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CHANSONS Muff verboten

aus DER SPIEGEL 3/1965

Die »Frechen Chansons aus dem alten Frankreich« dürfen deutsche Schallplatten-Spieler hören, die »Noch frecheren Chansons« hingegen verbot ihnen das Frankfurter Amtsgericht. Denn diese Platte, mit der die Firma »Deutsche Vogue« sich steigern wollte, enthält nach Meinung des Amtsgerichtsrats Peter Keil »überwiegend unzüchtige Darstellungen«.

Keil ließ deshalb kürzlich die 396 im Frankfurter »Vogue«-Büro noch vorrätigen Chanson-Platten mit der Bestellnummer LDK 18002 konfiszieren; bis zu einer endgültigen Gerichtsentscheidung bleibt der Handel mit den Frechheiten aus durchaus respektablen Quellen der französischen Literatur für das ganze Bundesgebiet untersagt.

Den Verkauf von annähernd 30 000 »Noch frecheren«-Platten konnte Richter Keil jedoch nicht mehr verhindern. Lange bevor die Langspielplatte mit den ins Deutsche übersetzten und von der Schweizer Kabarettistin Helen Vita gesungenen klassischen Zweideutigkeiten Mitte November 1964 ausgeliefert wurde, hatten bereits 15 000 Interessenten Vorbestellungen buchen lassen. Und bis die Justiz den Lotter-Liedern aus Frankreich Gehör schenkte, konnte die »Deutsche Vogue« ohne jede Werbeanstrengung weitere 15 000 Exemplare losschlagen. »Vogue« - Verkaufsleiter Hans-Richard Danner: »Das lief nur so.«

Der Lauf wurde gestoppt, nachdem die Stuttgarter »Zeitung« über die musikalische Galanterieware berichtet und

- mit ironisch geheuchelter Entrüstung

- das Eingreifen des Staatsanwalts gefordert hatte, »der sonst die Finger in jeder Schweinerei drin hat«.

Die Staatsanwaltschaft kam der Aufforderung unverzüglich nach. Lieder wie »Ach, Mama, Ihr ahnt es nicht« oder »Ich stand an der Fontäne« oder »Der Muff« dürfen vorerst nicht mehr erklingen - freilich nur auf deutsch nicht: Unbeanstandet vertreibt die »Deutsche Vogue«, wie schon seit mehreren Jahren, auch weiterhin die französischen Originalplatten der frivolen Chansons.

»In Frankreich«, sagt »Vogue«-Mann Danner, würde im übrigen nie jemand daran denken, eine derartige Platte zu verbieten.« Und daran sollte man sich nach »Vogue«-Meinung in Deutschland ein Beispiel nehmen: »Denn wenn die EWG ernst gemeint ist, muß das auch für die Unzucht gelten.«

Kabarettistin Helen Vita

Was Mama ahnt

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