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Pop Mund auf, Schwarzer!

Plötzlich sind die »Olodum«-Trommler aus Brasilien weltberühmt - dank der eigennützigen Unterstützung durch Popstar Michael Jackson.
aus DER SPIEGEL 21/1996

Der Mittelsmann hieß Spike Lee. Der US-Filmregisseur und Kämpfer für die Sache der Schwarzen brachte zusammen, was nicht zusammengehört: den entbräunten Popstar Michael Jackson und die afrobrasilianische Kultband Olodum.

Es war der Beginn einer kurzen Freundschaft: Jackson mochte Lee, Lee mochte Olodum, und schon bald mochten sich alle gegenseitig und produzierten in Rio de Janeiro und Salvador da Bahia den protestschweren Videoclip »They Don't Care About Us« - inzwischen die Nummer eins der deutschen Hitparade.

Im Video tanzt Jackson unter sengender Sonne hut- und furchtlos durch brasilianische Armenviertel, begleitet von einem Trommelgewitter junger Percussionisten. 400 Arme schwingen synchron durch die Luft und prasseln nieder auf faßdicke Surdo-Baßtrommeln und knatternde Timbaladas. Soviel imposante Wucht als Anklage gegen soziales Unrecht, vom Musikkanal MTV in alle Welt versendet, machte Olodum ("Gott der Götter") zu einem der begehrtesten Live-Acts des Tournee-Jahres - derzeit sind die Jungs in Deutschland unterwegs.

Viele der jungen Trommler stammen aus den Armenvierteln Salvadors, dem musikalischen Kreativ-Zentrum Brasiliens. Außer Jackson in Militärbegleitung traut sich kaum eine Weißhaut dorthin; gleich nebenan machen pädophile Touristen aus der Ersten Welt gern und billig Urlaub. »Wir sind militante Schwarze«, sagt Jo o Jorge, Kulturdirektor bei Olodum, »wir machen eine Musik des schwarzen Widerstands.«

Die Olodum-Mitstreiter haben sich den Kampf gegen Rassismus und Armut zur Lebensaufgabe gemacht: Streetworker sammeln Kinder von der Straße auf, schicken sie in die eigens gegründete »Kreativschule«, wo sie die afrikanischen Sprachen ihrer Vorfahren und das Einmaldreiviertel des Trommelns lernen, und vermitteln Jobs. Aus dem ehemaligen Karnevalsverein Olodum ist eine Bürgerbewegung geworden - mit mehr als 4000 Mitgliedern und staunenswertem politischem Einfluß.

Zu Hause in Salvador spielen die Percussionisten jeden Sonntag und Dienstag für Hunderte Menschen auf dem berühmten Platz Pelourinho, wo ihre Urgroßväter noch als Sklaven öffentlich ausgepeitscht wurden. Bei 35 Grad rollen Phonattacken über das grobe Kopfsteinpflaster, prallen gegen die bunten Hauswände der historischen Altstadt und peitschen Willige in Trance.

Ein Vorsänger klagt die Rassisten des Landes an, und die Zuschauer antworten mit geballten Fäusten: »Abre a boca, neg o« - mach den Mund auf, Schwarzer! Kein Jacksonscher Mundschutz filtert die dieselschwere Luft, keine Militärpolizei schützt gegen ekstatische Fans. Olodum ist eine Massenbewegung - und hat den Menschen im vernachlässigten Nordosten Brasiliens neben neuer Musik vor allem eines geschenkt: Stolz auf Hautfarbe und Herkunft.

Mit Gründung des Karnevalvereins Olodum begann 1979 eine schwarze Kulturrevolution, die bis heute währt. Immer mehr Künstler vereinigten sich in der Música Popular Brasileira, kreierten Axé-Musik, eine Mischung aus karibischem Reggae und bahianischem Samba, und verdrängten die US-Größen. Inzwischen registriert der brasilianische Musikmarkt die höchsten Wachstumsraten der Welt, in kaum einem Land ist der Anteil nationaler Musik am CD-Verkauf so hoch (63 Prozent) wie in Brasilien.

Als erster bediente sich Paul Simon schon 1990 der magischen neuen Rhythmen, was dem polyglotten Sänger den Vorwurf einbrachte, Olodums originäre Musik auszubeuten. Auch Herbie Hancock und David Byrne bezogen in Brasilien kostenlose Inspirationshilfe aus der Dritten Welt.

Jackson aber durfte mehr als nur Rhythmen exportieren: Der »transrassische Gnom« (so der brasilianische Kulturkritiker Ricardo Cravo Albin) gab Brasilien der Lächerlichkeit preis: Die für ihn abgeordneten Militärpolizisten stellte er gestenreich als Mörder hin, Provinzfürsten in Rio verärgerte er, indem er mit Hand im Schritt durch das berüchtigte Elendsviertel Dona Marta hüpfte, und den Drogenbossen zahlte er für die Drehrechte im Elend Schutzgelder. Spike Lee schließlich nannte Brasilien auf seinem Kurztrip eine »Bananenrepublik«.

Für Olodum immerhin hat sich der Deal mit den ungleichen Brüdern aus dem Norden gelohnt. Erhielten sie einst von Paul Simon nicht einen Cruzeiro, gab es von Jacko 40 000 Dollar und Gratis-Werbung in aller Welt. Daß er sich ihres Stils bedient, akzeptiert die Band als Teil des Kulturaustausches. »Dafür«, behauptet Olodum-Sprecher Billy Arquimino, »haben wir ihm sein schwarzes Bewußtsein zurückgegeben.«

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