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Murmeln der Seele

Nahaufnahme: Wie der James-Joyce-Übersetzer Dieter Stündel 125 Jahre nach der Geburt des Meisters auf sein Monstrum »Finnegans Wake« zurückblickt
aus DER SPIEGEL 6/2007

Dieter Stündels ambulanter Schreibtisch ist klein wie eine Handfläche. Er klappt ihn aus, wenn er am Cafétisch sitzt, steckt den notizheftgroßen Bildschirm auf das Manual und tippt los. Eine, eineinhalb Stunden für den Abschnitt aus Lewis Carrolls Briefen, an denen er gerade arbeitet. Einen Cappuccino dazu.

Stündel ist Übersetzer, Spezialist für schwierigste Texte, zum Beispiel von James Joyce. »Als ,Finnegans Wake' erschienen war, haute mich mal einer an, ich hätte ja nun wohl mein Häuschen zusammen. Vorstellungen haben die Leute! Ein Vogelhäuschen hab ich meiner Freundin gekauft.« Aber das macht ja nichts. Man darf sich Dieter Stündel als glücklichen Menschen vorstellen.

Das überrascht erst mal. Die Arbeit seines Lebens liegt heute im frischen Programm des Verlags Zweitausendeins, Trendsetter für den coolen Intellekt, gewissermaßen im Ramsch: 7,99 Euro für 1256 Seiten. »Finnegans Wake« ungekürzt kostete früher in Leinen 429,49 Euro. Ein Superlativ der Bücher: 50 000 Wortschöpfungen hat Stündel seiner Schätzung nach für diesen Rekord hervorgebracht.

Den Joyceanern liegt die deutsche Erstausgabe von 1993 heute noch quer im Regal, sperrig, klotzig, großartig, ein Kult- und Angeberobjekt. Andererseits ist eine Billigposition bei Zweitausendeins, zwischen Kafka, Tucholsky und Robert Crumb, weder für Joyce, genau 125 Jahre nach der Geburt, noch für seinen Übersetzer ein Unglück: »So bleibt die Sache im Umlauf«, sagt Stündel. »Das ist doch gut.«

Damals, bei Erscheinen des großen, grauen, 20 Pfund schweren Dings, sah es schnell nach Beerdigung aus. Stündel wurde gescholten, gebeutelt, gezauselt und mit Gift bespritzt, von all den Herren Kollegen und Feuilletonisten, die es allesamt besser wussten: Hier fehlte ein Komma, dort ein Adjektiv, und schließlich, ganz schrecklich, hatte der Übersetzer die heiligste seiner Pflichten, die Demut, verletzt und Textstellen eigenmächtig verändert. Ein »Monstrum«, »einer der dümmsten Schildbürgerstreiche der Übersetzungsgeschichte«, »ein Schloss aus Streichhölzern« sei das Ergebnis.

Ein Monstrum ist die Vorlage schon. »Finnegans Wake« des Iren James Joyce erzählt von beinahe allem, aber nichts ordentlich von Anfang bis Ende, und vor allem fast nichts auf Englisch, wie es im Wörterbuch steht.

Die Totenwache eines Mannes namens Finnegan gibt so etwas wie den Rahmen, eher vielleicht das Netz für ein Sammelsurium von Anekdoten, Gedanken, Wortschöpfungen - das Medium all dessen ist die Nacht, die Nacht des Geistes, Träumerei und Schlaf.

Dieses »Ungeheuer« (Joyce) von einem Buch führt die Literatur auf einen Grund zurück, der nicht rational ist, sondern ein Murmeln der Seele, ein Stimmen- und Sprachengewirr, zum Beispiel aus mindestens Englisch, Hoch- und Schweizerdeutsch in einem Satz wie: »Fee gat has Heenan hoity, mind uncle Hare?«

So ist es Wahn und hat Methode, was Joyce seinen Lesern zumutet, ein Flusslauf von Sätzen, mäandernd und trunken, Wrackteile vieler Dialekte mit sich führend, um keine Pointe verlegen und um keine Peinlichkeit je bekümmert, neben allem gelehrtem Strandgut auch »ein einziger großer Unterleibswitz«, so der Bewunderer Arno Schmidt.

Also war es kein Wunder, dass die deutsche Gemeinde der Joyceaner wie ein Hornissenschwarm sich auf den einen stürzte, der sich einfach so ans Unmögliche machte und es zu Ende brachte: eine Komplett-Übersetzung von »Finnegans Wake«. So offensiv kalauerhaft, als wäre Stündel bei der Szene dabei gewesen, die Richard Ellmann in seiner Joyce-Biografie erzählt: Ein Besucher fragte ihn, ob das Buch eine Mischung von Literatur und Musik sei, und Joyce antwortete rundweg: »Nein, es ist reine Musik.« »Aber sind darin nicht Bedeutungsebenen, die man untersuchen müsste?« »Nein, nein«, sagte Joyce, »es soll Sie zum Lachen bringen!«

Aber die Experten ärgerten sich. Es ging ums Prestige und natürlich ums Geld: Nur 50 Jahre nach dem Tod des Urhebers war das britische Werk »geschützt«, brachte den Erben Tantiemen, durfte nicht ohne Genehmigung übersetzt oder auf die Bühne gebracht werden. Inzwischen, seit 1996, fällt »Finnegans Wake« zwar unter das europäische Urheberrecht (das 70 Jahre lang währt), aber damals, vor 16 Jahren, stand jedermann frei, was Stündel tat, zum Verdruss schließlich auch des Enkels von James namens Stephen. Der ließ zu einer der ersten Lesungen Stündels aus dem Buch ein Band abspielen, auf dem er in phonetisch einwandfreiem Deutsch, die Stimme schmal vor Erbitterung, das Unternehmen »eine Schande« nannte, »eine Beleidigung, eine unglaubliche Schweinerei nicht nur gegenüber James Joyce, sondern gegenüber allen Autoren und ihren Verlegern!« Als wäre es ein Vogelhaus aus Gold gewesen.

Nein, die Lust am Geld ist es nicht, was Stündel treibt, und auch nicht die, im Mittelpunkt zu stehen. Eher ist es der Langstreckenlauf:

»Als mir klar wurde«, sagt er zu Hause in Siegen, »dass, wenn ich ,Finnegans Wake' auf Deutsch lesen will, ich es selbst übersetzen muss, da konnte ich mir ausrechnen, dass mir 17 Jahre für dieses Vorhaben blieben - genauso lange, zufällig, wie Joyce daran gearbeitet hat.« Das schien ihm eine gute Zeit. ELKE SCHMITTER

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