China-Spektakel "Mulan" Disneys staatstragende Rebellin

Die Erwartungen an "Mulan" waren hoch, statt im Kino läuft die Realfilm-Version des Zeichentrick-Klassikers nun beim hauseigenen Streamingdienst - vielleicht auch, weil sie eher enttäuscht.
"Mulan"-Hauptdarstellerin Yifei: Heldenhafter Kampf um die Ehre ihrer Familie und die Zukunft ihres Landes

"Mulan"-Hauptdarstellerin Yifei: Heldenhafter Kampf um die Ehre ihrer Familie und die Zukunft ihres Landes

Foto: Disney

Als die von der Corona-Pandemie schwer gebeutelte Filmbranche vor rund einem Monat erfuhr, dass Disney den Kinostart seines 200 Millionen teuren Epos "Mulan" in den USA und Europa abgesagt hatte, galt dies als Hiobsbotschaft. Die Realfilm-Version des Zeichentrick-Klassikers sollte einer der großen Hits des Jahres werden und den enormen Erfolg der Remakes vom "Dschungelbuch" und "König der Löwen" fortsetzen. Doch diese Erwartungen hätte der Film vermutlich gar nicht erfüllen können. Denn der neue "Mulan" ist ziemlich enttäuschend geraten.

Mit viel Pathos erzählt die neuseeländische Regisseurin Niki Caro die Geschichte der jungen Titelheldin (gespielt von Liu Yifei), die im China des Mittelalters bei ihrer Familie lebt und kurz davor steht, verheiratet zu werden.

Mulan war keine Prinzessin, die davon träumte, erlöst zu werden. Sie rettete den Männern den Arsch.

Als dem Land eine Invasion droht, ordnet der Kaiser die Generalmobilmachung an. Weil Mulans Vater schon sehr gebrechlich ist und zittert, wenn er ein Schwert hält, zieht sie heimlich für ihn in den Krieg. Da es Frauen streng verboten ist, mit der Waffe in der Hand zu kämpfen, gibt sie sich als Junge aus. Unter falschem Namen kämpft sie tapfer und mutig.

Allein unter Männern: Mulan (Yifei) wird vom braven Mädchen zur tapferen Anführerin

Allein unter Männern: Mulan (Yifei) wird vom braven Mädchen zur tapferen Anführerin

Foto: Disney

"Mulan" ist also die Geschichte einer Emanzipation. Als Disney das Original 1998 herausbrachte, setzte sich das Studio damit auch von den klassischen Rollenbildern ab, die es früher gerne selbst verbreitet hatte. Mulan war keine Prinzessin, die davon träumte, erlöst zu werden. Sie rettete den Männern den Arsch.

Im Remake hält ein Offizier eine markige Rede und kündigt den jungen Rekruten an, aus ihnen Männer zu machen. In dem Moment zeigt uns der Film die Titelheldin, die bei diesen Worten eigentlich grinsen müsste – und wir mit ihr. Doch die Szene wirkt bierernst. Kaum etwas ist diesem Film so fremd wie Ironie.

Wenn aus einem Animations- ein Realfilm wirkt, nennt Hollywood das "live action". Alles, so das Versprechen, soll total echt wirken, selbst dann, wenn die Figuren komplett am Computer entstanden sind wie beim "König der Löwen".

Bei "Mulan" sind fast alle Darsteller aus Fleisch und Blut, doch kurioserweise wirken sie meist lebloser als die gezeichneten Figuren des Originals. Helden im Holzschnitt, die immer wieder gestanzte Sätze von sich geben. Zwei der schillerndsten und amüsantesten Figuren, der Drache Mushu und die Grille Cri-Kee, wurden gleich wegrationalisiert.

Caro wechselt zwischen Wohlfühl- und Kampfszenen hin und her und streut gelegentlich eine komödiantische Einlage ein. Doch gerade die Momente, die dem Original genauer nachempfunden wurden, wirken bisweilen wie schlecht zitiert. Wenn Mulan ein Tee-Service, das in die Höhe geschleudert wurde, kunstvoll auffängt, offenbart die aus vielen kurzen Einstellungen zusammengehauene Sequenz weniger die Eleganz der Heldin als das Unvermögen der Regie, komplexe physische Aktionen im Raum zu inszenieren. Das gilt für fast alle Action-Szenen.

Die Last der Ernsthaftigkeit

Obwohl die Figuren die Wände hochlaufen und von Dach zu Dach springen, kommt dieser Film nie vom Boden hoch. Er trägt schwer unter der Last seiner Ernsthaftigkeit. Ständig ist von der Bedeutung der Familie und von den Pflichten gegenüber dem eigenen Land die Rede. Irgendwann fühlt man sich, als werde man einer Gehirnwäsche unterzogen, die uns in das verwandeln soll, was sich Disney unter einem guten Chinesen vorstellt. Diese Version von "Mulan", so wird mit der Zeit immer klarer, ist gar nicht in erster Linie für Amerikaner oder Europäer gemacht.

Auch die Massen-Choregraphien könnten die Machthaber in Peking erfreuen

Auch die Massen-Choregraphien könnten die Machthaber in Peking erfreuen

Foto: Disney

Vielmehr ist es ein Imagefilm, mit dem Disney auf dem chinesischen Markt für sich werben will. "Seht her!", scheint er mit jeder zweiten Szene zu sagen. "Wir haben die gleichen Werte wie ihr!" Die Offiziellen in Peking werden erfreut zur Kenntnis nehmen, dass auch für Disney-Helden Familie und Nation über allem stehen. Wohl auch deswegen hat der Film so wenig Ironie: Er soll unter gar keinen Umständen missverstanden werden können. Selbstverwirklichung? Na, klar, aber bitte nur im Dienste der Gesellschaft. Die Titelheldin ist eine staatstragende Rebellin.

So entschloss sich Disney, "Mulan" in China doch ins Kino zu bringen. Dort strömen die Zuschauer nach der Wiedereröffnung der Filmtheater wieder in Massen. Das Kriegsepos "The Eight Hundred" spielte in rund zwei Wochen bereits über 300 Millionen Dollar ein. "Mulan" startet in China am 11. September.

Dann wird sich zeigen, ob die brave Tochter und patriotische Kämpferin das ist, worauf die chinesischen Zuschauer gewartet haben. In Deutschland ist "Mulan" nun auf Disney+ sehen, bis auf weiteres für rund 22 Euro, ab Anfang Dezember dann ohne Zusatzkosten als Teil des Abos.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.