25 Jahre Haldern-Open-Air "Amy Winehouse ja, Pete Doherty nein"

Das "Haldern Pop"-Festival gehört zu den beliebtesten und geschmackvollsten Open Airs. Dieses Jahr feiert es mit Künstlern wie Kate Nash und Maximo Park sein 25. Jubiläum. Gründer Stefan Reichmann erklärt im Interview, wie alles anfing und warum er auf bestimmte Acts keine Lust hat.


SPIEGEL ONLINE: Haldern ist ein kleines Nest am Niederrhein mit 5800 Einwohnern. Warum um Himmels Willen haben Sie Ihr Popfestival ausgerechnet hier angesiedelt?

Reichmann: Weil wir hier groß geworden sind, und weil der Niederrhein chinesisches Porzellan früher sah als der Berliner. Der nahe gelegene Rhein war und ist für unsere Region immer auch kultureller Einfluss gewesen. Begonnen hat aber alles mit einer Sause unter freiem Himmel. Auf dem Land waren Clubs mit guter Musik Mangelware. Ich war damals in einer 14-köpfigen Messdienergruppe, und wir haben gemeinsam unseren Messdienerführer gefragt, ob wir so was mal machen dürfen, unsere eigene Musik spielen. Wir wollten Patti Smith hören und nicht The Sweet. Es wurden drei Jahre, und da nach und nach immer mehr Leute diesen unscheinbaren, aber schönen Platz im Freien entdeckten, entschieden wir uns 1984, mit Livemusik anzufangen. Die erste Band, die wir verpflichteten, waren die Chameleons aus England.

SPIEGEL ONLINE: Wie stellen ein paar Amateure so ein Festival auf die Beine? So eine Unternehmung kostet doch vor allem auch Geld.

Reichmann: Wir haben Enthusiasten gesucht, die bereit waren, 500 Mark in den Pott zu werfen und sich somit Festival-Veranstalter nennen zu dürfen. Wir haben 48 Leute gefunden, was nach Adam Riese 24.000 Mark waren. Wir haben einen Holzzaun geschenkt bekommen, den in Velbert abgebaut und ihn mit dem Tieflader nach Haldern transportiert. Ein Schreiner sagte, wenn wir ihm helfen würden, mitten in der Stadt ein Haus abzubrechen, würde er uns den Dachstuhl geben, zum Bretter draufschrauben, als Bühne. Im ersten Jahr war ein Schreiner wichtiger als ein Booker. 1985 haben dann Grobschnitt als Hauptact gespielt, da haben wir dann sogar zwölf Mark statt acht Mark Eintritt genommen. Es hat nur geregnet! Grobschnitt wollten erst gar nicht aufbauen, ein totales Desaster. Es hat dann aber alles noch geklappt.

SPIEGEL ONLINE: Welches der frühen Haldern-Jahre würden Sie als entscheidend für den Durchbruch des Festivals bezeichnen?

Reichmann: Für mich war das 1988, als wir Element of Crime als Headliner gebucht haben. Sven Regener hat noch vor zwei Jahren zu mir gesagt, das sei das erste Festival gewesen, wo sie wirklich als Element of Crime auf dem Plakat standen und nicht als "... und viele mehr". Das war ein denkwürdiger Gig im Nieselregen, es passte alles. Da wurde auch so richtig hingehört, schließlich hatte John Cale das zweite Element-of-Crime-Album produziert. Ebenso wichtig war 1989, als Fischer-Z spielten und wir erstmals über 2000 Besucher hatten. Damals bekamen wir vom Zirkus Flick Flack restaurierte Wohnwagen geliehen, es ging so richtig los. 1991 hat dann Bob Geldof gespielt, und es war zum ersten Mal ausverkauft.

SPIEGEL ONLINE: "Haldern Pop" gilt nicht nur als das deutsche Festival mit der familiärsten Atmosphäre, Kritiker lieben es vor allem wegen seiner großen Geschmackssicherheit. Innerhalb der Indie-Gemeinde gab es daher Proteste, als im letzten Jahr der Kommerz-Rapper Jan Delay Headliner war.

Reichmann: Die kritischen Stimmen gab es ja vor allem deshalb, weil manche Leute Angst hatten, dass "ihr" privates Festival nun für Leute geöffnet wird, die da eigentlich nichts zu suchen haben. Aber wer hat in Haldern nichts zu suchen? Ich gehörte nie zu der Fraktion, die gesagt hat: An dem Tag, an dem U2 mit "The Joshua Tree" verkaufsmäßig die Millionengrenze durchbrochen haben, waren sie keine gute Band mehr.

SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht teuer, jemanden wie Jan Delay zu buchen?

Reichmann: So teuer war er gar nicht. Die Künstler, die nach Haldern kommen, wissen mittlerweile, dass wir nicht das Geld haben, das andere Veranstalter haben. Sie kommen aber trotzdem, weil sie gehört haben: Haldern ist ein guter, ein besonderer Ort, da bekomme ich Aufmerksamkeit, da habe ich beste Rahmenbedingungen und verzichte vielleicht auch mal auf den einen oder anderen Schein. Es hat noch nie Beschwerden darüber gegeben, dass der Busfahrer eher warmes Essen bekommt als der Sänger. Und Jan Delay hat mit seiner Band ein tolles Konzert gespielt.

SPIEGEL ONLINE: Wen hätten Sie immer schon gern fürs Haldern Pop Festival verpflichtet, sind aber bislang immer gescheitert?

Reichmann: Wir haben schon ganz früh mit Arcade Fire verhandelt, da hatten die noch keinen Agenten, kein Management, gar nichts. Die hatten aber kurze Zeit nach Haldern eine Verpflichtung in Japan, was für die Band mehrere Kontinentalflüge in einem sehr engen Zeitrahmen bedeutet hätte. Ich habe mehrfach nachverhandelt und hoch gepokert.
Man sagte mir damals, ich sei verrückt. Aber ich wusste, wie unglaublich gut diese Band ist. Und dann traf meine Vorhersage ein: Die Band wurde groß, und der Zug war für uns abgefahren. Jetzt kriegt man sie nicht mehr finanziert. Unsere ursprüngliche Vision, als wir damals mit dem Festival anfingen, war tatsächlich Peter Gabriel, am Klavier, ohne den ganzen technischen Aufwand.

SPIEGEL ONLINE: Zum Rock'n'Roll gehört immer auch Exzess. Wie muss man sich die größten Katastrophen hinter den Kulissen von Haldern vorstellen?

Reichmann: Lemonheads-Sänger Evan Dando kam 2003 schon einen Tag früher von Australien nach Haldern, war total euphorisch, redete mit jedem und spielte allen seine neuesten Aufnahmen vor. Am nächsten Tag, als er spielen sollte, war er wie ausgewechselt, sehr schwermütig, vielleicht medikamentös falsch eingestellt. Wir mussten einen Arzt kommen lassen. Während des Auftritts trat Dando dann eine Nebelmaschine von der Bühne und verfehlte einen Ordner nur knapp. Er tat mir leid zuzusehen, wie sich so eine tragische Biografie entwickelte. Ein Jahr davor kam Ian Brown (Ex-Stone-Roses, d. Red.) nach ein paar Bierchen auf die Idee, Holz zu hacken. Da hat ihm jemand glücklicherweise noch die Axt abgenommen, der schon sah, dass das in einem Fiasko enden würde.

SPIEGEL ONLINE: Würden sie es riskieren, kapriziöse Stars wie Amy Winehouse oder Pete Dohertys Babyshambles zu buchen, wenn es finanziell möglich wäre?

Reichmann: Amy Winehouse würde ich buchen, weil ich sie für eine großartige Künstlerin halte und mir vorstellen kann, dass sie Haldern genießen und sich dort vielleicht wieder für Dinge wie Apfelkuchen interessieren würde. Die Babyshambles würde ich nicht haben wollen. Ich möchte nicht, dass dieser Rock'n'Roll-Verkehrsunfall auch noch Voyeure anzieht. Ich möchte nicht Zeuge eines zeitgeschichtlichen Verfalls werden, bei der die Musik nicht im Vordergrund steht. Obwohl mir Pete Dohertys Musik an sich gefällt.

Das Interview führte Jan Wigger.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.