist ihr ebenso ein Greuel wie feministische Standpauken. »Der Leser will nicht mit Grundsatzerklärungen behelligt werden«, sagt sie.

Und Brunetti, diese Lichtgestalt, taugt weiß Gott auch nicht zum Prediger. Dafür hat er - wie seine Schöpferin - zuviel Humor. Welchen Schauspieler wünscht sie sich für den Commissario? Leon hinterlistig: »Sie könnten Vanessa Redgrave fragen oder Meryl Streep. Meinetwegen können sie aber auch eine schwarze Lesbe aus Chicago nehmen.«

* Donna Leon: »Venezianische Scharade. Commissario Brunettisdritter Fall«. Aus dem Amerikanischen von Monika Elvenspoek.Diogenes Verlag, Zürich; 384 Seiten; 39 Mark.

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