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Müllwerker der Bühne

Von Joachim Kronsbein
aus DER SPIEGEL 42/1992

Am Morgen danach ist der Dichter mild enttäuscht: Das neue Stück, in der Heimatstadt Graz uraufgeführt, war ein glatter Publikumserfolg. Nur ein einziger Zuschauer hatte beim Auftritt des Autors den freundlichen Premierenbeifall mit wütenden Zwischenrufen aufgewertet: »Wichser, Wichser!«

Am Morgen nach der friedvollen Aufführung von »Mesalliance. Aber wir ficken uns prächtig« kann der hünenhafte Werner Schwab mit der punkigen Kurzhaartolle nur noch die Hotelbedienung verstören: Er verlangt zum Frühstück Kaffee, Tee und Rotwein. Gleichzeitig.

Die Grazer, so diagnostiziert Schwab, 34, beim Tripel-Trinken mit leichter Verwunderung, sind »strategiefähiger« geworden, »sie lassen sich nicht mehr so einfach in einen Skandal hineintreiben«. Nicht einmal durch »Mesalliance«-Obszönitäten wie diese: »Na und, manchmal hat es halt einen Juckreiz bei den Ausscheidungsorganen. Aber das letzte Mal, wie ich meinen Juckreiz habe an Ihren Mann anverschleimen wollen, da bin ich zu spät gekommen, da hat die Frau Torti schon gequietscht wie eine schlecht gestochene Sau unter ihrem liebhaberischen Hobbyschlächter.«

Offenbar haben auch die Grazer begriffen, daß sich nur noch Spießer über einen Spießerschänder wie Schwab ereifern. Vor ein paar Jahren hätten die Steiermärker ihrem Landsmann sicher noch den gewünschten Eklat beschert. »Vor zehn Jahren«, malt sich Schwab das Irreale aus, »wäre ein Erfolg hier ein wirklicher Triumph gewesen«.

Damals trug Werner Schwab noch »Haare bis zum Gürtel« und hatte gerade sein Bildhauerei-Studium in Wien geschmissen, hatte die Nächte versoffen und einfach »fürchterlich exzessiv dahinexistiert«. In dieser Zeit begann er zu schreiben, Prosa, nur für sich, »aus Gründen der Autokommunikation und der Selbstorganisation«.

Inzwischen kommuniziert Schwab, der auf Theatertexte umgestiegen ist, »wie ein Musiker, der das Instrument wechselt«, mit der gesamten deutschsprachigen Theaterwelt und organisiert deren Spielplan. Er ist der Shootingstar der jungen Neunziger. Theater heute, das Bistumsblatt der Branche, hat ihn erst zum Nachwuchsautor 1991 und vor wenigen Wochen, neben George Tabori, zum Theaterautoren dieses Jahres ausgerufen.

Kein Theater kommt mehr an ihm vorbei. Dabei ist er gerade mal seit zwei Jahren bühnenreif: zwölf Stücke hat er in dieser Zeit »mit der Hand hingeballert«, fast alle sind aufgeführt, andere, darunter ein »Faust« für Bernhard Minetti, fest gebucht.

Ur- und Erstaufführungen werden fast wöchentlich auf die Rampe geschoben, der Dichter liefert »nur noch Auftragsarbeiten« ab. Wer zu spät kommt, muß zur Strafe auf den letzten Wagen der Schwabschen Eisenbahn springen und die Erfolge der Frühaufsteher nachspielen. Bis jetzt haben schon 15 Bühnen Schwabs derzeitigen Hit, »Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos«, auf den Spielplan gesetzt. Eine sichere Bank. Schwab zieht, weil er ein Provokateur mit stumpfen Zähnen ist. Ein ernster Rebell, der sein Publikum lachen läßt.

Denn zu bieten hat der Figurenbildhauer vor allem eine vital-verquere, quasend-dampfende Sprache, für die der Begriff leichter zu finden war als die Beschreibung: das Schwabische.

Dieser verdichtete Kunst-Dialekt ist ein rhetorisches Paradox: hochgestochen und niederträchtig. Schwab nimmt die Sprache in den Würgegriff und läßt sie sich in Fontänen schmerzvoll auskotzen.

Schwab prügelt hochgestelztes Bürokratendeutsch und zotiges Armeleute-Sprech in eine Zwangsehe, vermischt den brodelnden Sud mit falschen Präpositionen und unbestimmten Artikeln da, wo diese bestimmt nicht hingehören - und erzeugt Komik. Böser Boulevard für nimmersatte Bildungsbürger. Die erkennen, wie gerade in der Grazer »Mesalliance«, kichernd immer die Sprache der anderen und nie sich selbst.

Die Dialoge überdecken wie in jedem Schwab-Stück auch hier eine Spießer-Geschichte: Das Pädagogenpaar Pestalozzi will den Geburtstag seiner Zwilllingskinder Johanna und Johannes mit den Nachbarn feiern. Diese reizenden Menschen - mit anspielungsreichen Namen versehen, der schleimigste heißt Haider - nutzen die Fete alsbald zu einer bitteren Abrechnung.

Die Biedermänner haben es - bald denunziert jeder jeden - über Kreuz mit den jeweils fremdverheirateten Biederweibern getrieben. Und als die aufbegehrenden Teenager-Zwillinge die Feier vollends aufmischen und in ein variantenreiches Chaos treiben, ist auch diese Theater-Welt mal wieder mächtig, sprachmächtig aus den Fugen.

Für Schwab ist Sprache Schrott. Den kippt der meistbeschäftigte Müllwerker des Theaters auf die Bedeutungsdeponie. »Die Sprache ist der jeweilige Körper der agierenden Personen. Die Sprache zerrt die Personen hinter sich her: wie Blechbüchsen, die man an einem Hundeschwanz angebunden hat. Man kann eben nichts als die Sprache.«

Schwab kann sein Schwabisch virtuos und kunstdrechselt sich seine Sätze aus krummem Holz. In »Mesalliance«, der mit Heidegger- und Jaspers-Philosophemen vollgestellten Grazer Heimatkomödie, hat ein Briefträger zu vermelden, daß er keine Privatpost, sondern nur Werbematerial zu bieten hat. Ein schwabischer Postler macht das so: »Und ich habe keine postalische Überraschung zum Abtrösten bei mir, bloß eine hochglänzende Werbebekömmlichkeit.«

Und das Pädagogenpaar Pestalozzi darf sich noch ein wenig schriller schrauben. Die Gattin zum Gatten: »Als ich am heutigen Morgen die Sonnenblumenkerne und die Leinsamenkörner auf die Milch streute, die gerade von den Haferflocken aufgesogen wurde, und du dich krümmend vor mir fortverdrücktest auf den Abort, angeblich wegen des sondermüllfühligen Gurkensalates von gestern, wie du dich ausdrücktest, wie eine Senftube ausgedrückt wird, da erkannte ich aus der Streuung der Sonnenblumenkerne und der Leinsamenkörner die finsterblutige Fratze Martin Heideggers.« Der Dichter als Sprachklempner.

Die putzigen Pädagogen Pestalozzi und die armen Hunde, die sonst in seinen Dramen vorkommen, der Menschenmüll, der sich so gestochen artikulieren kann, daß es einen Sozialarbeiter freut - Schwab will sie vor plumpem Psychologisieren und billigem Sozialkitsch _(* Mit Norman Hacker, Albert Tisal, Ernst ) _(Prassel, Andreas Sindermann, Ute ) _(Radkohl. ) retten. »Psychologie hat einen unwissenschaftlichen Charakter. Sie ist wie Religion. Wer Gott sucht, findet immer einen metaphysischen Idioten«, sagt er. Und: »Theater ist für direkte Gesellschaftskritik nicht zuständig.«

Natürlich will er nur sich selbst schützen. Davor, mit der eigenen Biographie ausgezählt zu werden, einem Lebenslauf, der sich wie eine Blaupause auf die Figuren seiner Stücke legen ließe. Die Einzelheiten wirken wie zu gut erfunden für einen Grazer Rebellen aus der Gosse.

Die Mutter, eine tiefreligiöse Hausmeisterin, bringt den Sohn allein durch. Der Vater, ein schöner Mensch, hatte sich beim NS-Arierzuchtbetrieb Lebensborn als Samenspender verdingt und Geschmack an der Promiskuität gefunden. Eine trostlose Kindheit, die sich für den Hochbegabten nur auf Schwabisch abarbeiten läßt und die der Dichter wohl deshalb trotzig ignoriert wissen will: »Es ist egal, woher ich stamme.«

Wo immer das Kinderland auch gelegen hat, Schwab mußte gar nicht erst aus ihm vertrieben werden. Er war nie heimisch dort. Er flüchtete in die fremde Sprache der Literatur, las »mit einem Instinkt für das Wesentliche«. Die Bücher lieh er in der Bibliothek aus oder stahl sie: »Mein Rekord waren 16 Bücher auf einmal.« Er bricht aus in die Welt der Wörter, und niemand merkt es. »Um das zu begreifen, hätten die ja wissen müssen, was Literatur ist.«

Nur durch Aneignung und Verfremdung zugleich, so scheint es, kann er sein biographisches Dilemma bewältigen.

Die Wiener Jahre an der Akademie bringen keine Lösung, nur Versuche, Umwege, Fluchten. Für Geld hat Schwab im Kaffeehaus Schach gespielt und, natürlich, gewonnen. Einmal, so sagt er, sogar gegen einen französischen Großmeister.

Als er es dann sogar geschafft hatte, blind gegen einen anderen Überflieger zu bestehen, gleich ganz ohne Figuren und Brett, hat er seitdem »nie wieder Schach gespielt«. Denn die Erfahrung, etwas in Vollendung zu können, versetzt ihn stets in einen »seltsam traurigen Zustand«.

Überwinden wollte er dieses Gefühl in der Südoststeiermark, der rauhesten Gegend Österreichs. Dort, in einem einsamen Haus, probierte er aus, ob er allein sein kann mit seinem Schreiben. Im steirischen Wald, wo er sich »das Geld mit Akkordsachen geholt« hat, Baumfällen und Bauarbeiten, legte er sich auch sein Schwabisch zu, lernte, den Begriffen zu mißtrauen: »Ich gebe den Dingen einen Kuß und trete ihnen zugleich in den Arsch.« Der Sprachschöpfer nennt sein Verfahren »Selbsterschwernis den auszudrückenden Dingen gegenüber«.

Das erste Drama, »Die Präsidentinnen«, gerade in Frankfurt für Deutschland hoch virtuos erstaufgeführt, ist das dramatische Dokument einer solchen Selbsterschwernis, die schwabologisch verarbeitete Beschreibung seiner Erfahrungen im dumpfgeilen Kleinbürgermilieu. Und selbst Schwab, der Erklärungsverweigerer, gibt »biographische Einsprengsel« zu und läßt sich zu dem Bekenntnis herab, »aus einer Präsidentinnen-Familie« zu stammen.

Die drei abgearbeiteten Frauen im Stück, die Präsidentinnen eben, stemmen sich mit aufschäumender Dauersuada gegen die Sprachlosigkeit, so wie deren Schöpfer sich gegen den Sog dieses Milieus gestemmt hat. Das Stück handelt von Passionen, erlitten aber hat sie Schwab.

Nur dagegen, gefährlich in Mode zu sein, kann er sich nicht mehr wehren: »Das Beste ist, man nimmt es an.« Immer auf der Suche nach dem, was er noch nicht kann, will er sich jetzt auch als Regisseur seiner eigenen Werke betätigen. Am 8. Dezember soll in Linz die Premiere seiner Inszenierung der »Volksvernichtung« sein. Denn »Regisseur, das ist ein ziemlicher Trottel-Beruf«, ein Job, für den man »nur Intuition« braucht. Sein Schreiben aber, »das hat etwas mit Vernunft zu tun«.

Sollte der Schwab-Boom eines fernen Theatertages doch einmal enden, hofft der selbsternannte Monomane, der sich seines Ruhmes sicher ist, darauf, »daß ich mich wenigstens finanziell saniert habe«. Auch eine Sache der Vernunft.

* Mit Norman Hacker, Albert Tisal, Ernst Prassel, AndreasSindermann, Ute Radkohl.

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