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LITERATUR München durchleuchtet

aus DER SPIEGEL 8/1997

Jede Gesellschaft hat die Jugend, die sie verdient. Verdient sie viel, die Gesellschaft, kriegt sie einen wie Carl Lichtenberg, Jurist von Beruf und Neigung.

Der junge Mann, weder verwandt noch verschwägert mit dem alten Aphoristiker Lichtenberg, sitzt zu München in Untersuchungshaft. Er soll seine Schwiegermutter ermordet haben, die reichste Witwe Bayerns, eine gewisse Orlow.

Obwohl diesem pompösen Monster längst irgendeine irdische Gerechtigkeit zustand, will Lichtenberg es nicht gewesen sein. Leider ruht ein Schatten auf dem Yuppie-Bubi; er hat sich bankrott spekuliert.

Das Protokoll seiner Vernehmung, der Roman »Lichtenbergs Fall«, ist hingegen ein klarer Fall und im literarischen Strafraum der Deutschen eine Rarität; nämlich ein intelligentes, sarkastisches Vergnügen.

Fernab ego-quakender Schwabbelschreibe zieht der Autor eine scharfe Linie durch die Welt, in der er und von der er lebt; er ist Münchner, Jurist von Beruf und Neigung, und seinen Namen wird man sich merken: Georg M. Oswald, 33.

Er ätzt ein Gruppenbild mit Dämlichen, die sich für die Dollsten halten, mit Karriere-Tigern, die nach Hyänen riechen. Oswald, als Romancier ein Debütant, hat das Society-Tableau im Profi-Griff, und die Satire rodelt über Abgründe.

Den gewissen Kniff liefert ihm sein Metier: Im Protokoll einer Vernehmung läßt der Verdächtige die Hosen runter, baut potemkinsche Wolkenkratzer und gibt sich, wider Willen, preis. So geriert sich Lichtenberg, in fortlaufend indirekter Rede, als »gefährlicher Leistungsfanatiker«. Er frage nicht nach dem »Warum« des Rechts, nur nach dem »Wie«; »nur Geld allein mache glücklich«, und am allermeisten interessiere er sich »für sich selbst ganz allein«.

Sein »Glück« sei, zu jenen zu gehören, »die für Schicksalsschläge sorgten, ohne selbst welche zu erleiden«; im Uni- wie im Kanzlei-Milieu der bayerischen Juristen-Branche sieht er die »furchtbarsten Menschenverächter«; am Ende ist das kapitale Schwein ein kleines Würstchen.

Ein Berufszweig wird entblättert, München durchleuchtet; das hat man gern. Der alte Lichtenberg, der Aphoristiker, hat sich über die Branche auch seine Gedanken gemacht. »Wenn die Menschen plötzlich tugendhaft würden«, schrieb er, »so müßten viele Tausende verhungern.«

Georg M. Oswald: »Lichtenbergs Fall«. Albrecht Knaus Verlag,München; 208 Seiten; 36,80 Mark.

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