100 Jahre Jazz in Deutschland Vom Cake Walk bis zum Neobob

"Bear Family", das für seine CD-Wiederveröffentlichungen weltbekannte Label, dokumentiert die Entwicklung des Jazz in Deutschland. Die Auswahl von fast 300 Musikstücken beginnt mit einer Aufnahme aus dem Jahr 1899 und endet mit Computer-Beats von heute.

Jede Geschichte hat ihre Vorgeschichte. Und weil der amerikanische Modetanz "Cake Walk" zu den Vorläufern des Jazz gehört, finden wir unter den Vorreitern dieser Musik auch Paul Lincke. Denn der Operettenkönig aus der Kaiserzeit komponierte neben Gassenhauern wie "Das ist die Berliner Luft" auch den Cake Walk "Negers Geburtstag" und spielte ihn 1904 mit der Kapelle des Berliner Apollo-Theaters auf Schallplatte.

Solche Aufnahmen aus der Vorzeit des Jazz, Einspielungen aus den Goldenen Zwanzigern des vergangenen Jahrhunderts und Platten aus der Nazi- und der Nachkriegszeit enthalten die vier CD-Boxen "Der Jazz in Deutschland"; die Anthologie dokumentiert zudem die scheinbar zeitlose Dixieland-Szene, die Fusion von Jazz und Rock und den zeitgenössische Jazz mit seinen Neo-Beboppern, den Ethno-Enthusiasten und den Elektronik-Vertretern. So wird auf zwölf CDs und in vier Booklets mit sachkundigen Texten über die Musik, ihre Interpreten und das politische Umfeld die Geschichte des Jazz in Deutschland dargestellt.

Das einmalige Werk konnte entstehen, weil dafür zwei ungewöhnliche Männer zusammenarbeiteten. In Vollersode bei Bremen produziert Richard Weize, 63, erlesene CD-Boxen. Sein Label "Bear Family" holt vornehmlich Musik aus den ersten 60 Jahren des 20. Jahrhunderts aus den Archiven, renoviert sie klanglich und bringt sie neu verpackt auf den Markt – den Weltmarkt muss man sagen. Denn Weizes Tonträger-Boxen – etwa von den Beatles, Nat King Cole, von Filmmusik oder jüdischer Musik aus der NS-Zeit – werden von New York bis Tokio verkauft. Sie gelten als "Rolls-Royce" der Szene ("Los Angeles Times").

Weizes Partner, Rainer E. Lotz, 71, hütet in Bonn sein "Lebenswerk aus 60 Jahren": ein Archiv von über 50.000 Tonträgern, darunter 22.000 Schellackplatten, hinzu kommen Klavierrollen und Metallscheiben von Musikautomaten. Lotz machte sich einen Namen als Diskograph und Jazzhistoriker, während er in seinem Hauptberuf als Entwicklungsexperte durch die Welt reiste. Für das Bear-Family-Projekt brauchte er jetzt nur auf seine Sammlung zurückzugreifen und - zusammen mit Horst Bergmeier - die Texte zu erarbeiten und die Rechte für die 282 ausgewählten Stücke einzuholen, eine Sisyphusarbeit.

Das Resultat ist eindrucksvoll. Die historischen Aufnahmen ertönen in Hi-Fi-Qualität. Und wenn Künstler – wie etwa Till Brönner – fehlen, sind meistens Rechtsfragen die Erklärung. Voll vertreten finden sich in der Jazzgeschichte die ostdeutschen Musiker: "Der moderne Jazz in der DDR" wird auf einer eigenen CD gewürdigt. Illustrationen von Robert Nippoldt, Musikerfotos und Abbildungen der Plattenhüllen machen die vier Begleithefte der Boxen zu liebevoll gestalteten Bilderbüchern.


CD Various Artists: "Der Jazz in Deutschland auf 12 CDs" (Bear Family); Teil 1 "Vom Cake Walk zum Jazz"; Teil 2 "Die Swing-Jahre"; Teil 3 "Ein frischer Wind"; Teil 4 "Vom Jazz in Deutschland zum deutschen Jazz".