70 Jahre Blue Note Willkommen im Swinger-Club!

Sie hatten null Ahnung von Noten, wussten aber: Es muss swingen. Die Exil-Deutschen Alfred Lion und Frank Wolff gründeten in den dreißiger Jahren das US-Label Blue Note, das den Jazz über Jahrzehnte prägte. Das Berliner Jazzfest feiert die Legende jetzt mit Konzerten - und sensationellen Fotos.

Von Ralf Dombrowski


Aufgenommen wurde im Wohnzimmer. Dass das funktionierte und sogar anständig klang, ist dem Toningenieur Rudy van Gelder heute noch ein Rätsel. Aber weder er noch Alfred Lion von der damals taufrischen Jazzplattenfirma Blue Note hatten genügend Geld, um sich dauerhaft in den großen New Yorker Studios einzumieten. Also musste während der ersten Jahre bis zum Umzug van Gelders in den Fünfzigern nach Englewood Cliffs improvisiert werden, am elterlichen Flügel im suburbanen Hackensack, mit überwiegend selbst kreiertem und zusammengelötetem Equipment.

Das Resultat dieser zumeist spätnächtlichen Sessions war erstaunlich und prägte die Klangvorstellung des modernen Jazz. Denn es passt zu dem, was die Musiker erzählen wollten. Schließlich ging es der jungen Generation nicht mehr um die große Entertainment-Geste des Swing, sondern um die persönlichen, genialischen Geschichten des Bebop, für die sich die Solisten nicht selten die Seele aus dem Leib spielten.

Alfred Lion stammte aus Berlin. Seine Jugend hatte er in einer der quirligsten Kulturmetropolen Europas verbracht. Ein Konzerterlebnis mit dem Pianisten Sam Wooding im Admiralspalast 1925 hatte die Neugier auf eine Musik geweckt, die sich Jazz nannte. Als die Nazis an die Macht kamen, wanderte Lion mit seiner Familie zunächst nach Chile aus, zog dann weiter nach New York und brachte sich mit Gelegenheitsjobs durch. Die Begeisterung für Jazz jedoch erhielt er sich. Mehr noch: Er sah in der Musik nicht nur gepflegte Unterhaltung, sondern die Basis für eine eigenständige Klangsprache.

Für Lion war Jazz von Anfang an Kunst. Im Unterschied zu vielen amerikanischen Kollegen bewunderte er die Musiker und war fasziniert von der Innovationskraft, die in der Verbindung von Swing, Blues und persönlichen Eigenheiten schlummerte. So konnte er nicht anders, als selbst Aufnahmen mit seinen Heroen zu versuchen. Am 6. Januar 1939 war es soweit. Lion mietete ein Studio und nahm zehn Stücke mit den Boogie-Pianisten Albert Ammons und Meade Lux Lewis auf, die er zwei Wochen zuvor in der Carnegie Hall gehört hatte - eine frühe Ausnahme, denn bis auf weiteres war das Wohnzimmer Spielort. Es war der Startschuss von Blue Note, dem ersten von Rassenschranken und der amerikanischen Medienlobby unabhängigen Jazzlabel.

Aufbruch und Experimente

In seinen Einwanderungspapieren hatte Alfred Lion als Beruf "Büroangestellter" angegeben. Er war Amateur, hielt sich selbst für unmusikalisch, konnte aber gerade dadurch zu einem der führenden Produzenten des Jazz aufsteigen. Er wollte die Musik entdecken und experimentierte. Lion veröffentlichte Jazz im langen 12-Inch-Schellack-Format, das eigentlich der Klassik vorbehalten war und nahm spät nachts auf, im Anschluss an die kommerziellen Jobs der Musiker, um diese besondere, überdrehte Stimmung des Kreativen einzufangen.

Und er fand Partner, die ihn in seinen Visionen unterstützten. Im Herbst 1939 stieß sein ehemaliger Jugendfreund aus Berliner Tagen Frank (Francis) Wolff (1907-71) zu Blue Note. Er hatte mit einem der letzten Schiffe, das die Nazis nach New York fahren ließen, Deutschland verlassen und führte nun die Geschäfte, während Lion produzierte.

Außerdem war Wolff Fotograf, mindestens ebenso jazzbesessen wie seine Partner und dokumentierte daher mit seiner Rolleiflex unermüdlich das Geschehen im Studio. Als Talentscout stand außerdem der Saxofonist Ike Quebec den beiden Emigranten zur Seite, der Musiker wie den jungen Bud Powell oder Thelonious Monk an Blue Note vermittelte.

Der Link in die Gegenwart

Die Firma prosperierte. Alfred Lion und der Toningenieur Rudy van Gelder schufen gemeinsam mit Musikern wie Horace Silver, Art Blakey oder John Coltrane den Sound des modernen Jazz, mal hardboppig rasant, mal elegant und funky. Francis Wolffs diskrete, empathische Schwarzweiß-Bilder ergänzten pointiert den Gesamteindruck. Mit Einführung der Langspielplatte gewann das neue Genre der Cover-Fotografie mit charakteristischen Bildern außerhalb der Studiowände an Bedeutung. Der Werbegrafiker Reid Miles schuf hier mit Hilfe von Wolffs Schnappschüssen ab 1956 eine eigene Kunstform mit großen Schriften und mondrianschen abstrakten Farbflächen.

Blue Note half dem Soul Jazz und dem Free Jazz aus den Windeln und schob, stilistisch offen, zahlreiche weitere Trends an. Im Jahr 1966 jedoch verkaufte Alfred Lion aus gesundheitlichen Gründen seine Firma an Liberty. Francis Wolff führte die Geschäfte eine Zeitlang weiter, konnte aber nicht verhindern, das Blue Note angesichts des sich rasant verändernden Musikgeschäfts den Anschluss verlor. Erst 1984 wurde das Label unter der Leitung des Musikmanagers Bruce Lundvall wiederbelebt und startete durch.

Seitdem ist Blue Note wieder mit tonangebend. Man denke etwa an die Combo US3, die 1993 mit der Popjazz-Adaption von Herbie Hancocks "Cantaloup Island" die Brücke zum Clubbing schlug. Sängerinnen wie Cassandra Wilson und Dianne Reeves entwickeln unter dem Dach des Labels ihre Kunst. Der Trompeter Wynton Marsalis hat seit den Neunzigern eine ganze Generation traditionell selbstbewusster Jazzmusiker beeinflusst; die Sängerin Norah Jones gehört nicht nur zu den erfolgreichsten Künstlerinnen der Gegenwart, sondern fungierte mit ihrer Musik als Initialzündung für die Rückbesinnung auf die authentischen Qualitäten des Songwritings, die inzwischen weltweit die Hitparaden prägen.

Jüngst sorgte der afroamerikanische Pianist Robert Glasper im Namen von Blue Note für Furore: Er kombiniert die technische Brillanz großer Bebop-Virtuosen mit der Modernität des HipHop - eine Mischung, die auch dem klassischen Jazz wieder neue Hörergruppen erschließen kann.

Klangvolle Heimkehr

Es gibt also Gründe zum Feiern. Blue Note ist 70 geworden, und das Jazzfest Berlin stellt das Label, das einst von zwei deutschen Emigranten und Enthusiasten ins Leben gerufen wurde, in den Mittelpunkt seines Programms. "Es ist nicht nur der Name, es ist überhaupt unsere Art zu spielen. Blue Notes sind das Zentrum", meint Nils Landgren, Posaunist und künstlerischer Leiter des Festivals, und verweist auf die Vielfalt der Künstler, die fünf Tage lang Clubs und Konzertsäle füllen.

Er habe sowohl etablierte Musiker wie den Gitarristen Lionel Loueke als auch Nachwuchskünstler wie den Pianisten Aaron Parks nach Berlin holen wollen, was ihm auch weitgehend gelungen sei. Nur Glasper hat abgesagt - ein kleiner Schnitzer in einem ansonsten exzellenten Programm. Als Trostpflaster deshalb anbei eine Hörprobe aus dem Album "In My Element".

Vor allem aber kreiert das Jazzfest Berlin in diesem Jahr neue Formen der Kooperation wie etwa mit dem Jüdischen Museum Berlin. Denn dort werden im Rahmen der Ausstellung "It Must Schwing" zahlreiche, bislang überwiegend unveröffentlichte Fotos von Francis Wolff und dessen ästhetischem Nachfolger in der Gegenwart Jimmy Katz gezeigt, die darüber hinaus in einem opulenten Bildband zum Jubiläum ("Francis Wolff, Jimmy Katz: Blue Note Photography", Jazzprezzo Verlag) präsentiert werden. Eine eigene Konzertreihe integriert außerdem den Glashof des Jüdischen Museums in das Festivalgeschehen, so dass die Musik über die Clubs und das Haus der Berliner Festspiele hinaus auch an ungewohnten Orten erklingt.

Es ist also ein bisschen wie eine Heimkehr - aber nur ein bisschen. Denn der Jazz von Blue Note konnte nur deshalb so stilprägend und letztlich bedeutsam werden, weil sich in dieser Musik die Kreativität vieler Kulturen zu einer eigenständigen Sprache verbinden konnte, zu einer Kunst, die auf Leidenschaft beruht. "It Must Schwing", wie Alfred Lion zu sagen pflegte.


"Blue Note - It must schwing!" Fotografien von Francis Wolff und Jimmy Katz, Jüdisches Museum Berlin, bis zum 7. Februar 2010.



insgesamt 4 Beiträge
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pascalbraun 04.11.2009
1. Swinger-Club -- oder Swing Club??
Schon interessent, dass so viele beruehmte Jazz Musiker im Swinger Club (Partnertausch Club) Musik gemacht haben, anstatt in den Swing Club zu gehen, wo sie ja eher erwarten wuerde. Erinnert ein bisschen an die Probleme mit den "Swingern" die Angela Merkel ja vor der Wahl angeblich hatte. Man weiss aber nicht, was es damit auf sich hat, weil der Artikel dann letztlich doch nur ueber Wechselwaehler (english: "swing voters") gewesen ist - und nicht wie die Uebrschrift glaubhaft machen wollte ueber "sexuell befreite Paare". Ist vermutlich Absicht - Sex zieht - da liest man in froher Erwartung selbst einen droegen Artikel ueber Politik. Irgendwann wird es schon interessant werden ... ... . Oder wir muessen mal unser Englisch aufbessern, bzw. vielleicht erst mal mit dem Deutsch anfangen. Schade, schade - ist schon sehr peinlich.
moonoi 05.11.2009
2. bedauere aufrichtig nicht in berlin sein zu koennen
eine mneiner ersten schallplatten die ich mir ueberhaupt als Kind! vor 40 jahren von meinem taschengeld zusammengespart hatte, war "BLUE NOTE - Three decades of Jazz" eine wunderbare compilation mit sechs! schallplatten mit aufnahmen von 1939-1969. dann kam gleich jimmi hendrix. gratuliere BLUE NOTE und verneige mich vor dessen gruendern, wovon ich damals keine ahnung hattte mich interessierte nur die musik sydney bechet - "summertime" eine aufnahme von von 1939 hoeren und weinen bei der vorstellung was fuer wunderbare musik in den USA zur aufführung kam, waehrend die nazis europa in schutt und asche legten. jetzt google ich mir das bei youtube raus, und koennt schon wieder heulen. http://www.youtube.com/watch?v=IG4nPM9uxwg
jueho47, 05.11.2009
3. Komisch
...wenn die Gründer wirklich "Null Ahnung von Noten" hatten, dann ist es interessant wie sie dazu kommen das Label sinnigerweise "Blue Note" zu nennen. (Interessierte können in Wikipedia nachschauen, was es mit "Blue Note" auf sich hat.) Vielleicht heissen aber die "Blue Notes" tatsächlich erst wg. des Labels "Blue Notes" - oder sie hatten einen fachkundigen Berater bei der Namensauswahl - oder sie waren eben doch nicht so ahnungslos....?
moonoi 05.11.2009
4. sinnfreies gestammel
Zitat von jueho47...wenn die Gründer wirklich "Null Ahnung von Noten" hatten, dann ist es interessant wie sie dazu kommen das Label sinnigerweise "Blue Note" zu nennen. (Interessierte können in Wikipedia nachschauen, was es mit "Blue Note" auf sich hat.) Vielleicht heissen aber die "Blue Notes" tatsächlich erst wg. des Labels "Blue Notes" - oder sie hatten einen fachkundigen Berater bei der Namensauswahl - oder sie waren eben doch nicht so ahnungslos....?
schon mal was von BLUES gehoert ?
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