Patricia Dreyer

Pop-Comeback Abba, warum tut ihr mir das an?

Patricia Dreyer
Ein Zwischenruf von Patricia Dreyer
Ein Zwischenruf von Patricia Dreyer
Lange Jahrzehnte nach ihrer Weltkarriere will es Abba also noch mal wissen: neues Album, neue Songs. Ich, einst glühender Fan, kann mich so gar nicht darüber freuen.
Abba damals, ganz authentisch: Ist es sinnvoll, Avatare auftreten zu lassen, nur weil man es kann?

Abba damals, ganz authentisch: Ist es sinnvoll, Avatare auftreten zu lassen, nur weil man es kann?

Foto: Schilling / picture alliance / dpa

Gehen Sie bitte weiter, es ist nichts Dramatisches passiert. Dass ich eine Sinnkrise habe, weil Abba wieder singen – mehr »First World Problem« geht ja nun wirklich nicht, oder?

Aber da Sie nun schon mal hier sind… Es ist nämlich so:

Es war einmal ein kleines Mädchen (ich), Ende der Siebzigerjahre, das liebte die Band Abba unermesslich. So, wie nur sehr junge Menschen etwas lieben können: anspruchslos, hingebungsvoll, unschuldig. Ich war elf, Opa war gestorben, und er fehlte mir, dann die neue Schule, und was bitte war mit meinem Körper los? Alles veränderte sich, so vieles befremdete mich, und das war ziemlich beängstigend.

Abba aber waren konstant, ihre Sounds so simpel, groß und tröstlich: eine blonde Frau, eine rothaarige, und diese unfassbare Harmonie ihrer Stimmen. Zwei Männer gab es auch, aber die waren wohltuend unwichtig (so schien es mir); nur zwei harmlose nette Kasper.

Ich hatte damals kaum angefangen, Englisch zu lernen, aber die Abba-Songtexte konnte ich in Windeseile auswendig, sie sitzen bis heute. »The King has lost his crown«, »When I kissed the teacher«, »Eagle«.

Meine Abba-Phase – das mit Postern zugepflasterte Kinderzimmer, das verschleuderte Taschengeld, ausgegeben für Fan-Books und Kassetten – ging vorbei, wie diese Dinge sich eben irgendwann erledigt haben. Mein Musikgeschmack reifte, die Lust auf Komplexeres, Ungeschliffenes stellte sich ein.

Konserviert für die Ewigkeit

Aber, natürlich: Nichts triggert Erinnerungen und Gefühle so stark wie Musik. Was uns früh sehr glücklich machte, dafür bewahren wir uns im besten Fall eine federleichte, nostalgische Zuneigung.

Abba waren zeitlos schön, ihre Stimmen jung und jauchzend, und egal, durch wie viele – meist im Fan-Kernland Australien ihren Ursprung nehmende – Revival-Phasen die Songs gingen: Es gab nie neue. Wann immer ich die Musik nicht als Hintergrundrauschen, sondern hin und wieder bewusst hörte, war ich wieder elf, und die Sorgen der Welt ließen sich wegträllern. Meine Kinderliebe zu Abba schien konserviert für die Ewigkeit.

Und jetzt: das! Abba bringen neue Songs heraus, eine Tour ist angekündigt. Und ich? Bin erschreckt, verwirrt.

Warum schon wieder etwas beleben, das seine Zeit doch hatte? Was abgeschlossen war, perfekt nicht nur in seiner Vollendung, sondern weil es endlich war.

Muss ich von der Abba-Wiedererweckung, wofür mich unerhörterweise niemand um Erlaubnis bat, Kenntnis nehmen? Soll ich das Comeback ignorieren, aus Solidarität zu meinem elfjährigen Selbst, dessen Bedarf an verwirrender Veränderung mehr als gedeckt ist?

Verwirrte Gefühle gealterter Urzeitfans

Ich habe schließlich – was haben Sie anderes erwartet? – doch reingelauscht in die neuen Songs. »I Still Have Faith In You«, Leadvocals von Anni-Frid, so weit, so gut (ich gehörte – ewige Gretchenfrage aller Abba-Fans – nicht zum »Team Agnetha« (blond), sondern stets zum »Team Frida« (rothaarig)).

Erste Eindrücke: Oh, ihre Stimme ist alt geworden, fragil. Dann: Hatte ihr Englisch schon immer diesen schwedischen Akzent, dieses gelispelte »S«?

Der Song kommt mir belanglos vor, das Video ist nett: Siebzigerjahre-Nostalgie, ulkige Fashion, alles sehr clever zusammengestellt. Zum Ende hin aber gruselt es mich direkt, als die vier Abbas, die mittlerweile doch sicher auf die Achtzig zugehen, den neuen Song computeranimiert in junger Gestalt vortragen, als seien sie wieder Mitte dreißig.

Ist es nicht reichlich verrückt und ja, unwürdig, solchen »Ewige Jugend«-Mummenschanz aufzuführen? Mensch Abba, rockt es doch mit achtzig, steht dazu!

Verstehen Sie mich nicht falsch: Natürlich ist das alles immer noch Abba (eine Musikkritik meines Kollegen Jurek Skrobala lesen Sie hier): Das Songwriting von Björn Ulvaeus und Benny Andersson, Godfathers des Schweden-Pop, ist einschmeichelnd und Perfektion, die Refrains sind sofort vertraut.

Ich hadere nur damit, dass wir als Gesellschaft ständig Dinge tun, weil wir es können, und nicht fragen, ob es tatsächlich sinnvoll ist. Wir können Autos bauen, die irre schnell fahren, also fahren wir schnell. Wir können jeden Tag Fleisch essen, also schieben wir uns die Currywürste in die Rachen. Popstars, die fast achtzig sind, können sich der Welt wie dreißig präsentieren, also wird mit musikalischer Nummer-sicher-Masche und Avataren noch mal abkassiert.

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Sie ahnen es: Genau diese Gedanken habe ich mir um Abba nie machen wollen. Ich wollte mich immer nur mit wärmster Sympathie daran erinnern, wie schön es damals war, als die geniale Schlichtheit von ein paar Schwedensongs die Welt wieder in Ordnung zu bringen vermochte.

Ein zweiter Song, »Don't Shut Me Down« (Leadvocals Agnetha), spielt listig mit den verwirrten Gefühlen der ebenfalls gealterten Urzeitfans: Gib mir noch eine Chance, heißt es da, mach mich nicht gleich fertig nur, weil ich noch mal neu anfangen will.

Verstanden, Abba. Aber ich bin halt nicht mehr elf. Ihr singt künftig ohne mich.

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