Festival "100 Jahre Copyright"  Das Urheberunrecht

Die Krise der Musikindustrie ist dank Streaming überwunden? Da kommt das Berliner Festival "100 Jahre Copyright" genau richtig. Denn für die Musikschaffenden ist die Krise krasser denn je.

Auftritt von Den Sorte Skole im HKW Berlin
Laura Fiorio/ HKW

Auftritt von Den Sorte Skole im HKW Berlin


In den Nullerjahren sah es so aus, als hätte die Tonträgerindustrie die Musik aufgegeben. Es wirkte, als verdiene sie mehr Geld damit, Konsumenten und Musikschaffende abzumahnen und zu verklagen. Es ging um Tauschbörsen digitaler Dateien, um illegale Downloads und um Samples in Musikstücken.

Noch 2005 entschied ein US-amerikanisches Gericht gegen die Hip-Hop-Gruppe N.W.A., die 15 Jahre davor zwei Sekunden eines Stückes von Funkadelic verwendet hatte. Das sogenannte Bridgeport-Urteil veränderte Hip-Hop drastisch. Man hörte fortan viele Tracks, die nur mit einem Sample auskamen, dieses aber ausstellten, als sei es ein Ferrari. Tatsächlich ist der Preis für prominente Samples mit einem Luxusauto vergleichbar, weil nicht festgelegt und reine Verhandlungssache.

Der New Yorker Autor Aram Sinnreich erinnerte in seinem vergnüglichen Vortrag zur Eröffnung des Festivals "100 Jahre Copyright" im Berliner Haus der Kulturen der Welt an die Folgen dieses musikfernen Kontrollwahns. Er legte dar, wie Samples zu Statussymbolen avancierten, die sich nur die Markführer leisten konnten, die damit ihre Macht abermals ausbauten.

DJ Ripley
HKW

DJ Ripley

Das Urheberrecht begünstigt das Starsystem. Und im Schatten der Scheinwerfer entwickeln sich unregulierte Zonen, in denen Neues entstehen kann. So erklärte Sinnreich, dass der erfolgreichste Hip-Hop heute wie aus den Südstaaten der USA klingt, wo die Industrie lange nicht hingeschaut habe. Tatsächlich, die RapperinCardi B aus New York, ein Superstar des Genres, könnte auch aus Atlanta kommen. Für einen Mann aus Brooklyn wie Sinnreich ist das eine Kränkung.

Jahreslanges Touren - Burn-out mit 30

In Zukunft werden wir uns wehmütig an die Launen der Musikindustrie erinnern, die immerhin nicht in jeden Winkel vordringen konnte. Die Blockchain-Technologie, von der sich manche eine gerechtere Verteilung unter Umgehung der Branchenriesen erhoffen, hat den Nachteil, dass ihr nichts entgeht.

Blockchain ist, grob gesagt, eine Art Hypervernetzung, die jede Transaktion im Internet extrem zerstückelt, verschlüsselt und auf viele Server verteilt. Das entmachtet zentrale Rechenzentren großer Firmen, registriert aber auch jede Bewegung - Blockchain ist potenziell eine Technologie der Überwachung.

Das kommt uns bekannt vor: Eine neue Technologie verspricht das demokratische Heil, bringt aber neue feudale Verhältnisse hervor. Das Loblied auf freie Musik und Sampling klingt schön. Aber wer noch immer meint, Free Copyright sei ein Ruf der Freiheit, verkennt die Lage der Musikschaffenden.

Sie hat sich in den letzten Jahren verschärft, weil Streaming ihr Finanzproblem nicht löst und die einzige verbliebene Geldquelle, das ständige Touren, die Leute schnell abnutzt. Jahrelanges Reisen, Spielen mitten in der Nacht: Burn-out mit 30. Etwa so erklärte es uns Björk vor einem Jahr. Gleichzeitig sind die großen Player mächtiger als zuvor, sie heißen nur anders, nämlich Apple, YouTube, Facebook und Spotify. Sie diktieren die Preise für die Künstler, früher nannte man das Kartell oder Monopol.

Technologisch hochgerüsteter Exotismus

Dass eine neue Technologie den Gesetzen weit vorauseilt, rechtliche Anpassungen lange dauern und die Interessen der Mächtigen, selten jene der Musiker spiegeln, ist nicht neu. Die erste Sprechmaschine von Thomas Edison erreichte Deutschland im Jahr 1878. Sie hieß Phonograph, konnte Schall aufnehmen und auch abspielen. Die Berner Übereinkunft regelte erst 1886 das Urheberrecht als völkerrechtlichen Vertrag, der keine nationalen Grenzen kennt. Doch der Vertrag beschränkte sich auf Literatur und Kunst, der Status der nun kopierbaren Musik blieb weitgehend ungeklärt.

Was Sampling künstlerisch bedeutet, muss heute allerdings nicht mehr erklärt werden. Wirklich jeder Impuls in der Popmusik geht auf Vorhergehendes zurück. Sogar der vom Neuen besoffene Punk war ein Echo auf Garagenrock der Fünfzigerjahre. Hip-Hop, Dub Reggae, House und Techno benutzten den Sampler als regelrechtes Instrument. Vielleicht liegt es daran, dass die musikalischen Beiträge von "100 Jahre Copyright" nichts erhellten.

Den Sorte Skole
Kristoffer Juel Poulsen/ HKW

Den Sorte Skole

Das dänische Elektroduo Den Sorte Skole benutzt Tausende Samples, die es nicht abklärt. Allein, da entsteht nichts außer einer Ästhetik der Überwältigung aus Licht und Schall, die in tanzbaren Passagen an den Big Beat der Neunzigerjahre erinnert. Noch schlimmer: afrikanische Masken im Bild und dementsprechende Stimmen in der Musik - solchen verstaubten, aber technologisch hochgerüsteten Exotismus sieht man selten im Haus der Kulturen der Welt.

Sampling und elektronische Produktion sind heute die Regel. Das produziert keinen künstlerischen Mehrwert. Außer man betrachtet die Sache historisch, wie wenn Mark Ernestus, eine Berliner Gründerfigur von Techno und elektronischem Dub, mit dem Reggaesänger Paul St. Hilaire alias Tikiman auftritt. Hier sieht man selbst im musealen Kontext noch sehr gut, wie vorgefertigte Musik mit spontaner Text- und DJ-Performance etwas schaffen, das dem alten Copyright Probleme bereitet.

Dennoch: Das Thema Urheberrecht kommt zeitlich richtig. Gerade weil man Copyright schon so lange diskutiert, ist heute eine gewisse Müdigkeit festzustellen. Sie mit mangelnder Dringlichkeit des Problems zu verwechseln, wäre fatal - für die Musikschaffenden.



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Seite 1
jujo 20.10.2018
1. ...
Wie ist das eigentlich früher gewesen, waren unsere Tonbandmitschnitte von RTL, AFN und anderen Radiosendern verboten? da wurde hin und her kopiert, zusammengeschnitten u.s.w. da hat sich niemand Gedanken gemacht.
syracusa 20.10.2018
2.
Zitat von jujoWie ist das eigentlich früher gewesen, waren unsere Tonbandmitschnitte von RTL, AFN und anderen Radiosendern verboten? da wurde hin und her kopiert, zusammengeschnitten u.s.w. da hat sich niemand Gedanken gemacht.
Nein, das war nie verboten und ist auch heute noch nicht verboten. Wie die meisten anderen Kritiker des Urheberschutzes sind auch Sie noch nicht mal mit den elementarsten Grundkenntnissen vertraut, und bauen Ihre Kritik auf völlig unzutreffende Annahmen. Die private Kopie von Literatur, Bildern, Skulpturen, Musik und Film war und ist zulässig und wird das auch bleiben. Manchmal darf man wie z.B. bei Texten für die Anfertigung der Privatkopien sogar einen bezahlten Dienstleister verwenden (Copyshop), manchmal muss man wie z.B. bei Musiknoten die Kopien handschriftlich machen. Das Recht auf eine Privatkopie ist selbstverständlich und stand noch nie zur Disposition. Natürlich darf Ihre Freundin unter der Dusche jeden beliebigen Popsong trällern (ja, sie plagiiert damit ziemlich sicher einige Künstler), und Sie dürfen sie dabei sogar filmen. Wer könnte Ihnen diese Anfertigung einer Kopie denn verbieten? Verboten und abgemahnt wurde niemals die rechtlich zulässige Anfertigung von Privatkopien (auch die Weitergabe an Freunde zählt zum privaten Gebrauch), sondern die Weiterverbreitung. Das ist ein wesentlicher Unterschied, aber in der Weiterverbreitung bestand ja gerade das Geschäftsmodell der vielen Webangebote.
DJ Doena 20.10.2018
3.
Zitat von jujoWie ist das eigentlich früher gewesen, waren unsere Tonbandmitschnitte von RTL, AFN und anderen Radiosendern verboten? da wurde hin und her kopiert, zusammengeschnitten u.s.w. da hat sich niemand Gedanken gemacht.
Dafür bezahlen sie auf jeden CD- und DVD-Rohling, jede Festplatte, jeden USB-Stick eine Tonträgerabgabe, egal ob sie jemals urheberrechtlich geschützte Musik kopiert haben oder ob es technisch überhaupt noch möglich ist. Die Krake hat ihre Tentakel überall.
Onkel Drops 20.10.2018
4. copyright zurecht da, der schaffende soll ja nicht wie van Gogh enden
ja der arme HipHop ,da haben etliche elektro Musiker auch massiv durch gelitten. manch alte CD ist heute nicht mehr erhältlich, Produzent Pleite und nichtmal via mp3 erhältlich. verwaiste Kunst in Form von Audio,Video, Büchern,Computerspielen gibts genügend wo ja irgendwann die Rechte frei werden... mit panini DVDs gingen zig Animelizenzen in einen Todesschlaf... da hängen sie heute noch...Verfügbarkeit nix da... ! niemand wird jemals alle original Dr Who Folgen (ab 1962 bis jetzt) als DVD haben können ( BBC hat es teils gelöscht (70er) vom Magnetband. Kopien null ). passiert heute nicht mehr? Dr Who letzte Staffel vor der Pause bis 2005 in Deutschland ausgestrahlt zur DVD Veröffentlichung musste neu vertont werden ( man hatte die deutsche Tonspur versehentlich gelöscht!!!). das Boot die Serie ( original Erstausstrahlungsversion ARD/WDR)ist nicht das was heute offiziell verkauft wird ( da fehlt einiges )... als zahlender Kunde wird man auch nicht verwöhnt... blurays inkl internetzwang äh adios bluraylaufwerk im Mediapc am Campingplatz. Kopierschutz der das nutzen von originalen verhindert ist ein falscher Weg, definitiv... wen die neue CD in 3 von 4 Abspielgeräten gar nicht lesbar ist... ist das auch Dreck... da umgeht das copyright viel zu oft die Zulässigkeiten die bezüglich CD/DVD aber genormt sind. muss ja auch mal lobend erwähnt werden... polnische Spielschmiede CD Projekt verzichtet auf Kopierschutz wegen unsinniger Kosten, Kunde ist ja nicht Raubkopierer und das soll dann in keinster weise durch solche Mechanismen noch behindert werden... geht doch
Newspeak 20.10.2018
5. ....
"und die einzige verbliebene Geldquelle, das ständige Touren, die Leute schnell abnutzt." Also wie normale Arbeit. Woher kommt der Glaube, man könne einmal ein Stück produzieren, und ewig davon leben? Autoren machen auch Lesereisen. Normale Menschen werden gezwungen 40 Jahre lang "auf Tour" zu sein, mit Schichtarbeit und am Band stehend. Sorry, ein Grossteil der Branche ist einfach nur sehr verwöhnt und will sich Privilegien der Vergangenheit sichern.
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