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SPIEGEL-GESPRÄCH »Musik ist meine Luftblase«

Der Pianist Menahem Pressler über seine 53 Jahre im Beaux Arts Trio, die Flucht seiner Familie aus dem nationalsozialistischen Deutschland, ein verspätetes Abiturzeugnis und seine Alterskarriere als Solist
Von Joachim Kronsbein und Martin Doerry
aus DER SPIEGEL 1/2009

SPIEGEL: Herr Pressler, 53 Jahre lang haben Sie im bedeutendsten Klaviertrio der Welt am Piano gesessen, jetzt hat sich Ihr Ensemble aufgelöst, Sie machen nun allein weiter, warum?

Pressler: Weil ein Leben ohne Musik für mich kein Leben ist. Das Trio hat sich ja aufgelöst, weil Daniel Hope, unser letzter Geiger, eine Solokarriere anstrebte und ich keinen weiteren mehr erziehen wollte. Schließlich hatte ich fünf verschiedene Violinisten im Laufe der Jahrzehnte. Und so spiele ich eben mit anderen Ensembles oder als Solist. Das ist auch herrlich.

SPIEGEL: Wenn Sie sich kein Leben ohne Musik vorstellen können - was bedeutet dann die Musik für Sie?

Pressler: Musik hat mich gerettet. Als ich mit meinen Eltern und meinem Bruder 1939 in letzter Minute über Triest nach Palästina auswandern konnte, habe ich in der neuen Heimat nicht mehr gegessen, und ich wurde immer dünner. Die Ärzte konnten nichts finden. Was mich am Ende geheilt hat, war die Musik, das Spielen, das Lernen und am meisten das Empfinden. Ich erinnere mich noch, wie ich einmal bei einer Beethoven-Sonate ohnmächtig geworden bin. Wegen der Gefühle, auch wegen der Entkräftung. Wenn ich mich zur Ruhe setzen würde, verlöre ich den Zweck meines Lebens.

SPIEGEL: Ist die Solokarriere auch die Verwirklichung eines Traums nach all den Jahren im Trio?

Pressler: Ja, ein bisschen bin ich ja zwischendurch auch schon immer mal ausgebrochen, aber in unseren besten Jahren haben wir als Trio bis zu 130 Konzerte im Jahr gegeben. Außerdem lehre ich schon lange als Professor in den USA.

SPIEGEL: Musste das denn auch noch sein?

Pressler: O ja, unbedingt. Als Lehrer lernt man so viel von den Schülern. Und als Professor möchte ich den jungen Leuten beibringen, dass jedes Werk eine eigene Botschaft hat.

SPIEGEL: Welche Botschaft hat denn zum Beispiel ein Haydn-Trio?

Pressler: Die Freude am Spiel an sich, der Witz, die wunderbare Art, in der die Melodien geführt werden. Wissen Sie, immer wenn ich spiele, ob beim Üben oder im Konzert, suche ich die Botschaft. Das merkt auch das Publikum. Eine Geschichte dazu: Wir haben mal einen Beethoven-Zyklus in der Schweiz gespielt. Da saß immer der Maler Oskar Kokoschka im Publikum. Eines Tages fehlte er. Ich erkundigte mich bei seiner Frau nach ihm. Sie sagte, er sei sehr krank. Ich antwortete, wie schade das sei und wie sehr er sicher die Beethoven-Stücke genossen hätte. Aber nein, sagte sie, jetzt, da er bettlägerig ist, hört er nur noch Schubert. Ich konnte das gut verstehen.

SPIEGEL: Warum?

Pressler: Schuberts Musik ist himmlisch schön, optimistisch sogar. Sie klagt manchmal, aber sie weint nicht. Nehmen Sie den langsamen Satz aus dem zweiten Trio. Das ist ein Trauermarsch, aber am Ende ist da Jubel. Das ist ein Stück Musik, das einen immer glücklich machen kann.

SPIEGEL: Als Sie 1955 mit dem Beaux Arts Trio anfingen, war Ihre Besetzung im Konzertsaal sehr ungewöhnlich ...

Pressler: ... die Leute nannten uns am Anfang immer »das Orchester des kleinen Mannes«. Die dachten, da kommt ein armer Pianist, der sich nur einen Geiger und einen Cellisten leisten kann. Aber wir tingelten tapfer durch die amerikanischen Kleinstädte.

SPIEGEL: Ein hartes Brot.

Pressler: Ja, die Leute hatten keine Lust auf Kammermusik. Die dachten sich höchstens: Das ist wie Medizin, es ist vielleicht gut für mich, aber sie schmeckt nicht. Ich erzähle Ihnen eine wahre Geschichte.

SPIEGEL: Unbedingt.

Pressler: Wir spielten in einer Universitätsstadt, und die Frau des Dekans wollte nett zu mir sein und sagte: Herr Pressler, Sie waren großartig. Ich weiß, wie schwer es ist, einen zu begleiten, aber gleich zwei? So wenig wussten selbst die gebildeten Menschen über ein Klaviertrio. Aber als die Leute begannen, uns für das nächste Jahr wieder zu verpflichten, hatten wir es allmählich geschafft.

SPIEGEL: Ein Trio sollte aus drei Solisten bestehen ...

Pressler: ... die sich auf keinen Fall als solche aufführen dürfen. Die müssen ihr Ego zurückstellen. Schauen Sie, als ich anfing, gab es das berühmte Trio mit Alfred Cortot, Jacques Thibaud und Pablo Casals, das sich gelegentlich zusammenfand. Die drei spielten jeder für sich himmlisch. Aber letztlich waren sie drei Diven, von denen jede sehnsüchtig darauf wartete, dass endlich eine schöne Melodie für das eigene Instrument kam. Jeder muss aber dem anderen Raum lassen. Keiner darf dominieren. Das ist schwer.

SPIEGEL: Im Idealfall entsteht was?

Pressler: Ein Gespräch zwischen drei Menschen an drei Instrumenten. Schön ist es, wenn einer dem anderen eine Phrase zuwirft und der andere sie richtiggehend beantwortet, statt nur seine Noten zu spielen. Das sind die großen Momente.

SPIEGEL: Und menschlich?

Pressler: Ist es vielleicht noch schwerer. Denn man lebt auf Tourneen quasi zusammen. Und bei den Proben fallen oft harte Worte. Da muss man sich als Pianist Sätze anhören wie: »Was du da spielst, sind keine sanften Regentropfen, bei dir purzeln Wackersteine.« Das muss man verkraften.

SPIEGEL: Ihr Repertoire konzentriert sich im Wesentlichen auf die großen Stücke aus Klassik und Romantik. Warum?

Pressler: Ich habe gerade ein Stück von meinem Freund György Kurtág einstudiert, in 14 Tagen. Das war, als müsste man in zwei Wochen Chinesisch lernen. Aber es hat sich gelohnt. Ich habe aber, da haben Sie recht, nicht viel Modernes gespielt. Wenn, dann eigentlich nur, um die alte Musik besser zu verstehen.

SPIEGEL: Den Zuhörern geht es vermutlich nicht anders.

Pressler: Ja, sicher. Aber ich bin überzeugt, dass sich die Meister der Moderne auf Dauer durchsetzen werden. Béla Bartók, Igor Strawinsky, das sind doch heute Klassiker. Bei der Uraufführung des »Sacre du printemps« 1913 in Paris gab es noch heftige Saalschlachten. Beethoven, Mozart oder Schubert waren doch auch nicht gleich populär. Zu Lebzeiten Beethovens war sein beliebtestes Stück das musikalische Schlachtengemälde »Wellingtons Sieg« von 1813, ein schreckliches Werk. Beethoven wusste das natürlich auch.

SPIEGEL: Sie scheinen eine überaus positive Lebenseinstellung zu haben.

Pressler: Ja, ich bin ein Optimist. Meine Frau nennt mich sogar einen Glückspilz. Und dafür gibt es unzählige Gründe. Ich habe gute Gene, bin 85 und kann noch konzertieren. Ich brauche auch keine Brille. Und dann sind wir als Juden noch 1938 aus Deutschland rausgekommen. Mit Glück.

SPIEGEL: In letzter Minute.

Pressler: Das Schiff, das uns schließlich von Triest nach Palästina brachte, durfte nicht mehr zurückkehren, weil Italien in den Krieg eingetreten war. In Palästina traf ich einen wunderbaren Klavierlehrer. Schon wieder ein Glücksfall. Und dann sah ich in einer Zeitung eine Annonce für einen Debussy-Klavierwettbewerb in San Francisco. Von Debussy kannte ich gerade mal zwei Stücke. Ich übte noch ein paar andere, fuhr in die USA und gewann den Wettbewerb. Und auf der Zwischenstation in New York ...

SPIEGEL: ... stieß Ihnen natürlich wieder etwas Glückhaftes zu.

Pressler: Woher wissen Sie das? Ich ging zu Steinway und spielte dort auf einem Flügel. Da kam ein älterer Herr, der sich als Mr. Steinway vorstellte, und sagte: Mein Junge, Steinway ist jetzt dein Haus. Du bekommst einen Schlüssel und kannst für den Wettbewerb üben, wann du willst.

SPIEGEL: Ihr Leben verlief ja in Wahrheit keineswegs nur als Glücksfall. Die ersten 15 Jahre lebten Sie in Magdeburg, zuletzt unter der Nazi-Herrschaft. Welche Erinnerungen haben Sie daran?

Pressler: Gute und schlechte. Viele Dinge habe ich mit Absicht vergessen. Es gab aber auch eine merkwürdige Episode, die ich mich kaum zu erzählen traue. Mein Bruder hatte sich beim Radfahren einen Fuß gebrochen, und zwei SA-Männer brachten ihn zu uns zurück. Sie hatten seinen Fuß geschient und ihn damit gerettet.

SPIEGEL: Wie haben Sie den 9. November 1938 erlebt, die Pogromnacht?

Pressler: Wir saßen in unserem Haus und hatten Angst. Unten in unserem Bekleidungsgeschäft wurden die Scheiben eingeschlagen und die Waren herumgeworfen. Danach wurde das Unternehmen liquidiert. Ich durfte nicht mehr aufs Gymnasium und bekam Privatunterricht.

SPIEGEL: Wie haben Sie diese Zeit psychisch durchgehalten?

Pressler: Die Musik war für mich eine Art Luftblase, die mich umgab und schützte. Und so ist es bis heute geblieben.

SPIEGEL: In Magdeburg hießen Sie noch Max.

Pressler: Meine Eltern haben mich Max Menahem genannt. Als ich dann von Palästina in die Vereinigten Staaten ging, habe ich den Max weggelassen. Das war ein bewusster Akt, weil ich auf diese Weise meine Dankbarkeit für das zeigen wollte, was mir Israel gegeben hat. Da habe ich mich umfangen gefühlt in einer großen Gemeinde.

SPIEGEL: Warum haben Sie, im Gegensatz zu anderen jüdischen Künstlern, nach dem Krieg wieder in Deutschland konzertiert?

Pressler: Ich fühle mich in Deutschland zu Hause. Und ich habe empfunden, dass ich verzeihen kann und muss. Vergessen kann ich nicht. Das darf man nicht. Meine Frau hatte dann die Idee, spende doch alles, was du in Deutschland verdient hast, für israelische Projekte. Das tue ich zum Teil noch heute.

SPIEGEL: Wie empfinden Sie Ihr Lebensdreieck aus den Ländern Deutschland, Israel und den USA?

Pressler: Ein starkes Dreieck. Israel hat mir die Menschenwürde zurückgegeben, Deutschland ist das Land meiner Sprache, der Musik, die ich liebe, und des Essens, das ich mag. Und Amerika hat mir die Freiheit gegeben, mich zu entwickeln. Und alle Ehren, die man bekommen kann, noch dazu! In Deutschland habe ich das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse erhalten. Es wurde mir in Magdeburg verliehen. Da bekam ich auch noch nachträglich mein Abiturzeugnis und wurde Ehrenbürger. Das hat mich alles sehr bewegt.

SPIEGEL: Wie alt fühlen Sie sich, kurz nach Ihrem 85. Geburtstag?

Pressler: Jung, sehr jung. Wenn ich die Treppe raufgehe, allerdings wie 75. Wenn ich sitze, wie 50. Und wenn ich spiele, wie 30.

SPIEGEL: Herr Pressler, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

* Karikatur von Hans Lindloff, 1913. * Mit den Redakteuren Joachim Kronsbein und Martin Doerry im Kölner Hotel Excelsior.

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